Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-12-01 · 12 (1.12.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Magdeburg, Halle, Stettin, Pommern und Duisburg) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
12 (1.12.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Magdeburg, Halle, Stettin, Pommern und Duisburg)
Date
1936-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021706--523-3981251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

teueren Pensionate des Auslands schickten und dadurch den Aufenthalt ihrer Kinder in einem Milieu verlängern zu wollen schienen, das weder zeitgemäß noch auf die Dauer haltbar ist. Es schien den Menschen des „Ring“ aber schließlich pädagogisch nicht richtig und moralisch nicht gerechtfertigt, ihre Kameraden in die Zwangsjacke einer anderen — etwa chaluzischen — Gesinnung mit Gewalt hineinpassen zu lassen, der sie durch Weltanschauung und innere Struktur nicht verwandt waren*). Daher schrieben sie: „Voraussetzung auch der Auswanderung ist nicht Bejahung einer überstürzten Liquidation, sondern der feste Grundsatz, daß gerade die Auswanderung einer sehr gründlichen und lang dauernden Vorbereitung bedarf. Wenn wir zu der bisherigen Verantwortung des Bundes heute auch noch die Verantwortung für die Auswanderung übernehmen, so geschieht es nur unter Rechner und schlechte Schreiber, Englisch für Anfänger und Fortgeschrittene (von 3 Praktikanten erteilt), demnächst auch Portugiesisch, pädagogische, geschichtliche, jüdische Kurse, Arbeitsbesprechungen, Auswanderungsfragen und jeden Abend 10 Minuten Musik. Der Sonntagabend ist ganz der Musik gewidmet. (Es gibt drei Klavierspieler, zwei Violinisten, einen Cellisten unter den Praktikanten und Schülern.) Hinzukommt dreimal wöchentlich der Sport. Die Gemeinschaft: sie ist vorbildlich. Sie ist überhaupt das Stärkste in diesem Werk. Sie zeigt sich in der Arbeit, in der Gruppe (Jungens und Mädels sind in Gruppen eingeteilt), im Spiel. Kein unnötig lautes Wort, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Gegen die Härte und Einsamkeit eines späteren Siedlerlebens wird die Gemein- Phot. Sommerfeld der Voraussetzung, daß auch die hierfür zu leistende Arbeit in geistigem und pädagogischem Zusammenhang mit unserer bisherigen Arbeit steht, daß sie planmäßig und mit einer bis ins einzelne gehenden, peinlichen Sorgfalt geschieht. Die Forderungen, die an den Auswanderer draußen herantreten werden, sind außerordentlich groß, und entsprechend hoch werden seine persönlichen und sachlichen Fähigkeiten sein müssen. Es gehört mehr dazu als Abenteurerlust. Wir wollen ganze Arbeit leisten. Wer von uns geht, soll in des Wortes ganzer Bedeutung „repräsentativ“ sein. Weder soll er sich unser noch wir uns seiner jemals zu schämen brauchen.“ So entstand das geistige Fundament Groß-Breesens. Auf drei Säulen ruht es heute nach der Parole seines Leiters Professor Curt B o n d y : auf der Arbeit, auf der Gemeinschaft, auf dem Jüdischen. Die Arbeit. Sie beginnt am Morgen um 5 Uhr in der Frühe; jetzt im Winter erst um */*6 Uhr. Wer im Kuhstall Dienst hat, muß freilich schon um V»4 aus dem Bett. Apell: die Jungens und Mädels werden eingeteilt. Die Landwirte hinaus aufs Feld oder auf die Weide, die Gärtner an ihre Beete, die Tischler in die Werkstatt (demnächst auch, wenn die Einrichtung fertig ist, die Schlosser an ihre Maschinen), die Mädels, soweit sie nicht schon seit 4 Uhr in der Küche das erste Frühstück bereiten, an den Herd, an das Waschfaß, zum Geflügel. Vielleicht ist der eine oder der andere noch müde oder friert in der kalten Morgenluft, aber die Stimmung ist ausgezeichnet. Sie hält bis zum Abend vor. Das ist nicht einfach. Denn mit dem körperlichen Dienst ist die Arbeit nicht beendet. Die Menschen Groß-Breesens wollen nicht „verbauern“. Es ist ihnen nicht darum allein zu tun, existieren zu können. Sie wollen ein' volles ungebrochenes Leben mit den Werten, Erlebnissen und Aufgaben führen, die zum geistigen und sittlichen Rüstzeug von Menschen ihrer kulturellen Herkunft gehören. Daß sich die objektiven Möglichkeiten draußen verkürzen werden, wissen sie. Aber von jeder zwangsgegebenen Minderung ihrer Bildung wollen sie sich wenigstens subjektiv schuldfrei wissen. Gegen 16 Uhr — an manchen Tagen früher, an manchen später — beginnt der Unterricht: Elementarkurse für schwache *) Ober die religiöse Chaluz-Bewegung brachten wir in der November-Nummer unseres Blattes eine ausführliche Darstellung. — Schriftleitung. schaft der wichtigste Einsatz und Schutz sein. Sie besteht nicht nur zwischen den Schülern, sie besteht auch zwischen ihnen und den Leitern. Hier hat hündischer Geist eine echte Verwirklichung erfahren. Das Jüdische: Es ist das Bemühen der Menschen von Groß-Breesen, die Last ihres Weges als einen Auftrag verstehen zu lernen. Es ist ihr Ziel, aus einer guten menschlichen Gemeinschaft zu einer echten jüdischen G e - m e i n d e zu werden. Sie sind keine fertigen, abgestempelten, abgeklärten richtungsbeflissenen Sachvertreter, s i e sind Suchende, zum Teil noch weit vom Ziel entfernt, zum Teil schon näher. Viele sind durch ihre Herkunft dem Jüdischen noch recht entfremdet. Aber Offenheit und Bereitschaft ist die Parole aller. Sie lernen, und an den Freitagabenden und. an den Festen versuchen sie zu gestalten. Es gelingt nicht immer, aber der Wille ist da. In einem sind sie den meisten Städtern überlegen: Sie haben das Erlebnis der echten Gemeinschaft in sich und sind so besonders dem großstädtischen Synagogenbesucher, dem eben dieses Erlebnis meist verloren gegangen ist, um einen bedeutsamen Schritt voraus. Wie ihr weiteres Schicksal, wie das der ersten sein wird, die nach einigen Jahren der Ausbildung hinüber nach Süd-Amerika zum Siedeln ziehen werden, sein wird —, niemand weiß es mit Sicherheit zu sagen. Aber was an eigenem persönlichen Einsatz an Sauberkeit, Ehrlichkeit des Wollens zu geben ist, das wird hier geleistet; so kann, darf und wird auch der sachliche Erfolg nicht ausbleiben. Auch er dient zu seinem Teil der Ehre des jüdischen Namens. EinChanukkah-Büchlein — ein hübscher Einfall Acht Lichtlein, und jedes Licht ist eine Buch-Seite, hübsch bemalt mit bunten Bildern aus der Chanukkah-Geschichte und mit deutschen und hebräischen Versen dazu. Versteht sich, daß Bilder und Verse immer erst sichtbar werden, wenn man ein neues Licht „umblättert“ hat. Ein reizender Einfall, für den wir den Künstlern Paul Hannemann und Heinz Wallenberg, aber ebenso auch dem Verlag Joseph Jastrow (Berlin W15) dankbar sein wollen. Unsere Kinder werden sich mit der „büchernen Menorah“ freuen, wenn sie sie zu Chanukkah auf ihrem Gabentisch finden. —tz. 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.