Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 10 (1.10.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hachscharah in Holland Von Magistratsrat i. R. Max Gossels. Ein geruhsames Land mit einer behäbigen Bürgerschaft, begeisterungsfähig für nationale Ideale, aber mit Blick für die weite Welt — so wirkt auf den Besucher Holland. In dieses Land wanderten viele Juden in einer Zeit, in der sie in Deutschland keine Existenz mehr fanden, um nach Möglichkeiten zu suchen, sich ein neues Leben aufzubauen. Nur wenigen gelang es, festen Fuß zu fassen, die andern mußten weiter wandern. Sie fanden Unterstützung und Hilfe bei den holländischen Juden und haben sicherlich in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen als bisher. Die holländischen Juden begnügten sich aber nicht damit, Mittel für die Weiterwanderung zur Verfügung zu stellen, sondern schufen mit Unterstützung dei Regierung und in Zusammenarbeit mit den Organisationen in Deutschland ein Werk, das über den Augenblick hinaus Bedeutung behalten und ein Zeichen jüdischen Aufbauwiliens sein wird. Die Bahn von Amsterdam nach dem holländischen Kriegshafen Den Helder berührt den kleinen Ort Schagen. Verläßt man hier den Zug, so bringt ein Autobus den Fremden nach dieser Einrichtung jüdischer Arbeitstätigkeit, die den bezeichnenden Namen trägt: Jüdisches Werkdorf Nieuwe Sluis. Hier in einem Lande, das dem Meer abgerungen ist, im Wieringer Meerpolder, vor acht Jahren noch Meeresgrund, haben junge jüdische Menschen aus eigener Kraft Unterkunftsräume und Stallungen gebaut, den Boden bestellt, Viehzucht begonnen und handwerkliche Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, die noch vor Eintritt des kalten Wetters ihre Krönung in der Vollendung des Gemeinschaftshauses finden sollen, das inmitten der Unterkunftshäuser dem ganzen Dorf das Gepräge geben soll. Bis zu 120 Jungen und 30 Mädchen finden hier Unterkunft. 168 Hektar schweren Lehmbodens und 4 Hektar für den Gartenbau stehen auf Grund einer Regierungskonzession zur Ausbildung zur Verfügung und können solange benutzt werden, wie die Verhältnisse es erfordern. Das Prinzip der Siedlung heißt Selbstarbeit. Das Dorf ist ganz allein Objekt der Lehre. Die Ausbildungszeit für die jungen beträgt zwei Jahre, für die Mädchen achtzehn Monate. Es wird aber niemand fortgelassen, der ment vollständig ausgebildet ist, und wer aus irgendwelchem Orunde dieses Ziel in zwei Jahren nicht erreicht, kann auch ein drittes Jahr in der Ausbildung belassen werden. Bedauerlich ist allerdings, daß hier wie auch an andern Ausbildungsstellen Mädchen in geringerer Zahl vorhanden sind, als untergebracht werden können. Die jüdische Frau sollte sich in Zukunft bei ihrer Berufswahl darauf einstellen, Kameradin und Helferin des Mannes zu sein. Viele junge Juden wollen in ein fernes Land, um dort zu siedeln. Sie brauchen eine Frau, die in der Lage ist, die schwere Arbeit zu verrichten, die nun einmal in der Landarbeit zu ihren Aufgaben gehört. Die Jungen werden zu einem Teil zum Schlosser, Tischler, Maurer oder Zimmermann ausgebildet. Die übrigen arbeiten auf dem Felde oder im Garten. 