Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
10 (1.10.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021703--483-3981213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bhb Bebaue ich die Unendlichkeit der Zeiten und sehe: alle» zergeht in Nicht». Soll der AnMick der unendlichen Zeit noch trostloser »ein als der des —endlichen Ranne»„Trostlos?*", fragte der Geist, „and sagtest du nicht damals, es sei dir beim Anblick der Himmelsheere die Herrlichkeit des Ewigen auf gegangen?- „O ja“, stöhnte Salomo, „aber wenn doch alle diese Heere wieder vergeben müssen, so ist alles ganz eiteL Muß wirklich“, fragte er, „alle», alle» untergeben?“ Und der Geist der Erkenntnis, der die Züge Htrams, des Baumeisters, trug, antwortete: „Alles, was ist, endet; alles, was geworden, vergeht.“ „O web!“, rief da der König, „und alles, was ist, ist erst geworden?" „Nein, was wahrhaft ist, ist niemals geworden?“ Da stand ein Strahlen im Raum. Salomos Herz aber jubelte. Das Niegewordene ist das Nievergehende — das war, wie der Geist ihm versprochen, mehr als die Zukunft mit ihrem Werden und Vergeben. Das Werdende und Vergebende aber, so öffnete sich ihm eine neue Erkenntnis, war nicht das wahrhaft Seiende. „Dies ist die Erlösung“, sprach er voll Dank, „mehr bedarf kein Mensch." „Aber wer unter den Menschen wirken will, bedarf mehr“, erwiderte der Geist, „willst du, wenn dein Volk von Hungersnot bedroht ist, wenn der Feind vor den Toren steht, wenn die Menschen Recht suchen in ihren Streitigkeiten — willst du dann, o König, statt ihnen Brot zu geben, statt sie vor dem Gemetzel des Feindes zu schützen, statt dem Bedrängten zum Recht zu verhelfen, ihnen von den Schauungen dieser Nacht sprechen?" salomu senkte das Haupt, er preßte die Lippen hart aufeinander. „Du wolltest mir die Unendlichkeit des Raumes zeigen“, sagte er nach einer Weile, „und du zeigtest sie mir neulich. Du wolltest mir die Unendlichkeit der Zeit zeigen, ich sah sie heute. Aber ich sab auch, beide Male, die Herrlichkeit und UnVergänglichkeit Das ist mehr als Raum und Zeit. Und so sah ich alles, was du versprachst.“ „Nicht alles“, erwideite der Geist, „warte noch fünf Tage, da wirst du das sehen, was mehr ist als Räume und Zeiten.“ ln der Nacht zum Hüttenfeste lag König Salomo unruhig auf seinem Bette. Bis an den Rand seiner Adern schwoll ihm das Blut in innerer Spannung; aber der, den er erwartete, kam nicht Die Nacht ging vorüber, es wurde fielt . . . nichts. Am Morgen vollzog der König die vorgeschriebenen Opfer, er sprach die Gebete, aber sein Herz war nicht dabei. Indessen hatte das Volk sich zum Tempeldienste in der Stadt versammelt. Da trat Hiram, der Baumeister, zum König. „Friede sei mit meinem Könige“, sagte er, „und eine Festfreude für dich!“ „Was ist?“, gab Salomo müde zurück. „Der König wolle gnädig sein und mir auf die Höhe des Turmes folgen“, antwortete Hiram, „dort wirst du sehen, was du noch nicht sahst.“ Und sie eilten hinan, die Stiege hinauf, vorbei an den zwei verschlossenen Gemächern, bis zu der höchsten Stufe, wo sie an das dritte Gemach kamen, dessen Tür offen stand. „Wir haben ein Fenster ausgehauen“, rief Hiram in hellem Jubel darüber, daß er dem König eine Freude machen konnte. Salomo erblickte das Fenster; es war gewöhnliches Glas, und da er hinausschaute, siehe, da lag zu seinen Füßen die heilige Stadt, darinnen das Gewimmel des jubelnden Volkes; er blickte über die Stadtmauer hinaus, sah das Land gebreitet unter strahlender Sonne, sah glückliche Menschen in der Freude des Erntefestes, Greise und Greisinnen, Männer und Frauen, dazu die jauchzenden Kinder. „Dies Fenster, das dir den Blick auf dein Land und Volk gestattet, weit über die Grenzen der Stadt hinaus, hatten wir bisher anzulegen vergessen“, sagte Hiram, „man kommt oft auf die einfachsten Dinge nicht.“ „Ja“, antwortete der König, „der baut Paläste aus Stein, sie sind Abbild letzter Vollkommenheit, und jener aus Gedanken, sie sind Darstellung der ewig gültigen absoluten Wahrheit. Und doch fehlt die letzte Krönung — ohne den Blick auf die Wirklichkeit“ Da wollte Hiram fragen, aber er kam nicht dazu; von unten herauf unterbrachen ihn brausende Chöre; mit Palmen und Weiden, Myrthen und Früchten zog das Volk ins Heiligtum. „Danket dem Ewigen, denn er ist freundlich, und ewig währet seine Güte“, tönte es herauf. Und noch einmal: „Ewig währet seine Güte.“ Und zum dritten Male, selig, verklingend: „. . . Güte.