Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 2 (1.2.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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und Bezirks rabbinaten die Gemeinden bei Fragen der Vermögensverwaltung und der Liquidation unterstützen, sowie auch fSr die Durchführung der für diese oft schwierigen Angelegenheiten aufgestellten einheitlichen Richtlinien Sorge tragen, damit keinerlei Gemeindeeigentum der jüdischen Allgemeinheit verloren geht. Auf diese Weise hat der Landesverband bereits sechs Voll- und zwanzig Teilliquidationen durchgeführt und zur Zeit seien fünfzig weitere Fälle in Bearbeitung. — Im Zusammenhang mit den LiquidationsmaSnahmen steht die Einrichtung der Sammelstelle für Thora roden and Kle Kodeseh; die häufig wertvollen Kultusgegenstände werden durch systematische Erfassung vor Verlust geschützt, und ihre Weitergabe an neu gegründete Gemeinden in Übersee, besonders auch in Palästina, wird einheitlich geregelt, so daß Fehlleitungen und Doppelbelieferungen vermieden werden. Zur Knlturarbeit des Landesverbandes übergehend, schilderte Dr. Schildberger zunächst die starke seelische Wirkung der Kulturfahrten, die von den Gemeinden in immer wachsendem Maße und mit immer stärker werdender Dringlichkeit angefordert werden. Auch das Gemeindeblatt ist im Berichtsjahre zu einem unentbehrlichen Bestandteil der kulturellen Arbeit des Landesverbandes geworden; die Zahl der Gemeinden, denen darin ein lokaler Teil eingerichtet werden konnte, ist vermehrt worden; ein weiterer Ausbau des Blattes ist geplant — Zur vollen Auswirkung ist im Berichtsjahr die Wanderbücherei gelangt, die jetzt ca. 1100 Werke bzw. 3000 Bände umfaßt. Der von der Wanderbücherei hergestellte „besprechende“ Bücherkatalog, ein Werk, das es im jüdischen Büchereiwesen bisher nicht gegeben hatte und das eine vollständige Übersicht über einen großen Teil des gesamten jüdischen Schrifttums vermittelt, ist von den Menschen in den Gemeinden als bedeutsame Maßnahme auf dem Gebiete der Erwachsenenbildung empfunden und gewürdigt worden. Die Wanderbücherei wird auf den bisher beschrittenen Wegen Weiterarbeiten und sich demnächst eine Jugendbücherei angliedern. Über den Haushaltsplan für 1937, den der Schatzmeister des Landesverbandes, Dipl. - Ing. Bruno W o y d a, aufgestellt und der Ratssitzung mit eingehenden Erläuterungen vorgelegt hatte, referierte als stellvertretender Schatzmeister R.-A. Dr. Sulzberger. Auch er betonte die Notwendigkeit engsten Zusammenarbeitens aller, um bei äußerster Sparsamkeit in der Verwaltung die rationellste Ausnutzung aller Arbeitsmöglichkeiten zu erreichen. Insgesamt beläuft sich der Etat auf 545 000 RM, von denen 520 000 RM durch Gemeindebeiträge aufgebracht werden, so daß das jüdische Gemeindewesen sich jetzt, trotz Rückgangs der Steuerkraft und Anwachsens aller Anforderungen, aus eigener Kraft erhält. Als wichtigste Posten der Ausgabenseite seien genannt: Lastenausgleich für leistungsschwache Gemeinden und Zuschüsse an leitungsschw^che Gemeinden zur Rabbinerbesoldung (haupt- und nebenamtliche Bezirksrabbiner) 250 000 RM; Beamte im Ruhestande 100 000 RM; Kulturarbeit (Lehrerausbildung und -fortbildung, Kulturfahrten, Wanderbücherei, „Gesamtarchiv“ usw.) 74 200 RM. Die Aufbringung der Mittel erfolgt, soweit der schon erwähnte Hauptposten der Gemeindebeiträge in Betracht kommt, durch Umlage auf die Gemeinden. Für das Rechnungsjahr 1937 wurde folgender Umlagebeschluß beantragt: 1. Für den Landesverband: a) 1,25 Prozent des Reichseinkommensteuersolls der Mitglieder der Synagogengemeinden für das Jahr 1935; b) 3 Prozent vom Vermögenssteuersoll 1935 der Mitglieder der Synagogengemeinden, jedoch nicht mehr als 10 Prozent des Zuschlags zur Reichs Vermögenssteuer, den die Gemeinde selbst erhebt. 