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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-03-01 · 3 (1.3.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Tilst, Duisburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
3 (1.3.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Tilst, Duisburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1937-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Protokoll geben.*" — So konnte es kommen, daß Brüder, wenn sie FamBienhäupter waren, trotzdem verschiedene Familiennamen wlhlten. War jemand nicht an dem Orte wohnhaft, wo das Aufnahmeverceichnis für Um geführt war de, so konnte er vor der städtischen* oder Kreispolizeibehörde seines Wohnortes zn ProtokoU geben, wie er künftig genannt sein wollte und um Einsendung dieses Protokolls an die Behörde bitten, die für ihn das Verzeichnis führte. Nur mußte er dies so rechtzeitig bewirken, daß die letztgenannte Behfirde am 24. September 1812 in den Besitz dieses Protokolls kam. Die Spalten 16—25 waren dann für diejenigen Veränderungen bestimmt, die sich in der Zeit zwischen 24. März und 24. September durch Geburt, Heirat, Tod, Auswanderung ergaben und die hier nach Zu- und Abgang gebucht werden mußten. Am 16. Oktober sollten sodann die Verzeichnisse endgültig abgeschlossen werden und hatten mit der nächsten Post den zuständigen Regierungen zuzu- 1 gehen. Diese batteh bereits sechs Wochen nach Beginn der Frist ein erstes Exemplar erhalten und mußten nunmehr inach dem zweiten das erste ergänzen und das Duplikat an 1 die Unterbehörden zurücksenden. Diese bewahrten sie j! nunmehr auf. Man kann annehmen, daß durch diese Staatsbürgerrolle lückenlos alle damals in den angeführten preußischen Provinzen wohnhaft gewesenen Juden erfaßt wurden. Lag es ja doch in ihrem eigenen Interesse, die gestellten Termine innezuhalten. Es bleibt tief bedauerlich, daß in den 125 Jahren, die seitdem verflossen sind, nicht sämtliche noch vorhandenen Staatsbürgerrollen von der jüdischen Forschung erfaßt und gedruckt worden sind. Wir besäßen damit ein unvergleichliches Material nicht nur für die Familienforschung, sondern auch für alle die vielfachen Fragen, die den jüdischen Historiker von heute bewegen: Berufsgliederung, Altersgliederung, Geburtßchkeit, Herkunft usw. Heute ist dieses Versäumnis schon deswegen sehr schwer wieder gutzumachen, weil manche Gebiete, in denen Juden gemäß diesem Edikt verzeichnet wurden, heute nicht mehr zum Deutschen .Reiche gehören und ex schwierig sein dürfte,, dieses Material wlzsenschaftlich zu erfassen. * : V Aus dem Edikt selbst seien noch einige Bestimmungen hervorgehoben,' die für das Leben der Juden im 19. Jahrhundert von Bedeutung waren. Sie waren nunmehr verpflichtet, ihre Handelsbücher, ihre Verträge und Willenserklärungen ln deutscher oder einer anderen lebendigen Sprache abzufassen und sich auch bei ihren Namensunterschriften deutscher oder lateinischer Schriftzüge zu bedienen. ’ - _ r- Freizügigkeit wurde ihnen durch den § 10 in vollem . Umfange gewährt,' sie konnten sich sowohl in Städten als auf dem platten Lande niederlassen. An den £rla& dieses Emanzipationsedikts ließen sich mancherlei Betrachtungen ankpüpfen, und die jüdische Geschichtsschreibung hat es unter den verschiedensten Gesichtspunkten gewertet. Die Zeit dürfte noch nicht gekommen sein,-weil wir zu der ganzen Epoche noch nicht die notwendige Distanz gewonnen haben, um zu einem abschließenden Urteil zu gelangen. Mit dem Gefühl tiefer Beschämung sieht man, wenn man etwa die Staatsbürgerrolle einer der großen jüdischen Gemeinden des damaligen Preußen durchblättert, wieviele inzwischen dem Glauben den Rücken gekehrt haben, dem ihre Väter und Vorväter unter viel schwierigeren Umständen unbedingte Treue bewahrt hatten. Grade diese Epoche, in der das Judentum in Preußen unter äußerlich recht unbeschwerten Umständen lebte, war die einer großen innerjüdischen Auflösung. Es bedurfte esst in der Mitte des 19. Jahrhunderts aufwühlender Erlebnisse, um den Willen zum Judentum wieder stärker werden zu lassen. Auch wenn man in diesem Edikt vom jüdischen Gesichtspunkt her heute nicht mehr eine Lösung der Judenfrage erblicket! kann, so bleibt es doch in positivem wie negativem Sinh* ein überaus wichtiges Datum jüdischer Geschichte, und deswegen