Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 3 (1.3.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Tilst, Duisburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/10279732-10279738-10021729--593-3981316- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ihm bei diesem Dienst an den seiner Fürsorge anvertrauten Menschen je zu lang geworden, oder vielmehr: kein Tag war ihm je lang genug; und diejenigen, die ihn aus der Nähe kennen, wissen es, daß es keine. Stunde gibt, in der er nicht mit seinem ganzen Sinnen, Sorgen und Tun der Pflicht angehört, die ihn ein ganz seltenes und, man darf es sagen, reiches Leben finden Heß. So möchte man in bezug auf ihn die Antwort, die Ben Soma auf die Frage: „Wer ist reich?“ gegeben hat, abwandeln und antworten: Wer vom Leben mit Pflichten begnadet wurde. Möchte es dem verehrten Jubilar noch auf lange vergönnt sein, seinen schweren PfHchten anzugehören — zur inneren Befriedigung für ihn selbst und zum Segen für viele! Spinozas Bildhauer Von Leo Hirsch. Wie sah Spinoza aus? Es ist bezeichnend, daß wir das nicht wissen. Es gibt verschiedene Bilder des größten jüdischen Philosophen, sie widersprecfien einander, und wenn man sie alle genau betrachtet, so weiß man eben nur, daß sie einander widersprechend unähnlich sind, und nicht, wie Spinoza wirklich aussah. Den Forschern ist es gelungen festzustellen, daß das eine und das andere Porträt aus dem einen und dem anderen Grunde nicht gelten könne, und was sie übrig lassen, ist ein Mann von mittlerer Statur und dunkler Hautfarbe im Kostüm seiner Zeit und seines Landes, ein Gesicht mit nicht unschönen, regelmäßigen Zügen, langen schwarzen Augenbrauen und schwarzen Haaren, dazu einer Nase, die vielleicht, aber hierüber waren wohl die Maler nicht einer Meinung, ein wenig lang war. Wollten wir alle Versionen, die sich aus den Bildern, den Zweifeln daran, den Beschreibungen und den Meinungen darüber ergeben, auch nur ungefähr darstellen, so ergäbe sich leicht ein kleiner Wälzer über die Auffassungen von Spinozas Äußerem, und tatsächlich ist ein solches, den Gegenstand übrigens erschöpfendes Werk bereits vorhanden; aber was besagt das für uns und was besagt das für Spinoza? Wenn es erlaubt ist, einer ketzerhaften Meinung Ausdruck zu geben, so hat Spinoza ganz genau so ausgesehen, wie jeder von uns ihn sich vorstellt. Und da er selbst keine Gelegenheit mehr hat, eines Tages leibhaftig vor uns zu erscheinen, ist keines unserer Spinoza-Bilder zu entkräften. Zur Zeit unserer Eltern gab es einen weltberühmten russischen, in Wirklichkeit jüdischen Bildhauer, der unter anderem auch einen Spinoza schuf, und da wir schon bei Ketzermeinungen sind, darf man vielleicht behaupten, daß Mark Antokolskis Spinozabildnis vielleicht das echteste ist, obwohl es den anerkanntesten Porträts nicht entspricht. Es hat vor allem die helle Reinheit des steinernen Stoffes, die ergreifend menschliche Linie der gelassen leidenden und in sich hinein sinnenden Denkerhaitung und doch den erhaben göttlichen Schimmer der Idee. Da sitzt Spinoza, den Kopf leicht vorgebeugt, kein Titan, doch auch kein nur müder, nur armer Jude, der Tod, der hier schon mit in den Stein eingegangen ist, hält noch den Atem an vor diesem inneren Leben, er lebt es mit, die Todesidee ist hier ein Zug in Spinozas Leben, wie sie es immer auch in Antokolskis Leben war, und die seltsame, bis zur Körperlosigkeit und Durchsichtigkeit