Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021704--500-3981229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
geringer, aber selbst die von manchen für so begünstigt gehaltene Jüdische Gemeinde zu Berlin bleibt mit ihren 19,72 */» Hilfsbedürftigen nur ganz -wenig unter dem obengenannten Durchschnitt. Lebensmittel, Kohle, Kleidung — das waren die hauptsächlichsten Leistungen, in denen die Hilfe bestand, und der Wert dieser Leistungen machte insgesamt einen Betrag von 3 644 000 Reichsmark aus; 63,32 '/• dieses Aufkommens wurden durch Lohnabzüge, 22,94 '/• durch einmalige Spenden, die übrigen 13,74 '/• durch Eintopfspenden, Pfundsammlungen u. ä. aufgebracht. Die aus diesen Zahlen sprechenden Tatsachen sind es, die den Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Heinrich Stahl, in die Lage versetzten, bei der Eröffnungskundgebung des Winterhilfswerks in der Synagoge Prinzregentenstraße die Gewißheit zum Ausdruck zu bringen, „daß das Werk der Jüdischen Winterhilfe in diesem Jahre gelingen wird, nachdem sich gezeigt hat, daß sie im-letzten Jahre viel mehr zu leisten vermochte, als selbst die Optimisten geglaubt hatten“. Und Rabbiner Dr. Baeck fügte den Hinweis hinzu, daß „der Oberwindung des Egoismus des Einzelnen die Überwindung des Egoismus der Gemeinden entsprach, da durch einen Lastenausgleichfonds dafür gesorgt war, daß Überschüsse aus weniger notleidenden Gemeinden denjenigen zugutekamen, in denen die Not größer war“. Lastenausgleich — hier haben wir den Begriff, den seit jeher der Landesverband als die eigentlich produktive Grundauffassung aller jüdischen Gemeinschaftsarbeit angesehen, den er fruchtbar angewendet und populär gemacht hat und der sich nun auch andere jüdische Arbeitsgebiete erobert — zum Segen des Judentums und der jüdischen Mefischen. Denn die Juden sind durch Schicksal und Geschichte zu einer Einheit verbunden. Wo jüdische Existenzen wirtschaftlich gefährdet sind, da ist jüdische Substanz als solche bedroht; wer unbeteiligt zusieht, der sieht der Untergrabung seiner eigenen Existenz zu; und wer beim Stützen und Aufbauen hilft, der festigt sein eigenes Fundament. So erweist sich im Jüdische Gemeinden Von Dr. Hilde O t Die Epoche vor Moses Mendelssohn besitzt seltsame Dissonanzen: für manche Gemeinden war sie eine Blütezeit in jüdisch-kultureller Hinsicht, in anderen herrschte dagegen eine unsagbare Zerfahrenheit und Zersplitterung des geistigen Lebens; in manchen Gemeinden machte sich ein ungemein lebhafter Drang nach Anknüpfung an ' die religiös-jüdische Tradition geltend; in anderen wird dagegen alles Überkommene als lästige Fessel empfunden; in manchen Gemeinden wird das jüdische Leben aufs Strengste reglementiert, in anderen herrschte dagegen in dieser Hinsicht direkt ein laissez aller, Iaissez faire, eine Tendenz, die dem Individualismus Tür und Tor öffnete. Dieses Bild ergibt sich insbesondere bei einer Betrachtung der jüdischen Gemeinden in Preußen. Während z. B. die jüdische Bevölkerung in den süddeutschen Gemeinden in der Regel noch in großer Abgeschlossenheit lebte, war das damals neuentstehende Berlin vielfachen Einwirkungen von außen ausgesetzt. Dies zeigte sich unter anderem daran, daß die Regierung einmal die Aufführung einer biblischen Purimkomödie untersagte, weil sie öffentliches Ärgernis erregt hatte. Auch in Frankfurt a. M. ist aus derselben Zeit ein ähnliches Verbot bekannt; hier stammte es jedoch nicht von der staatlichen Seite, sondern von den jüdischen Gemeindevorstehern, mit deren mystisch - asketischen Lebensanschauungen sich so etwas wie Theaterspielen nicht vereinbaren ließ. Die Erschlossenheit Berlins gegenüber Einflüssen von außen brachte es mit sich, daß hier das Hauptziel der jüdischen Wanderung jener Tage war, während Frankfurt a. M. im Gegensatz dazu die Aufnahme von Juden aus anderen Gegenden ängstlich abwehrte. Mit