Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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da wird es unter den wichtigen Dramatikern nur wenige Juden geben. Am ehesten wäre da noch der Holländer Heyermanns zu nennen, in dessen zahlreichen Theaterstücken sich zwischen groben und äußerlichen Szenen doch auch fast immer sehr Lebendiges und Echtes findet In Deutschland hat als ein Schüler des naturalistischen Meisters Gerhart Hauptmann einen lebhaften Erfolg Georg Hirschfeld mit seinem Erstling gehabt, dem Drama „Die Mütter“, das einen Zusammenstoß zwischen bürgerlichem Milieu und der Atmosphäre des Berliner Arbeitertums in der Seele eines schwachen jungen Menschen zeigt. Aber auch Hirschfeld hat kein zweites Werk von solcher Lebensdichtigkeif schaffen können. Größere Bedeutung als Bühnendichter hat in dieser naturalistischen Generation von Männern jüdischer Herkunft nur Arthur Schnitzler aus Wien gewonnen. Er hat den melancholischen Reiz dieser großen alten Kulturstätte in seinen heiteren wie in seinen ernsten Bühnenstücken unverlierbar festgehalten. Aber freilich, der Zustand, den Schnitzler schildert, er ist garnicht so sehr Besitz des Lebens als das schwindelnde Gefühl, eigentlich nichts vom Leben sicher zu besitzen. Wie Traum und Wachen, Ernst und Scherz, Spiel und Wirklichkeit in einander gleiten, und zwar in der gefährlichsten Art, das hat Schnitzler immer wieder dargestellt i „Es war ein Spiel, was sollt es anders sein, Was ist nicht Spiel, was wir auf Erden treiben!“ Durch diesen Zweifel an aller Wirklichkeit hört Schnitzler aber auch schon auf, ein rechter Naturalist zu sein. Er löst die Wirklichkeit nicht nur mit ironischen Gesprächen auf, die an den besten Franzosen geschult sind, er füllt zugleich seine Stücke mit einer melancholischen Melodie und kommt so nicht selten zu Versen und auch zu phantastischen Kostümen. — IJs geht so bei Schnitzler vom Naturalismus zur neuen Romantik hinüber, deren Meister in deutscher Sprache Schnitzlers Freund der Wiener Hugo von Hofmannsthal genannt werden muß. Er hatte zu einem Viertel jüdisches Blut, zu einem anderen Viertel italienisches, zur Hälfte österreichisches. Aber er war ganz und gar ein Wiener, und er hat die Melancholie der alten Kaiserstadt, alles Verlockende und alles Entfliehende in ihrem Wesen, in wunderbare Verse gegossen,' die um die Jahrhundertwende die Jugend behexten. Er hat in diesen Versen auch szenische Spiele von tiefer Nachdenklichkeit geschaffen („Der Tor und der Tod“ und „Der Tod des Tizian“ wurden sehr bekannt.) Aber sein Ringen um ein selbständiges starkes Drama war nicht erfolgreich, weil die dramatische Form den starken, ungebrochenen Glauben an den Menschen voraussetzt und sich Hofmannsthals Gestalten fast immer in melancholischer Lyrik auflösen. Hofmannsthal hat in späteren Jahren, als ein Mann von unendlicher Bildung und sehr großem Theatergefühl, sich der Bühne doch auf mannigfachste Weise genähert. Er hat sehr vorzügliche Operntexte für Richard Strauß geschrieben, er hat altes Theatergut übersetzt und bearbeitet und umgestaltet. Aber mit alldem hat er nur das Schauspiel eines sehr begabten Mannes gegeben, dessen innige Verbundenheit mit dem Theater doch zu keiner eigentlichen dramatischen Schöpferkraft führte. — Auch die jüngeren Leute, die nach dem Kriege in den Wellen des „Expressionismus schwammen“ und von denen nicht wenige Juden waren, sind kaum rechte Dramatiker gewesen — wie diese ganze Bewegung zu sehr auf pathetische Willensäußerung eingestellt war, um zu dramatischer Menschengestaltung zu gelangen. Am ehesten sind, wenigstens in seinen Anfängen, noch Carl Sternheim, diesem ingrimmigen Karrikaturisten einige wirksame Komödien gelungen. Aber die jüdischen Pathetiker, ob sie nun allgemein weltschmerzlich waren, wie Paul Kornfeld, oder politisch leidenschaftlich wie Toller, haben kaum Bühnengebilde von bleibendem Wert geschaffen. Sehr viel interessanter ist die Entwicklung eines Mannes, der, Schnitzler und Hofmannsthal innig verbunden, aus der Wiener N.euromantik hervorging, aber zu sehr anderen Zielen kam. Richard Beer-Hofmann zeigte sich auf der Bühne zuerst mit dem „Grafen von Charolais“. Das war ein Stück nach einem altenglischen Vorbild und in manchem wohl der melancholischen Wortschwelgerei der Neuromantik noch nah verwandt. Aber in der