Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jeschiwa in Lemberg, erhielt, und hier wurden zahlreiche fremde Talmudstudierende, die Bachurim, -seitens der Gemeinde versorgt. Obwohl Halberstadt im Gegensatz zu Berlin einen ausgesprochen traditionell-jüdischen Charakter besaB, war doch auch dort» allgemeine Bildung bereits im 17. Jahrhundert eingedrungen. Ein Lehrer an der Jeschiwa befaßte sich z. B. mit medizinischen Schriften, um seine Schüler in dieser Hinsicht beraten zu können. So empfahl er unter anderem einem Schüler, der vom Studium etwas ermattet war, ein Jahr lang FuBreisen zu machen, um wieder frischer zu werden; einem anderen, der von übler Laune geplagt war, riet er, Musik zu treiben. —- Andere Gelehrte in Halberstadt haben sich mit der damals im allgemeinen so verpönten Wissenschaft von Grammatik beschäftigt oder — was noch viel mehr Aufmerksamkeit und Widerspruch erregte — Mathematik und Astronomie getrieben. In demselben Zeitraum, in dem Halberstadt sich zu einem Mittelpunkt jüdischer Kultur entwickelte, gewann Frankfurt an der Oder eine bisher für die Juden in Preußen ganz unbekannte Bedeutung. Dort war es nämlich, wo die Universität als eine der ersten in Deutschland auch Juden ihre Pforten geöffnet hatte; dort war 1721 die erste Promotion eines Juden in Deutschland erfolgt, und auch Frankfurt an der Oder wurde wie Halberstadt — wenn auch aus ganz anderen Gründen und mit ganz anderen Wirkungen — zu einem Anziehungspunkt für die studierende jüdische Jugend. Auch die Universität Halle zog frühzeitig schon jüdische Studierende an. Obwohl einer der ersten Begründer der jüdischen Gemeinde Halle, Assur Marx, besonderes Interesse für die Pflege jüdischer Kultur bekundete — soll er doch eine bemerkenswerte Büchersammlung besessen haben, die an Bedeutung mit der des Bibliophilen David Oppenheim in Prag verglichen wird —, hat Halle als Pflanzstätte jüdischer Bildung keine Bedeutung gewonnen. Aus diesem Grunde wurden vermutlich die Erträgnisse einer in Halle errichteten Stiftung zur „Beförderung der jüdischen Studien“ nach Halberstadt geschickt und dort verteilt. Wiederum eine ganz neue Note erhielt das jüdischkulturelle Leben, als die Stadt Posen an Preußen fiel; dies war allerdings erst im 18. Jahrhundert der Fall. Denn Posen zeichnete sich auf Grund seiner geschichtlichen Entwicklung damals durch eine besonders festgefügte Gemeinschaft und durch einen unbedingten jüdischen Kulturwillen aus. Auch nach dem Übergang an Preußen entwickelte sich zunächst alles im alten Rahmen, unbeeinflußt von den staatlich-absolutistischen Tendenzen, wie sie sich besonders stark in Berlin geltend machten. Die Posener Gemeindeverwaltung war streng zentralisiert. Zu ihren Aufgaben gehörte sogar die Überwachung der Lebensführung und des geistigen Lebens aller Gemeindemitglieder. Der Stplz der Gemeinde war die Jeschiwa, ihr galt die ständige Sorge der gesamten Bevölkerung, und sie wurde immer unter den größten Opfern jedes Einzelnen aufrechterhalten. Eine zeitweilige unvermeidliche Auflösung wurde als ein Unglück für die ganze Gemeinde betrachtet, und es wurde in der Folgezeit alles aufgeboten, um sie wieder errichten zu können. Obwohl Posen zu den Hochsitzen der Talmudgelehrsamkeit gehörte, wurde auch dort nichtreligiöses und niehtjüdisches Wissen eifrig gepflegt, eine Tatsache, die einmal einen Oberrabbiner veranlaßte, an einem der üblichen Predigtsabbate vor dem Pessachfeste gegen jedes wissenschaftliche Streben aufzutreten, „da ein Sohn Judas nichts lernen dürfe als den Talmud“. Und noch viel später, als der Philosoph Salomon Maimon die Posener Jugend veranlaßte, sich mit Maimonides zu beschäftigen, erhob sich die ältere Generation gegen dieses rationalistische Streben. Endlich gab es in den preußischen Gebieten auch noch die sogenannten Landjudenschaften (z. B. in Cleve), eine für das 17. Jahrhundert besonders charakteristische Schöpfung. Es handelt sich hier zwar um Landesverbände, die eine ganze Reihe jüdischer kleiner Einzelsiedtungen und Landgemeinden zusammenfassen; da jedoch die Ortsgemeinden keine Sdbständigkeit besaßen, so wirkt die Landjudenschaft wie eine einzige große Gemeinde, wie