2. Für die Reichsvertretung: aj~ 1,1 Prozent des Reicnseinkommensteuersolls 1935; b) 0,30 RM Kopfgeld. In der an die Berichte anschließenden Generaldebatte sprach zunächst Dr. Georg Goldstein (Wiesbaden) eingehend über den Etat. Von vielen Rednern wurden wertvolle Anregungen für die Arbeit des Verbandes gegeben, so u. a. von Rabbiner Dr. Eschelbacher (Düsseldorf) über die Notwendigkeit einer Ausgestaltung der Gefangenenseelsorge. Der Haushaltsplan für 1937 wurde einstimmig angenommen, ebenso erfolgte die Annahme des Umlage-Beschlusses, soweit sich dieser auf die Zwecke des Landesverbandes bezieht, einstimmig. Uber die Tätigkeit der Reichsvertretung der Juden in Deutschland hatte deren Präsident, Rabbiner Dr. Baeck, in seiner Eigenschaft als Ratsmitglied eingehend referiert Im Laufe der Aussprache übte -Direktor Xareski lebhafte Kritik an der Tätigkeit der Reichsvertretung, auf die Dr. Baeck gegen Ende der Tagung noch einmal entgegnete. Derjenige Teil des Umlagebeschlusses, der sich auf die Reichsvertretung bezieht, wurde dementsprechend vom Großen Rat mit allen gegen eine Stimme angenommen. Ebenfalls angenommen wurde ein vom Ratsmitglied Dr. Ismar Freund eingebracbter Antrag, an die Gemeinden die Aufforderung zu richten, daß alle Akten, die nicht mehr für die Zwecke der Verwaltung gebraucht werden und abgegeben werden können, an das Gesamtarchiv der Juden in Deutschland abgeliefert werden sollen, um solcherart die jüdischen Archivbestände zu sichern. Als der Präsident, Kammergerichtsrat i. R. Wolff, am Nachmittag die Sitzung schloß, konnte er feststellen, daß der Ernst der Zeit alle im Großen Rat vertretenen Richtungen und Persönlichkeiten zu harmonischer und produktiver Zusammenarbeit zum Segen des Judentums zusammengeführt hat. Tätigkeitsbericht für 1936 Der Tätigkeitsbericht des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden erscheint dieses Mal statt zum 1 April bereits zum 1. Januar, weil das Geschäftsjahr des Landesverbandes, das bisher vom 1. April bis 31. März eines jeden Jahres lief, durch Ratbeschluß vom 19. April 1936 mit dem Kalenderjahr in Übereinstimmung gebracht worden ist. Aus diesem Grunde konnte das jetzt abgelaufene Geschäftsjahr nur neun Monate umfassen, und auch der vorliegende Tätigkeitsbericht erstreckt sich infolgedessen nur auf die Zeit vom 1. April bis zum 31. Dezember 1936. Die einheitliche Planung der gesamten Gemeindearbeit, die in dem vorjährigen, in Form einer ausführlichen Broschüre herausgegebenen Geschäftsbericht bereits in umfassender Weise dargestellt wurde, ist in ständiger Anpassung an die jeweilige Veränderung der Verhältnisse in den Gemeinden auch in den vergangenen neun Monaten fortgeführt worden. Diese Vereinheitlichung zeigt sich auch darin, daß der Anschluß niehtpreußlseher Landesverbände an den Preußenverband seinen Fortgang genommen hat. In der kurzen Berichtszeit sind Anhalt und Bremen hinzugekommen, so daß mit Ausnahme von Hamburg ganz Nord- und Mitteldeutschland dem Preußischen Landesverband angeschlossen ist. Mit Rücksicht auf immer wiederkehrende Andeutungen in Kreisen außerhalb unseres Verbandes kann nicht laut genug betont werden, daß die Vergrößerung unseres Wirkungsbereiches nicht auf ein angeblich vorhandenes „Expansionsbedürfnis“, sondern allein auf das Bewußtsein um unsere Verpflichtung zurückzuführen ist, den schwächeren, für sich allein kaum noch existenzberechtigten Gemeindeverbänden unseren Beistand und unsere materielle Unterstützung zuteil werden zu lassen. Die Durchführung des Lastenaasgleiehs ist auch im Berichtsjahr wiederum Hauptaufgabengebiet des Landesverbandes gewesen. Die Bemühungen um eine rationellere Gestaltung der Gemeindeorganisation durch Zusammenfassung kleinerer, nicht mehr lebensfähiger Gemeinden zu Bezirksgemeinden, durch Ausgestaltung der vorhandenen Lehrerbezirke usw. sind fortgesetzt worden. Es ist selbstverständlich, daß dabei immer nur schrittweise Erfolge erzielt werden konnten, weil es trotz allem Streben nach Konzentrierung vermieden werden mußte, Beamte stellungslos zu machen. Aus dieser Rücksichtnahme ergab sich zuweilen die Notwendigkeit, vorübergehend auch solche Stellen noch zu erhalten, die nach Seelen- und Kinderzahl kein ausreichendes Tätigkeitsgebiet mehr abgeben. Durch das Ausbleiben einer gesetzlichen Neuregelung des 4