Mitte dieses Stücks fiel schon als besonders kraftvoll eine Shylock-artige Judengestalt auf. Und dann wurde bekannt, daß dieser außerordentlich gewissenhafte und langsame Arbeiter an einem großen Werk arbeitet, das nichts Geringeres vorhat als die dramatische Darstellung des jüdischen Menschen an seinem berühmtesten Beispiel: König David. Zuerst erschien als ein Vorspiel des dreiteilig gedachten Dramas: „Jaacobs Traum“, ein jüdisches Bekenntnisgedicht von hohem Schwung. Erst 15 Jahre später kam der 1. Teil des eigentlichen Dramas heraus „Der junge David“. Seither sind Bruchstücke vom II. Teil und ein sehr inhaltreiches Vorspiel auf dem Theater für das Drama „König David“ bekannt geworden. Hier hat ein Dichter durch tiefe Einkehr in das Wesen des Judentums und seiner Geschichte den Stoff erworben, die Lebensfülle, die dem Dramatiker unerläßlich sind. Man könnte noch auf ähnliche Beispiele aus deutschem Sprachbereiche verweisen: etwa auf Lissauer, der, deutscher Kultur zu tiefst verbunden, als Dramatiker zuletzt zu einem „Moses“ gelangte; an Emil Bernhard (Cohn), dessen sehr bewegliches Talent im Drama sich am innerlichsten in der jüdischen Tragödie „Die Jagd Gottes“ entfaltete; an Moritz Heimann dessen tiefschwere dramatische Versuche mit dem jüdischen Thema „Das Weib des Akiba“ endeten. Aber nun müssen wir uns erinnern, daß Juden auch heute in volkhaft dichten Zusammenschlüssen leben, wo sie die dramatische Form aus ihrem eigenen Milieu speisen können. Die Siedelung in Palästina ist noch zu jung, aber immerhin bemüht man sich dort um ein Drama hebräischer Sprache, und einen groß angelegten Versuch von Nathan Bistritzky, die Geschichte des Sabbatai Zewi auf die Bühne zu bringen, wird in deutscher Übertragung der Berliner Kulturbund vermitteln. —- Amerika besitzt in New York mit seinen fast 2 Millionen Juden die weitaus volkreichste Niederlassung, die je in der jüdischen Geschichte existiert hat. Der Kern dieser riesigen Menschenmassen stammt aus Polen und Rußland, und spricht .also jiddisch. ‘Sie haben eine ganze Reihe von Theatern und also auch Ansätze einer dramatischen Literatur. Das Stück von Anne Nichol, das in Deutschland unter dem Titel „Dreimal Hochzeit“ gespielt wurde, und eigentlich „Ab bies Irish Rose“ hieß, ist ein Welterfolg gewesen, wie er in vielen Jahrzehnten nur einmal-vorkommt. „Es war freilich ein harmlos freundliches Volksstück, keineswegs eine große Dichtung. — O s s i p D y m o w , der aus der russischen Literatur kam, hat aus dem jüdischen Milieu New Yorks und für dessen Bühnen Theaterstücke von immerhin ernsterem Anspruch geschrieben (z. B. „Bronx-Express“). — Das, Kernland spezifisch jüdischer Dramatik war bisher Polend Dort ist seit einem Menschenalter eine sehr zahlreiche und keineswegs unbedeutende dramatische Literatur herangereift. Mit den primitiven Volksstücken von Goldfaden begann es. Dann aber kamen Naturalisten wie P i n s k i und Scha- 1 o m Asch. Aber sehr bald auch phantastische Bühnendichter wie A n s k y , der Autor des berühmten „Dybuk“, dieses jüdischen Gespensterstückes, und L e i v i k , der den weit tiefsinnigeren „Golem“ gedichtet hat, und heute in New York lebt. Der bedeutendste aber in dieser Reihe ist wohl der schon vor zwanzig Jahren gestorbene Jizchok Leib Perez. Man hat unlängst im Berliner Kulturbund von Perez „Die goldene Kette“ gespielt. Dieses „Drama einer chassidisehen Familie“ ist namentlich in seinem 1. Akt von einer wunderbar innerlichen Stärke. Da faßt der uralte und hoch geehrte chassidische Rabbi Salomo die Idee, alles Elend aus der Welt zu bringen, indem er den Feiertag ewig währen läßt. Es ist Sabbath, und er wird nicht Hawdalah machen, nicht das Schlußgebet sprechen. Alle Geschäfte werden für immer ruhen, aller Zank, aller Streit; für immer wird der feierliche Dienst Gottes in der Welt sein. Eine großartige und eine wahnsinnige Idee! Die religiöse Leidenschaft hat sich weit über alles Mögliche erhoben, — die Menschen brauchen ihren Alltag, ihre Geschäfte, ihren Streit; sie empören sich, sie setzen den Rabbi ab, und der finstere Sohn des wunderbaren Salomo macht die Hawdalah. — Der Alte zerbricht mit seinem göttlichen Traum. — Es ist eine so reine und so großartige Tragödie, wie sie nur jemals ein Dichter ersonnen.hat, und sie kommt aus der innersten Tiefe eines jüdischen Herzens. 4