ein „Kahal Medina“. Das Bezeichnende dieser I.andjndensehaften war eine unbeschreibliche Festigkeit der Organisation, eine reiche innere Ausgestaltung und eine bewundernswerte Intensität, mit-weicher alle Seiten des jüdischen Lebens erfaßt wurden. Die ohnehin vielfache Zersplitterung des jüdischen Gemeindelebens in Preußen wurde im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts noch in mancher Hinsicht verstärkt; es kamen dazu noch religiöse Nuancierungen; es kam dazu der Gegensatz zwischen Stadt- und Landgemeinden, zwischen Groß- und Kleingemeinden, Gegensätze, die nicht nur statistische, wirtschaftliche und bevölkerungspolitische, sondern auch kulturelle Bedeutung hatten. Aus all dieser geschichtlich gewordenen und geschichtlich zu verstehenden Vielfältigkeit eine Einheit zu schaffen, ist eine der wesentlichsten Aufgaben, die unserer Zeit zukommt. Jüdische Dramatiker Von Julius B a b. Daß die Juden ein besonders lebhaftes Verhältnis zur Kunst des Theaters haben, das ist durch frühere Betrachtungen eingehend dargelegt worden. Jüdische Schauspieler und Schauspielerinnen und Bühnenleiter von hervorragender Bedeutung gibt es in auffallend hoher Zahl. In keiner der anderen Künste, um die sich Juden in letzten Menschenaltern bemüht haben, ist ihnen ein so auffallender Erfolg zu Teil geworden. Aber das Erlebnis des Theaters hat ja eine doppelte Voraussetzung, und außer dem eigentlichen Bühnenkünstler ist für seine höhere Entwicklung unentbehrlich der dramatische Dichter, der durch seine, sprachliche Vorzeichnung die Form schafft, in die sich die feurige Kraft des Schauspielers erst ergießen muß. Dramatische und schauspielerische Kraft sind zwar auf einander angewiesen, aber sie sind keineswegs identisch. Der Schauspieler erhält ja für seine nachfühlende Leidenschaft den Lebensausschnitt, die Rolle vom Dramatiker' fertig überliefert; der Dramatiker aber muß selbst unmittelbar aus dem Leben den Umriß für seine Gestalten entnehmen. Er braucht in ganz anderem Maße unmittelbaren, festen Weltbesitz als der Schauspieler. Und so ist wohl nicht erstaunlich, daß die Juden, die erst seit fünf Generationen am Leben der europäischen Völker und auch an ihrer dramatischen Kunst teilnehmen, und es noch nirgends zu dem völlig gesicherten Besitz ihrer Umwelt bringen konnten, als Dramatiker keineswegs so hohe Wirkungen zu erreichen vermochten wie als Bühnenkünstler. Obschon ihre Leidenschaft zur Bühnenform sie__sehr zahlreich auch als Textdichter sich hat versuchen lassen, und obwohl es ihnen an Erfolgen begrenzterer Art auch keineswegs fehlt. (Erst Versuche im deutschen Sprachgebiete zeigen bald nach 1800 Michael Beer (Meyerbeers Bruder), dessen „Paria“ Goethe protegierte, und Ludwig Robert, Rahel Levins Bruder, in dessen „Macht der Verhältnisse“ Ludwig Devrient, der große Schauspieler, eine Glanzrolle hatte). Zwischen dem nachfühlenden Bühnenkünstler und dem freischöpferischen Dichter steht der Übersetzer, und so hat es fast sinnbildlichen Wert, daß ein Mann, der sich in Deutschland durch fast zwei Generationen als Bühnendichter versucht hat, und der manchen hübschen Erfolg, aber doch nie eine tiefe epochemachende Wirkung mit seinen eigenen Stücken erreichte, — daß Ludwig Fulda doch als Übersetzer außerordentlich glücklich .war. Er hat eine neue, lebendige deutsche Theaterform für Moliöre geschaffen und hat den jüngeren Franzosen Rostand, und vor allem sein Meisterwerk „Cyrano de Bergerac“, schlechthin vollkommen übersetzt. — Dem reinen Theater näher als dem eigentlichen Drama steht wohl auch jenes Unterhaltungsstück, das bei ungefährer Milieukenntnis und gründlicher Bühnenkenntnis gelingt. Als sich in der Milte des vorigen Jahrhunderts ein Berliner Volksstück entwickelte, fand es in dem witzigen und geschickten K a 1 i s c h seinen erfolgreichsten Meister. Und der Schwank, der auf den Pariser Boulevards gedeiht, hat in der letzten Generation keinen fruchtbareren Autor gesehen als den jüdischen Schriftsteller Tristan Bernard. . Wo aber ein neues Drama entstehen soll, aus einer leidenschaftlichen und kritischen Besitznahme des Lebensstoffe», wie das in der Epoche des „Naturalismus“ geschah, 3