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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-10-01 · 10 (1.10.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
10 (1.10.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Einzelheit hier zeigen: 660 000 jüdische Handwerker sind im Laufe von dreißig Jahren nach Amerika eingewandert; 64 •/• sämtlicher erwerbstätigen jüdischen Immigranten gehörten während dieser dreißig Jahre verschiedenen Handwerksberufen an, und, fügt Traub hinzu, „kein Volk der Erde wies prozentuell oder absolut eine so gewaltige Anzahl gewerblich vorgebildeter Menschen auf wie das jüdische“ (S. 12). Die Bedeutung der Berufsfrage erörtert Traub sehr gründlich in der Untersuchung der jüdischen Auswanderungsmöglichkeiten, die den eigentlichen Inhalt seiner Schrift ausmacht. Hunderttausend Juden sind in dreieinhalb Jahren aus Deutschland ausgewandert, davon ein Drittel nach Palästina. Traub stellt einen Wanderungsplan für weitere fünf Jahre auf und verlangt, daß bis 1941 abermals 100 000 Juden Deutschland verlassen, und zwar die Hälfte davon, nämlich jährlich 10 000, nach Palästina. In Palästina sieht Dr. Traub unverändert den „Schwerpunkt konstruktiver jüdischer Aufbaupolitik“, obwohl, wie er ausführt, „die Zahl der Einwanderungskandidaten für Palästina in verschiedensten Ländern der Erde unvergleichlich größer ist als die Zahl der Menschen, die Palästina in absehbarer Zeit beherbergen kann“ (S. 44). Gerade die zuletzt wiedergegebene Bemerkung läßt eine andere Broschüre, die gleichzeitig mit derjenigen Dr. Traubs herausgekommen ist, als deren notwendige Ergänzung erscheinen. Dr. Traub erinnert daran, daß die jüdischen Kolonisationsprojekte in außerpalästinensischen Ländern „alle samt und sonders gescheitert“ seien; diese „Vorkriegsprojekte unserer Territorialisten“ seien -denn auch „in der Zwischenzeit längst in Vergessenheit geraten“ (S. 42 u. 43). Gerade jetzt aber werden sie der Vergessenheit entrissen, und ihr Wiedererwecker, Professor Max A p t, versteht auch, in seinem Buche *) glaubhaft zu machen, daß das Scheitern jener außerpalästinensischen Kolonisationsprojekte nicht notwendig gewesen wäre und durch allzu einseitige Festlegung auf Palästina verursacht sei. Er erinnert an die Vorgänge auf dem 7. Zionistenkongreß (1905), auf dem das Uganda-Angebot Englands von der Kongreßmehrheit abgelehnt wurde, während eine starke Minderheit die Verantwortung für den folgenschweren Entschluß nicht tragen wollte, so daß es zur Gründung der „Jüdisch-territorialistiscben Organisation (J. T. O.)“ kam, deren Führung kein Geringerer als Israel Zangwill übernahm. Apt erinnert ferner an das von Schmarya Levin in seinem Buche erzählte Erlebnis: dieser hatte eine Protestbewegung gegen Baron Hirschs Argentinien-Plan entfachen wollen und stieß nun zu seinem eigenen Erstaunen auf Widerstand gerade unter den russischen Juden; als Begründung ergab sich: „Es gibt genug Juden für Argentinien und Palästina, und es bleibt noch eine Masse übrig.“ Den gleichen Gedanken, so führt Apt aus, habe auch Robert W e 11 s c h in die Worte gekleidet, daß es in dieser Frage nicht ein „Entweder — Oder“, sondern ein „Sowohl — als — Auch“ gäbe. Ausdrücklich schreibt Apt, daß für die .Territorialbewegung die Araberfrage keine entscheidende Rolle spiele, doch sei die Berechtigung dieser Bewegung durch das immer sich wiederholende Auftauchen des Araberproblems bekräftigt worden, denn es habe „sich gezeigt, daß auf einem bi-nationalen Territorium ein jüdisches Nationalheim keine Sicherheit und keine freie Entwicklungsmöglichkeit habe“ (S. 10 und 11). Andererseits dürfe die jüdische Geschichte nicht weiterhin eine „Geschichte der verpaßten Gelegenheiten“ bleiben. Und nun folgt eine Aufzählung der ungeheuren, fast menschenleeren