sollte der Tatsache seines Erlasses vor 125 Jahren gedacht werden. Glückwunsch an Dr. Galliner „Der Landesverband könnte ja Kraft des Rechtes seiner nicht mehr zu entbehrenden und nicht mehr fortzudenkenden-Arbeit, durch die er uns alle am.Leben erhält, auch eine Macht beanspruchen. Er könnte ja — wer wollte es ihm wehren! — das von ihm betreute Gebiet auch durch seine „Funktionäre“ verwalten und regieren lassen. ... Aber er hat einen anderen Weg gewählt. Er verzichtet auf das Recht seiner Macht Er beruft nicht Funktionäre, sondern Rabbiner zu seinen Vertrauensmännern ... Der Rabbiner ist nicht Kommissar und, Exekutor des Landesverbandes; er ist im Gegenteil Beamter, Angestellter und Arbeiter jeder einzelnen seiner kleinen und kleinsten Gemeinden. Er steht und lebt in der Landschaft, vertraut und verbunden mit ihren Eigenarten und Eigentümlichkeiten. Wir hier ... wissen Dank dafür, daß der Landesverband nicht der Provinz ihren Verwattungabeamten, sondern den Gemeinden ihren Rabbiner gewährt und erhält.“ Wenn irgend etwas, so verraten diese kürzlich anläßlich der Gründung eines Bezirksrabbinats gesprochenen Worte den Grund für die große Beliebtheit und Popularität des Mannes, der im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden unter anderen sehr wichtigen Dezernaten vor allem das der Bezirksrabbinate verwaltet: Rabbiner Dr. Julius Galliner. Er hat am 3. Februar seinen 65. Geburtstag begangen, und wir haben sicherlich in seinem Sinne gehandelt, als wir in der Februar-Nummer unseres Blattes jeden Hinweis darauf unterließen. Der Landesverband hat es sich stets als Richtschnur dienen lassen, daß die Zeit, in der wir leben, vor allem sachliche Arbeit fordert. Ja, dies Verhalten ist uns manchmal sogar zum Vorwurf gemacht worden: wir hätten die Tugend der Sachlichkeit zu weit getrieben; etwas mehr und etwas geräuschvollere Publizität, so ist gesagt worden, würde auch der Arbeit selbst genützt haben. Wie dem auch sei: gerade Dr. Galliner ist der Mann, der sein Leben lang seine Person hinter seine Arbeit gestellt hat, aus hingebungsvollem Herzen, mit begnadetem Wissen und Können, ganz nur Diener am Werkt Wie er in früheren Jahren — und das wird unvergessen bleiben — in Berlin bekannt war als der jüdische „Studentenvater“, so ist es seit seinem Eintritt in den größeren Wirkungsbereich des Landesverbandes seit langem schon der Vater der BeshksrabBfner, die er — einen jeden nach Naturell und Eignung — für das zu besetzende Amt auswählt, persönlich ins Amt einführt und durch ständige Fühlungnahme berät, anregt und in ihrer Arbeit fördert. Die Tätigkeit der einzelnen Bezirksrabbiner aber wird zum Segen für unzählige Menschen und Gemeinden, und dieser Umstand ist es, der dazu geführt hat, daß obwohl wir in unseren Spalten, wie gesagt, absichtlich geschwiegen hatten, die gesamte jüdische OeffentUchkeit und Presse Dr. Galliner anläßlich seines Geburtstages mit reichen Ehrungen bedacht hat. Wir verzeichnen diese Tatsache mit Freude und Genugtuung, denn der so Geehrte gehört zu den engsten Mitarbeitern und Spitzenpersönlichkeiten des Landesverbandes. Auch die Dezernate für Schulangelegenheiten, für Lehrerbezirke, für Lehrerbildung und -fortbildung werden von ihm verwaltet — zum Segen für die Lehrer und zum Segen für die Gemeinden und ihre Jugend. Ueberhaupt muß man wissen, daß Rabbiner Dr. Galliner, aus dem Lehrerstande hervorgegangen, immer mit all den Dingen verwachsen war, die mit Pädagogik, Seelsorge, Menschenführung Zusammenhängen. Als Religionsschulleiter und Gemeinderabbiner in Berlin steht er seit Jahrzehnten mitten in der Praxis dieser Dinge, und diese Verbundenheit mit der praktischen Arbeit ist es, die ihn zum idealsten Verwaltungsbeamten befähigt: det. eben nicht bürokratisch verwaltet, sondern jede der vielfältigen Fragen, die an ihn herantreten und die doch letztlich allesamt Fragen von und für Menschen sind, individuell behandelt. Diese seine persönliche Auffassung findet — das zeigen gerade auch die eingangs hier zitierten Worte ■— ihren glücklichsten Niederschlag beim Ausbau der Kabbinats- und Lehrerbezirke und bei der gesamten sachlichen Arbeit, bei der Dr. Galliner jeder Individualität von Gemeinden und Menschen ihr Recht läßt Kein Arbeitstag ist 3

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