54 Milchkühe, eine entsprechende Anzahl von Kälbern, schwere belgische Pferde, 70 Schafe, 500 Hühner und 34 Bienenvölker geben reichlich Gelegenheit zur praktischen Schulung. Alles ist auf das modernste eingerichtet, damit die höchstmögliche Leistung erzielt wird. Verfolgt man die Jungen bei der Arbeit, so sieht man überall, .wie eine Gruppe mit der andern Hand in l^and schafft. Die Tischlerei liefert die Fensterrahmen, die Schlosserei die Beschläge und Winkel, die Zimmerleute legen den Fußboden, Wege werden betoniert, Stein an Stein gemauert. Wöchentlich 46 Stunden werkt man mit der Hand, von 7 Uhr in der Frühe bis zum späten Nachmittag. Nach dem Essen am, Abend lernt jeder eine Fremdsprache, und gemeinsam erörtert die Gruppe, zu der sich die einzelnen zusammenschließen, jüdische und allgemeine Fragen. Die Kosten der Ausbildung betragen für die Landwirtschaft, im Gartenbau und für die Mädchen monatlich 45 RM, für die handwerkliche Ausbildung sind 60 RM monatlich zu zahlen. Die Unterbringung der Praktikanten ist darauf gerichtet, sie bei aller Einfachheit der Raumgestaltung zur Ordnung zu erziehen und dem individuellen Geschmack Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Eine eigene Bäckerei richtet Brot her, wie die Praktikanten es von Hause aus gewöhnt sind, eine eigene Schlächterei sorgt für den Fleischbedarf, Butter wird selbst hergestellt. Viele sind von hier aus in die Welt gezogen; sie sind wohl vorbereitet zu ihren neuen Arbeitsplätzen gekommen, sei es in Palästina, sei es in Südafrika oder Nordamerika, und erkennen in Briefen dankbar an, was dieses Werkdorf an ihnen getan hat. Einen ganz anderen- Charakter trägt die Hachscharah- Ausbildung des Noar agudati in Enschede. Wird von der eigenen Synagoge im Werkdorf kaum Gebrauch gemacht, so wird hier Wert auf jüdisches Leben und religiöse Erziehung gelegt. In einer Kombination von Gemeinschaftsleben und Einzelausbildung soll die körperliche Unterweisung durch eine gleichwertige geistige ergänzt werden. Die Anforderungen, die an die dort untergebrachten Jungen und Mädchen gestellt werden, übersteigen das allgemeine Maß erheblich. Voraussetzung für die Aufnahme ist die Ausbildung in einer Jeschiwah oder der Nachweis entsprechender Kenntnisse. Jeder Chawer und jede Chawerah hat körperliche Arbeit von 6 Uhr am Morgen bis zum späten Abend bei einzelnen Bauern oder sonstigen geeigneten Ausbildungsstätten zu leisten, nur unterbrochen von der Zeit für die Einnahme der gemeinsamen Mahlzeit. Dann aber beginnt eine nicht .minder anstrengende Tätigkeit zur Erweiterung des Wissens vom Judentum und zur Stärkung der geistigen Potenz. An die Stelle moderner Freizeitgestaltung tritt hier das Studium der Gemoroh und des Raschi. Mit strahlenden Augen erörtern die Chawerim, über ihre Bücher gebeugt, die einzelnen Stellen, diskutieren, erklären und vertiefen sich in die alten Weisheiten unserer jüdischen Lehrer. Anderthalb Jahre dauert die Ausbildung, doch sie vermittelt in jedem Falle eine gründliche Schulung auf körperlichem und geistigem Gebiet. Durch die Tätigkeit auf dem holländischen Bauernhof lernen die Jungen überall Hand anlegen und nehmen die Verbundenheit mit der Natur so stark in sich auf, daß sie ohne große Mühe es später übernehmen können, in der Kwuzah den Acker zu bestellen und den Boden zu bearbeiten. Die Mädchen sind von den Jungen aus pädagogischen Gründen fast völlig getrennt. Sie stehen im Studium jüdischer Erkenntnisse den Jungen nicht nach und halten doch Haus und Küche in Ordnung. Vergleicht man beide Ausbildungsarten miteinander, Blick auf das Dorf fot. *ix so bleibt der Eindruck, daß im Werkdorf vielseitiger gearbeitet wird und neben der praktischen, mehr schulmäßigen ßetriebsarbeit eine theoretische Unterweisung Hand fn Hand geht, in Enschede die Güte der Ausbildung mehr von der Qualität und der Lehrbefähigung des einzelnen Bauern abhängt, zu dem der Junge kommt. Allgemein wird man daher der Form des eigenen landwirtschaftlichen 4