getriebene Magerkeit des steinernen Körpers in der Seitenansicht steht in faszinierendstem Widerspruch zu dem hohen, klaren, unbeschreiblich harmonisch sinnenden und sinnvollen. Spiel der Gedanken, die Antokolskis Kunst Spinoza auf das Antlitz gezaubert hat. Es ist das Gesicht weder eines stolz denkenden sephardischen Juden, wie Spinoza es war, noch eines vergrübeHen, leidenschaftlich geistigen, russischen Juden, wie Antokolski es war, sondern das Antlitz Spinozas, von dem nur der Geist noch lebt und sich hier einen neuen Körper, ein neues Gesicht gebaut hat. Hätte Antokolski nichts als diesen Spinoza geschaffen, so verdiente er dennoch, unvergessen zu bleiben, er war aber überhaupt einer der edelsten russischen Juden und Künstler aller Zeiten. Er stammte aus Antokol bei Wilna, sein Vater, der Schankwirt war, und jedermann im Hause mißhandelte den Jungen, der zu keinem Beruf als zum Laufburschen taugte und aus der Lehre bei einem Posamentierer genommen werden mußte. Ein „Schlimm- Maselnik“, ein Schlemihl, hin und hergestoßen, hatte er nur einen Trost, er schnitzte nachts, einsam, niemand durfte es merken, Figürchen aus Holz, und wenn diese seine „Narreteien“ ruchbar wurden, gab es Hohn und Spott und Prügel. Nur ein Mensch, ein Feldmesser und Quartalssäufer, ermutigte den Jungen: Du bist ein Künstler, und eines Tages ging der junge Mark zur Frau des Wilnaer Gouverneurs Nasimoff, zeigte ihr seine Figuren, und sie redete mit seinem Vater, gab ihm eine Empfehlung an eine Hofdame und ein paar Rubel mit und schickte ihn nach Petersburg. Die Hofdame war gerade in der Sommerfrische, er mußte Monate lang sich recht und schlecht durchhungern, dann empfahl sie ihn weiter, und der junge Antokolski wurde Akademie-Schüler. Sein erster Erfolg war das Relief eines jüdischen Schneiders auf Holz, wie er die Nadel einfädelt, es brachte ihm 100 Rubel, eine silberne Medaille und eine unbändige Freude. Denn bisher hatte er von einem Stipendium von 10 Rubeln monatlich gelebt, dessen Spender der Baron Günzburg war; der zwanzigjährige Antokolski hatte den Baron aus Mangel an geeigneten Instrumenten mit einem Nagel auf einem Stückchen Elfenbein meisterlich porträtisiert. 1865 bekam er für eine Elfenbeinstatuette eines Geizhalses ein kaiserliches Stipendium von 29 Rubeln monatlich, worauf er sofort zu Gunsten Bedürftigerer auf das Günzburgsche Stipendium verzichtete. Das Ungewöhnliche, für die Bildhauerei überhaupt Revolutionäre an diesen und anderen Jugendarbeiten Antokolskis war nicht nur, daß er zum ersten Mal in der Kunst jüdische Menschen und Gegenstände darstellte, sondern vor allem die Art seiner Darstellung. Bisher hatte man die Staffagen der Bildnisse allegoristisch gewählt, er gab realistisch die wirklichen Gerätschaften. Und doch war er nie Realist in dem Sinne, daß er nur die '.Virklich- Antokolskis Spinoza-Skulptur Fot. Soniwirfald keit wiedergab; die Idee war ihm entscheidend, und sein Spinoza zeugt am deutlichsten dafür. Er schuf ganze Szenen in und mit den Räumen ihrer „Handlung“, „mit großer Tiefendimension und Perspektive, mit Dielen und Wänden und Decken, darin die wirkenden Personen“, so seine „Streitenden Talmudisten“, so die berühmte „Inquisition“, worin die Marranen im Keller den Seder abhalten, plötzlich, verraten, entsetzt aufspringen, das Tischtuch von der ThfeT Geschirr und Bücher zu Boden gerissen, Stühle umgeworfen werden, Männer sich in den Winkel dringen. 4