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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-11-01 · 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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ergebenden Teile, nämlich: erstens die sogenannte körperliche und zweitens die geistige Hachscharah. Unter körperlicher Hachscharah versteht man die Vorbereitung für Handwerk und Landwirtschaft, die den Chaluz in die Lage versetzt, innerhalb der Siedlungen in Palästina seinen Platz auszufüllen; Ziel der geistigen Vorbereitung ist die Vertrautheit des Chawers mit der religiös-zionistischen Ideologie, mit den geographischen Verhältnissen des Landes, der hebräischen Sprache, Vertrautheit mit den jüdischen Quellen, Thorah, Mischna, Talmud und Halacha, Vertrautheit auch mit dem allgemeinen Bildungsgut der europäischen Menschheit, aber immer unter den Gesichtspunkten des Judentums. Diese geistige Hachscharah wird erreicht durch den Besuch der Jeschiwah. Neben der Ausbildung der Chawerim steht diejenige der Chawerotli, auf die besonderer Wert gelegt wird, weil ja der Chawerah im Leben Palästinas eine entscheidende Bolle zufällt: die künftige Erziehung der Kinder im religiösen Geiste, die Innehaltung der Speisegesetze und dergleichen, sowie die Milieugestaltung. In Lernzentren und Seminaren wird an sie jüdisches Bildungsgut herangebracht, das ihnen ermöglicht, in der Gemeinschaft ihre bedeutungsvolle Tätigkeit auszuüben. Seit einigen Jahren ist man dazu übergegangen, Jugendliche im Alter von vierzehn Jahren an nach Palästina zu bringen, um ihnen dort die Möglichkeit zu geben, in zweijähriger Ausbildungszeit handwerklich und geistig vorgebildet zu werden. Der Begriff der Jugendalijah ist bereits heute im jüdischen Leben eine Selbstverständlichkeit. Für den religiösen Kreis gibt es eine besondere Jugendalijah, die darauf achtet, Kinder aus religiösen Häusern zur Ausbildung in solche Siedlungen zu bringen, in denen das Gesetz der Thorah Lebenswirklichkeit ist. Der bedeutende Vorteil dieser Erziehung besteht darin, daß die Kinder unmittelbar in das Mileu Palästinas hineinwachsen, was ihnen ihr Unterkommen nach Abschluß der Ausbildungszeit im Lande wesentlich erleichtert. Im Augenblick befinden sich in Palästina zur Ausbildung ungefähr 150 religiöse Jugendliche, die in den erwähnten Ausbildungszentren, deren Zahl sehr gering ist, im Sinne von Thorah und Awodah erzogen werden. Jetzt geht man daran, ein religiöses Jugenddorf zu errichten, das sich sicherlich zu einem bedeutenden religiösen Zentrum auswachsen wird. Um denjenigen jugendlichen Menschen, die aus irgendeinem Grunde keine Möglichkeit haben, zur Jugendalijah zu kommen, bereits hier eine fundierte handwerkliche und geistige Erziehung zu geben, ist man daran gegangen, sogenannte Mittlerenhachscharahzentren zu schaffen, in denen unter Leitung besonders geeigneter Führer einerseits auf die Entstehung einer religiösen Gemeinschaft Wert gelegt wird, andererseits selbstverständlich auf eine handwerkliche und geistige Ausbildung. Um all dieser weitverzweigten Arbeit einen finanziellen Rückhalt zu geben, hat man vor einigen Jahren einen Fonds geschaffen, mit dem Namen: „Keren Thorah we Awodah“. Dieser Fonds hat die Aufgabe, Kulturarbeit der Bewegung zu ermöglichen, die handwerkliche und landwirtschaftliche Ausbildung zu finanzieren und die Zentren ihrer Arbeit zu erhalten. Die Zahl der Mitglieder dieser Bewegung belief sich im Jahre 1932 auf 200 Chawerim, heute gehören ihr etwa 2500 an. Neben dieser Chaluzbewegung gibt es eine sogenannte Jüngerenbewegung unter dem Namen „Zeire Misrachi“, die unter denselben Gesichtspunkten und demselben Programm die Aufgabe hat, die jüngeren und jüngsten Menschen zu erfassen. Der Brith Chaluzim Datiim stellt die Nachwuchsbewegung des „Poel Hamisrachi“, der organisierten religiösen Arbeiterschaft in Palästina, dar. Sie ist als selbständige Arbeitergewerkschaft in Palästina anerkannt, hat bei der letzten Wahl erfolgreich abgeschnitten und ist in allen maßgebenden Gremien Palästinas vertreten. Während sie noch vor zehn Jahren kaum 1000 Mitglieder zählte, gibt es heute 12 000 bis 15 000 organisierte religiöse Arbeiter jn Palästina. — Die repräsentative Siedlungsform dieser Bewegung ist der Kibbuz, die