“ Chronik des jüdischen Lebens Das jüdische Neujahrsfest hat allerorten eine Bück schau anf das letztvergangene Jahr gebracht, aber die Weltgeschichte und speziell auch die jüdische Geschichte hat in diesen Zeitläuften ein derartiges Tempo angenommen, daß schon die Ereignisse eines einzigen Monats hinreichenden Stoff zu eingehender und grundsätzlicher Erörterung bieten würden; selbst ihre nur chronologische Aufzählung ist verwirrend genug, zumal sich a«. Geschehen an so außerordentlich vielen Schauplätzen zugleich abspielt- So sehr, wie die ganze Welt im Fluß ist, so sehr ist es auch die Welt des Judentums, denn die Jndenfrage ist eingebettet in die allgemeinen Kultur- und Menschheitsfragen dieser nnd vielleicht aller Zeiten. Die Ablehnung alles Jüdischen ist, wenn auch nicht überall, so doch fast überall Kennzeichen und Wirkung des nationalen Gedankens, und da die Stärkung des nationalen Gedankens das charakteristische Merkmal unserer ganzen Epoche in allen Ländern der Erde ist, so ergibt sich von selbst und zwangsläufig die Folge, daß nahezu die ganze Erde Schauplatz auch jüdischen Geschehens ist. Nicht einmal die ost- und südasiatischen Länder, in denen es so gut wie keine Juden gibt, machen hiereine Ausnahme und anch in dem unglücklichen Spanien, das eine Ziffern- und prozentmäßig äußerst geringe Judenschaft besitzt, beginnt die Jndenfrage ihre Rolle zu spielen. In den osteuropäischen Ländern mit ihren jüdischen Massen ist das Bild entsprechend verhängnisvoller. Das gilt vor allem für Rumänien; wenn sich auch im Augenblick noch nichts Sicheres über die weitere Entwicklung der dortigen politischen Verhältnisse Voraussagen läßt, so hat doch der momentane krisenähnliche Zustand die Unsicherheit der dort lebenden 900 000 Juden aufs neue enthüllt. Noch mehr aber gilt es für Polen mit seinen 3 Millionen Juden, die schon seit vielen Monaten durch judenfeindliche Vorkommnisse und andere Ereignisse schwer verunruhigt sind und nun auch von innen her, also aus ihren eigenen Reihen, in äußerste Aufregung versetzt worden sind. Wladimir Jabo tinsky, der bekannte Führer der Revisionistischen Zionisten, hat einen kürzlich von gewissen polnischen offiziellen Persönlichkeiten geäußerten Gedanken aufgegriffen und'ist öffentlich für eine planmäßige Evakuierung der Juden Poteos- und für ihre Verbringung nach Palästina eingetreten. Wenn auch dieser Plan seine Verwirklichung erst im Laufe einer Anzahl von Jahren vorsiebt und wenn ferner auch ein beträchtlicher Teil der polnischen Judenschaft programmgemäß im Lande bleiben soll, so erscheint der ganze Plan doch der überwiegenden Mehrheit der polnischen Judenschaft so ungeheuerlich, daß nahezu alle Körperschaften und Organisationen leidenschaftlich gegen Jabotinskys Aktion Protest erhoben haben; keineswegs etwa nur die auf assimilatorischem Standpunkt stehenden Juden, deren es in Polen ohnehin nur wenige gibt, sondern gerade auch die nationaljüdischen Kreise erblicken in dem Treiben Jabotinskys eine bedenkliche Gefährdung ihrer Stellung und Rechte in Polen, ganz abgesehen davon, daß Jabotinskys Pläne auch geeignet sind, in Palästina eine Versteifung der Situation und neuen Widerstand der Araber hervorzurufen. Dies wäre aber für die Juden der ganzen Welt, insbesondere auch für uns Juden in Deutschland, von unabsehbaren Folgen. Nur mit allergrößtem Bedauern erinnern wir uns der kritischen Tage Ende August und Anfang September, als die Gefahr einer sofortigen Einwanderungssperre in bedrohlichste Nähe gerückt war und in alter Eile unter größten organisatorischen, finanziellen und — seelischen Schwierigkeiten Transporte organisiert und abgesandt wurden, um noch möglichst viele fertig ausgebildete Olim vor Verhängung der Sperre an ihr Ziel' zu bringen. bange und aufregende Tage für die damals zusammengetretenen zionistischen und gesamtjüdischen Körperschaften, für das mit Einsatz aller Kräfte arbeitende Paiästina-Amt, für tausende von unmittelbar oder mittelbar betroffenen Juden wie für die Gesamtjuden heit des Erdballs. Es gibt niemanden, der nicht dankbar dafür ist, daß diese Gefahr jetzt vorläufig beseitigt ist. Die Lage bleibt auch ohnedies ernst genug. Der Terror- und Guerillakrieg führt noch täglich zu Gewalttaten und Verlusten aller Art, und es ist bewundernswert, in welchem Maße die Juden des Landes trotz alledem Disziplin wahren. Niemand aber vermag zu sagen, was das Ergebnis jener Arbeit sein wird, die die inzwischen konstituierte „Königliche Kommission“ aufgenommen hat, und da bekanntlich auch eine erhebliche Truppenverstärkung sowie ein Wechsel im militärischen Oberkommando eingetreten ist, so ist die Situation gespannt wie wohl noch nie zuvor seit Inkrafttreten des Mandats. Beim Rückblick auf die Ereignisse des letzten Monats ist zum Schlüsse zweier Ereignisse in europäischen Ländern zu gedenken. Das eine ist der Londoner Prozeß gegen den Herausgeber und gegen den Verleger-des Organs der Imperial League of Fascists, die wegen „Veröffentlichung verläumderischer und skandalöser Behauptungen über die Juden“ vom Londoner Schwurgericht verurteilt worden sind; eine Tatsache, die uns nicht freudig, sondern nachdenklich stimmen muß, da vor wenigen Jahren noch ein derartiger Prozeß ln London undenk- 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.