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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-12-01 · 12 (1.12.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Magdeburg, Halle, Stettin, Pommern und Duisburg) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
12 (1.12.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Magdeburg, Halle, Stettin, Pommern und Duisburg)
Date
1936-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sacharja in eine ganz späte Zeit und sagen, das Prophetenwort wolle eine Warnung sein an diejenigen, die die Taten der Makkabäer zu wiederholen gedachten. Und in der Tat sind ja die Siege Juda Makkabis Ausnahmeerscheinungen in der Geschichte des Judentums, das nur sehr selten auf kriegerischem Wege Entscheidungen gesucht oder gar Erfolge herbeigeführt bat. Und dies ist der Punkt, wo uralte Situationen und allemeueste Gegenwarts-Problematik Zusammenkommen. Wie nahe hätte es in den letzten sechs Monaten gelegen, daß die Unsern im Heiligen Land Gewalt mit Gewalt, Terror mit Terror erwidert hätten. Aber nun diese — von wenigen Einzelfällen abgesehen — bewundernswerte Haltung und Disziplin: sie ist das stärkste moralische Gewicht, das wir bei den nun begonnenen Verhandlungen vor der Royal Commission in die Wagschale zu werfen haben. So begreiflich und „gerecht“ Selbstverteidigung in jenem oben beschriebenen Sinne gewesen wäre —: daß man nicht Gleiches mit Gleichem vergalt und sich durch nichts provozieren ließ, das war das Größte. Seit langer Zeit war es Juden zum ersten Male wieder vergönnt, durch die geschichtliche Entwicklung an uns herangetragene Probeleme jüdisch, d. h. im Geiste des Judentums zu lösen und solcherart zu erweisen, daß dieses jüdische Ideal nicht utopistisch ist, daß es vielmehr realpolitisch brauchbar ist und uns dem Ziele näherbringt. Ja, noch mehr: wenn manchem die Methoden und das Tempo der Mandatarmacht in der Zeit der Unruhen nicht ausreichend erschienen waren —: vielleicht hätte ein heftigeres Niederwerfen des Aufstandes nur um so nachhaltigere Gegenkräfte wachgerufen, sodaß auch hier, bewußt oder unbewußt, die Grundsätze biblischer Ethik Verwirklichung gefunden haben und Segen - nach sich ziehen. Dann wäre wieder einmal aus einem kriegerischen Makkabäerfest ein religiös-ethisches „Chanukah“ geworden, eine echte Tempelweihe. Denn das höchst unromantische, harte Geschehen in den letzten Monaten war, was jene heldenhafte Disziplin anlangt, ein heiliges Tun hn Heiligen Land, ein Kiddusch ha-Schem, und das moralische Gewicht, das wir der Königlichen Kommission und der Mandatarmacht gegenüber dadurch erlangten, ist' also ein echter Sieg — nicht durch Macht oder Kraft, sondern durch den Geist gottbefohlener, biblischer Ethik. So stehen wir heute in biblischer Situation, so feiern wir ein zeitnahes religiöses Fest: bajjamim hahem bas’man haseh — wie in jenen Tagen um diese Zeit. Das Jüdische Lehrhaus in unserer Zeit Von Dr. Eva Reichmann-Jungmann. Es gehört zu den Ansatzpunkten einer jüdischen Gemeinschaftsbewährung in dem großen und schweren Abschnitt jüdischer Geschichte, den wir durchleben, daß er die Forderung nach jüdischem Wissen wieder aufgenommen hat. Das „Gehe hin und lerne“ unserer Väter, das den einzigartigen Zusammenhang zwischen dem jüdisch-religiösen Sein und der geistigen Inbesitznahme seiner Grundlagen bezeichnete, hat in unseren Tagen neue Bedeutung erlangt. Vor 1933 mag es vielleicht noch genügt haben, daß Rückkehr zum Judentum sich auf Bekenntnis und Gesinnung beschränkte. Eine ganze Generation hat uns diese jüdische Haltung vorgelegt, die sich im Formalen erschöpfen durfte, weil eben diese Form sie damals deutlich sichtbar von der jüdisch unbewegten Masse unterschied. Aber es konntenicht ausbleiben, daß die Form ihren Inhalt zu suchen anhob und daß die Frage „Warum wieder Judentum?