der geistigen Beschaffenheit Berlins hängt' es Grande genommen alle jüdische Gemeinschaftsarbeit als Lastenausgleich. Das haben alle diejenigen verstanden, von denen berichtet werden konnte, daß „Geld- und Sachspenden aus allen Teilen der Welt, aus dem fernsten Osten, aus Tokio, und aus dem fernen Westen, aus San Salvador“ gekommen sind. Und die 13 000 ehrenamtlichen Helfer am Werk haben es verstanden, daß wir alle nur eine gemeinsame Existenz und daß wir auch eine gemeinsame Ehre haben. „Eine Gemeinschaft, die nichtvon der Verbundenheit aller ihrer Glieder getragen wird, ist verloren“, heißt -fes in dem schon erwähnten Aufruf. Die Tatsachen, die der Bericht über das vorjährige jüdische Winterhilfswerk anführt, beweisen, daß diese Verbundenheit vorhanden ist, daß sie empfunden und gelebt wird. Verbundenheit aller, was heißt das aber? Daß jeder weiß: unsere Existenzen hängen zusammen, also hängen auch unsere Lebensnotwendigkeiten zusammen, und wir bilden alle eine unzerreißbare Einheit. Aus dieser Einheit kann keiner ausbrechen — wer es dennoch versuchte, erlitt Schiffbruch, und wenn nicht an sich selbst, dann an seinen Kindern oder Enkeln. Wir bildeten immer eine Einheit, aber wir haben es nicht immer gewußt. Daß wir es heute wieder wissen — und daß diese Erkenntnis nicht im nur verstandesmäßigen Wissen steckenblieb, sondern in dem vorjährigen Jüdischen Winterhilfswerk als spontane, blutvolle Volksbewegung lebendigen Ausdruck sich schuf, das ist es, was uns das Recht gibt, zu sagen: das Wunder ist Wirklichkeit, die „Überwindung des Egoismus“ ist Tatsache geworden, Tatsachen beweisen. So wird das Werk auch dies Jahr den Widerhall finden, der ihm gebührt. Keiner darf, keiner kann sich entziehen, wenn seine Gemeinschaft ruft. Sprichst du aber, Notzeit rechtfertige den Egoismus; sagst du, du müssest und wollest in dieser Zeit egoistisch sein — gut; aber dann sei richtig egoistisch: begreife auch du, was alles um dich herum längst begriffen hat, daß du Teil eines Ganzen bist und daß du nur leben wirst, wenn dieses Ganze lebt! im 17. Jahrhundert tenbeimer. auch zusammen, daß das jüdische Bildungswesen sich nicht in der traditionellen Form entfaltete, nach welcher gemeinschaftliche Unterweisung der Kinder das Übliche, Einzelerziehung die Ausnahme ist, nach welcher die Knaben außerhäuslich, die Mädchen innerhalb der Familie unterrichtet werden. In Berlin war dagegen die Privaterziehung das Übliche bei Knaben, während die Mädchenerziehung hier der Familie abgenommen wurde. — Da die Tradition für die Gestaltung des jüdisch-kulturellen Lebens in Berlin nicht maßgebend war, so gab es hier auch keine Einrichtung für die Pflege der höheren jüdischen Bildung, wie sie sonst den Glanzpunkt anderer jüdischer Gemeinden in demselben Zeitraum bildete. Es ist daher leicht zu verstehen, daß auf diesem Boden in Deutschland zuerst der Plan zu einer Einrichtung für die Pflege nichtjüdischer Bildung entstand. Der Plan bezog sich allerdings nicht auf die berühmte Itzig-Friedländersche Freischule, vielmehr ist ungefähr zwanzig Jahre früher von Veitei Heine Ephraim beabsichtigt worden, eine derartige Institution zu schaffen, ein Plan, der dann aus unbekannten Gründen trotz behördlicher Genehmigung nicht in die Wirklichkeit überführt wurde. Während Berlin für die Entfaltung jüdischer Kultur im 17. Jahrhundert keine Bedeutung gewonnen hat, besitzt Preußen in der jüdischen Gemeinde Halberstadt einen Mittelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit, der große Anziehungskraft ausübte. Hier gab es in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine öffentliche Schule für jüdische Kinder, hier war dank der Initiative des „Stadlan Hagadol“, des Hofjuden Bebrend Lehmann, eine Jeschiwa, eine jüdische Hochschule, errichtet worden, die ihren Glanz durch R. Hirsch Bialeh, genannt Charif, vorher Leiter einer 2