Kollektivsiedlung. In ihr finden die Werte der religiösen Gemeinschaft besonderen Ausdruck. Durch sie wird die Verbindung des Menschen mit dem Lande befestigt. Sie stellen unabhängig von jeder wirtschaftlichen Konjunktur die maßgebenden und einzig möglichen Garanten eines Palästinaaufbaus in religiösem Sinne dar. Über all dieser Arbeit in Deutschland und Palästina steht als Leitmotiv der Grundsatz: Ein jüdisches Land, dem jüdischen Volk, auf der Grundlage der Thorah. Zwei große jüdische Pädagogen Von Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin. ' In den letzten Wochen wurden die Geburtstage zweier bedeutender Volkserzieher gefeiert, deren umfassendes und vorbildliches Wirken schon der Geschichte angehört. Der Berliner Historiker, Nationalökonom, Soziologe und Polyhistor Ignaz J a s t r o w vollendete sein 80. Lebensjahr. 1856 in Nakel geboren, wurde er schon in jungen Jahren nach Veröffentlichung seiner ausgezeichneten Werke über deutsche Geschichte, wie z. B. „Die Hohenstaufen“ und deutsche Bevölkerungsbewegung im Mittelalter, Universitätsprofessor in Berlin. Aber Jastrow war eben mehr als bloß Gelehrter. Er wollte Zustände, Menschen und Dinge verbessern. „Jeder Mensch soll durch sein Wirken danach streben, die Welt bei seinem Tode in einem etwas besseren Zustande zu verlassen, als er sie einst vorgefunden hat“, schrieb er vor sechzig Jahren ... Er war der erste, der die Arbeitsvermittlung, jene heute nicht mehr wegzudenkende segensreiche soziale Einrichtung auf wissenschaftlicher Grundlage neu organisierte, gab -den „Arbeitsmarkt“ viele Jahre heraus, gab wichtige, bald allgemein durchgeführte Anregungen zur Verbesserung des Gewerbe- und Kaufmannsgerichtswesens, wurde einer der ersten praktischen Sozialpolitiker, und war an der Gründung der Berliner Handelshochschule, deren erstes Rektorat er bekleidete, maßgebend beteiligt. — Wer jemals das Glück hatte, u. a. Jastrows Vorlesung über die „Grundlagen der allgemeinen menschlichen Geistesbildung“ zu hören, in der er aufzeigte, wie sich alles Wissen und Wirken zu einer großen, harmonischen Einheit zusammenfügen soll, wird diese wirklichen Feierstunden seines Lebens niemals vergessen!; Der gleichfalls sehr bekannte Berliner Gelehrte und Popularisator Professor Dr. h. c. Fr. Simon Archenh o 1 d feierte seinen 75. Geburtstag. Auch dieser Mann, der früher beamteter Astronom am königlichen Recheninstitut und der staatlichen Sternwarte war, verschmähte das geruhige Leben eines Nur-Gelehrten. Er begründete 1896 die Treptower Volkssternwarte, deren erster und jahrzehntelanger Direktor er wurde. — „Die Wissenschaft“, schrieb er zur Eröffnung dieses Instituts, „soll nicht nur für eine kleine Schicht Auserwählter da sein, sondern soll in erster Linie ihr Licht gerade dem „kleinen Mann“, der breiten Menge, bringen“! Er erbaute mit jahrelang mühselig von ihm gesammelten Geldern in Treptow das 21 m lange Riesenfernrohr, dann das Volksobservatorium und das „Physikalische Kabinett für alle“. Frei von Dünkel und Hochmut des Fachgelehrten, gab er neben seinen verschiedenen wichtigen, in alle Kultursprachen übersetzten mathematischen Werken über Sternen- und Kometenbahnberechnung, mit der er der international organisierten Astronomie unschätzbare wissenschaftliche Dienste leistete, die populäre Volkszeitschrift „Das Weltall“ heraus und hielt mehr als ein Menschenleben seine vielbesuchten allgemeinverständlichen „Astronomischen Vorträge mit Demonstrationen am Riesenfernrohr“ in Treptow. Tausende und abertausende Menschen, denen höhere Bildung sonst — zumal mit solch praktischen, anschaulichen Illustrationen! — verschlossen gewesen wäre, hat der greise ,^Sterngucker-Opapa“, wie er im Berliner Volksmunde heißt, auf das Unendliche, Rätselhafte und Unausdenkbare, das hinter unserem winzigen Leben liegt, hingewiesen und hat sie über sich selbst und den kleinen Alltag emporgehoben. Unzählige „blutige Laien“ — aus allen Schichten der Bevölkerung — sind bei ihm zum Nachdenken über das „Größte und Gewaltigste“, den Kosmos, mit seinen namenlosen Wundern angeregt worden! Männer, wie u. a. Graf Zeppelin, Roald Amundsen, Svante Arrhenius und Sven Hedin, haben Archenhold als großen Volkserzieher und Kulturförderer gepriesen. 6

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