“ ihre Antwort dort aufzufinden unternahm, wo zuverlässig und gesichert gegen alle Fragwürdigkeiten und Zweifel einer dogmenlos gewordenen Welt das jüdische Schrifttum die Zeiten überdauert hatte. Franz Rosenzweig war der große Lehrmeister, der aus der Situation der jüdischen Wiedergeburt innerhalb der westeuropäischen Kultur heraus bewußt wieder ah die überlieferte Form des jüdischen Lernens anknüpfte, um die zerissenen Zusammenhänge jüdischen Lebens an der Stelle wieder anzukr.ÜDfen, tn der es zunächst genügte, sich mit Fleiß und gutem Wil'en zu neuem Anfang bereit zu machen. Er wußte, daß religiöse Eingebung in unserer rational bestimmten Zeit nur ein Gnadengeschenk Weniger sein kann, daß der Zugang zum Ritual ohne inneren religiösen Zwang kaum zu finden ist; die Bibel aber, die Geschichte und das Schrifttum sind da. Wir dürfen uns ihnen nähern, ohne daß es dazu einer anderen Vorbereitung als der innerer Aufgeschlossenheit und Hörbereitschaft bedürfte. Die merkwürdige und in dieser Stärke nur im Judentum verwirklichte Einheit von Lernen und Tun mußte dann, wenn der Weg sich als gangbar erwies, das Tor aufstoßen, das von jüdischem Wissen zur Ganzheit jüdischen Lebens führen würde. Seit Franz Rosenzweig so das jüdische Lernen aus der Notwendigkeit seiner Zeit heraus in westeuropäischem Geiste zu erneuern begann, sind eineinhalb Jahrzehnte verstrichen. Das Experiment von damals, das im Versagen und Gelingen einen Markstein in der Entwicklung des westeuropäischen Judentums darstellt, ist zur Lebensform von heute geworden. Jede größere jüdische Gemeinde in Deutschland ist dem Ruf nach jüdischem Wissen gefolgt, wie er sich im Verlaufe der Entwicklung der letzten Jahre nahezu zwangsläufig erhob und hat seiner Vermittlung durch die Einrichtung von Lehrhäusern einen Sammelpunkt gegeben. Kleine Gemeinden tragen durch Vorträge und Arbeitsgemeinschaften in -dem ihnen zu Gebote stehenden Rahmen dem Bedürfnis nach jüdischem Lernen Rechnung. In der für unsere Zeit typischen Schnellebigkeit und Vergeßlichkeit, hat das Lehrhaus in seiner grundsätzlichen Bedeutung heute bereits jede Problematik abgestreift, die es einstmals mit Schwierigkeiten aber auch mit dem Glanz des Wagnisses umgab. „Man“ ist heute wieder jüdisch, „man“ hält es für gut, sich mit jüdischen Stoffen zu beschäftigen; man sagt heute zu all dem so leicht und selbstverständlich Ja, als gäbe es hinter der Fassade der prinzipiellen Anerkennung gar keine Schwierigkeiten mehr. Und doch hat diese Schwierigkeit in Wirklichkeit nur ihren Schauplatz verlagert. Sie liegt da, wo sich der Weg zum jüdischen Stoff von der bloßen gesinnungsmäßigen Hinwendung zum Lernen selbst und zum inneren Erfaßtsein fortsetzen will. Hier ist noch wenig erreicht und noch alles gefordert. Hier steht die Aufgabe des Lehrhauses noch in all ihrer umstürzenden Wucht vor der großen Masse des Judentums in Deutschland. Es genügt eben nicht, wenn man das, was Franz Rosenzweig einmal vielen tauben Ohren und wenigen sich soeben zögernd Erschließenden zurief, durch äußere Not und innere Erschütterung langsam zu begreifen beginnt. Es reicht nicht aus, daß man sich wieder Jude nennt und diesem altneuen Namen freundlich-lässige Zugeständnisse macht. Das Erleben dieser Zeit fordert tätige Bewährung oder es wird ein müdes schwungloses Versagen sein. Die jüdischen Lehrhäuser ringsum in den Gemeinden, die Lerngemeinschaften und Vortragsreihen sind da. Sie werden von planenden Köpfen gestaltet und von den Opfern der Allgemeinheit getragen. Sie haben überall das Stadium der sogenannten Volksbildung, wie ihn die früheren jüdischen Volkshochschulen betrieben, bewußt überwunden und sich in der Richtung auf geschlossene und durchgeformte, in der wechselseitigen Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden beruhenden Lehrhäusern fortentwickelt. Ihre Arbeitspläne umfassen Vorträge, die sich an die weiteste Öffentlichkeit wenden und allgemein interessierende Themen behandeln, die also sozusagen das attraktive Aushängeschild nach der Seite des noch zu gewinnenden Publikums bilden, und intensive Arbeitskreise, die einen schon gefaßten Entschluß zu mühevoller An- 2

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