Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PUR DIE JÜDISCHER GEMEMDEK PREUSSEHS VERWALTUNGSBLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN 14. Jahrgang Berlin, den 1. November 1936 Nr. 11 Überwindung des Egoismus „Sei nicht so egoistisch“ — das kann man eigentlich nur in Zeiten des Wohlstandes sagen oder, in Zeiten der Not, zu den Wenigen, die vor dem allgemeinen Niedergang geschützt blieben. Wer es gut hat, der soll an diejenigen denken, die es nicht gut haben, und er soll von seinem Überfluß abgeben. Wer aber selber in Armut geriet, — muß oder will der sich sagen lassen, er solle nicht egoistisch sein? Ist der Egoismus wirklich, ist er immer eine so schlimme Sache, kann er nicht im Gegenteil manchmal geradezu zur Pflicht werden — zu einer Pflicht, die der Mensch nicht allein gegen sich selber hat, sondern vor allem auch gegen seine Allernächsten und Liebsten, gegen Weib und Kinder, für die zu sorgen ja die oberste Lebensaufgabe eines jeden Familienvaters istl Und nicht nur für die Väter trifft das zu; wieviele Mütter stehen allein oder müssen doch mithelfen; . und wieviele Söhne und Töchter sind heute die alleinigen oder doch unentbehrlichen Stützen ihrer Familie! Sei nicht so egoistisch — „ich muß es aber sein, ich bin verpflichtet dazu, ich kann überhaupt garnicht egoistisch genug sein“, wird mancher antworten und würde jeden Appell dagegen, von noch so hochgestellten Persönlichkeiten und von noch so autoritativen Stellen, für abwegig und unbeachtlich halten. Und dennoch: es ist in dieser Zeit des Notstandes und der Verarmung ein Appell an die Überwindung des Egoismus nicht nur nicht unbeachtet geblieben, sondern er hat im Gegenteil einen derartigen Widerhall gefunden, daß das durch ihn eingeleitete gemeinnützige Werk den größten Personenkreis erfaßt und das höchste Spendenergebnis erzielt hat, das bisher jemals von der jüdischen Gemeinschaftsarbeit in Deutschland erreicht worden ist: die Jüdische Winterhilfe. Die neue Aufgabe trat im vorigen Jahre erstmalig und unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen an die Juden Deutschlands heran. Erstmalig, denn bis zum Frühjahr 1935 hatte das Winterhilfswerk des Deutschen Volkes die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung mit umfaßt. Und unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen, denn die Juden Deutschltnds sind zum großen Teil verarmt, die Einzelnen haben oft nicht für eine, sondern für fünf Familien zu sorgen, die Opfer werden immer schwerer, die Gemeinden, oft ihrer zahlungskräftigsten Mitglieder durch Abwanderung verlustig gegangen, müssen ihre Steuersätze immer weiter heraufsetzen und an die ihnen verbliebenen Mitglieder immer höhere Ansprüche stellen. Und die großen konstruktiven jüdischen Gemeinschaftswerke — Schule, Berufsausbildung, körperliche und geistige Hachscharah, Auswanderungs-Vorbildung, organisierte Auswanderungshilfe, Palästina-Werk — alles dies darf nicht nur nicht beeinträchtigt, sondern muß im Gegenteil mit .aller Anspannung gesteigert werden: das war die Situation, in der die zusätzliche Aufgabe der Jüdischen Winterhilfe im vorigen Jahr an uns alle herantrat; das ist die Situation heute wieder. Und ist auch die Aufgabe als solche jetzt nicht mehr neu, die Leistung, die sie von uns fordert, kommt doch zusätzlich zu all den anderen gesamtjüdischen Verpflichtungen noch hinzu, und auch hier gilt, was für alle jüdische Arbeit heute gilt: die vorhandenen Mittel sind geringer geworden, die Anforderungen sind gewachsen. Und hierin nun liegt die Begründung und die Garantie für unsere Zuversicht: „Berechtigung des Egoismus“ — das ist eine Erwägung; „Überwindung des Egoismus“ — das ist eine Tatsache; Tatsachen beweisen. „Die Not“, so heißt es in dem .diesjährigen Winterhilfe-Aufruf der jüdischen Zentralorganisationen, „hatte in unserer Geschichte immer eine erweckende Kraft.“ Eine viertausendjährige Kette von Tatsachen beweist, daß die Überwindung des Egoismus Wirklichkeit und jüdische Wirklichkeit ist; wem aber vier Jahrtausende eine zu große Zeitspanne erscheinen, als daß er ihnen Glauben schenken könnte (lies: .... wer für die viertausend Jahre jüdischer Geschichte zu kleingläubig und überhaupt für die Wahrheit der Geschichte zu klein ist_), der halte sich an die Tatsachen des letzten Jahres und des Gegenstandes, von dem hier gesprochen wird: Über 83 000 Menschen sind im vorigen Jahre von der Jüdischen Winterhilfe betreut worden; bei einer Gesamtzahl von 409 000 jüdischen Seelen in Deutschland sind das 20,48 */«, mit andern Worten: jeder fünfte Jude brauchte Hilfe und bekam Hilfe. In einzelnen Gegenden und Orten war der Prozentsatz natürlich größer (Posen-Westpreußen 33,85 */•; Saarland 30,74 */•; Ostpreußen z. T. 32,07 •/•; Hamborn [Rheinprovinz} 40,05 */•; Mülheim a. d. Ruhr 31,58*/«; Altona 32,68*/« usw.); in anderen war es dafür Gemeinde-Mitteilungen: Bremen. Duisburg. .... „ 13 Magdeburg . . . .... »14 Halle. ... »1® Thüringen. »17 Tilsit . .... »17 Stettin. .18