Gebiete, die es heute noch auf der Erde gibt (vgl. hierzu auch unsern Aufsatz „Utopie und Wirklichkeit“ in der vorigen Nummer dieses Blattes sowie das dort besprochene Brasilien-Buch von Herbert Franken¬ *) „Konstruktive Auswanderungspolitik“, ein Beitrag zur jüdischen Ueberseekolonisation von Max Apt; Philo Verlag, Berlin; 1936; 43 Seiten. stein). Die Grundlage aller von Apt entworfenen Pläne ist die Landwirtschaft, und er stützt sich dabei auf Franz Oppenheimers Ausspruch, daß „Bauern heranbilden muß, wer Städte bauen will“. Ein weiterer Vorzug des Aptschen Buches ist, daß er die jüdische Auswanderungsbewegung im Zusammenhang mit der gesamteuropäischen Uebervölkerung und Auswanderung sieht. Als Grundlage für eine konstruktive Auswanderungspolitik werden von ihm 1. die Errichtung einer Kolonisationszentrale, 2. die Entsendung und Ausrüstung der erforderlichen Expeditionen, 3. die Gründung einer Agrarbank bezeichnet. Das Völkerbundskommissariat für Auswandererfürsorge solle zu einem Instrument des Völkerbundes für wirklich konstruktive Auswanderungspolitik ausgebaut werden, nachdem von jüdischer Seite die notwendigen Vorarbeiten geleistet sind. In diesem Zusammenhang wird angeregt, daß der Council for German Jewry einen Kapitalbetrag sicherstelle, aus dessen Zinsen die Kolonisationszentrale erhalten wird. Wenn wir den Gedanken Traubs und Apts — auch hier das große „Sowohl — als — Auch“ gelten lassend — folgen, dann sehen wir, daß alles Einzelschicksal mit seinem Schmerz und seinen Hoffnungen eingegliedert ist in eine Wanderbewegung von gigantischem Ausmaß. Diese Erkenntnis gibt neuen Auftrieb: wir werden auch diesmal das Ziel der Wanderung erreichen und auf neuer Erde neue Hütten errichten, mit Gottes Hilfe und so, wie es heißt: als „Hütte Seines Friedens“. Jüdisdie Kulturarbeit Die Ausstellung „Jemej Biali k“. Man hat dieser bedeutenden, aufs glücklichste gelungenen Ausstellung, die jetzt von Berlin aus eine Rundreise durch andere deutsche Städte antritt, den Namen „Jemej Bialik“ gegeben, ein Titel, der sich schwer übersetzen läßt und daher wohl auch manchem eine unvollkommene Vorstellung von dem Dargebotenen vermittelte. „Tage Bialiks“, das will sagen, daß die jüdische Kulturarbeit, die in dieser Schau aufgezeigt werden sollte, erfüllt ist vom Geist des großen hebräischen Dichters, der zugleich ein großer Erzieher und Führer der Juden gewesen. Wenn man sein Andenken ehrte und die ganze Veranstaltung unter das Zeichen seines ehrfürchtig gefeierten Namens stellte, so geschah das, weil Bialiks Werk und Persönlichkeit wie eine Verkörperung der weitverzweigten Bestrebungen vor uns stehen, deren Ergebnisse hier dargelegt werden sollten. Das geschah mit größter Sorgsamkeit, mit allen Mitteln modernen Ausstellungswesens, mit einem anregenden Wechsel von adretten Einbauten, Photo-Vergrößerungen und Photo-Montagen, von Modellen, bildmäßigen statistischen Vorführungen, plakatartigen Zeichnungen und Malereien. Alles wandte sich an das Auge, diente sinnfälliger Anschauung. Es handelte sich nicht darum, von der Beteiligung der Juden am allgemeinen kulturellen Leben Bericht zu geben, sondern von den Bemühungen um die Erhaltung, weitere Verbreitung und Fortentwicklung spezifisch jüdischen Kulturwillens, namentlich auch von der Wiedererweckung der hebräischen Sprache zu künden. Aber auch das begreift eine überreiche Fülle denkwürdiger Arbeit in sich. Symbolisch wies schon die wirksame Gegenüberstellung photographischer Kolossalvergrößerungen im Vestibül auf das hin, was man ausdrücken wollte. Wie Wandgemälde erzählten diese Riesenblätter vom Einst und vom Jetzt. Hier das Relief der gefangenen Juden vom römischen Titusbogen, das erschütternde Dokument von der Vernichtung des Judenreiches und seiner Hauptstadt — dort ein Blick über das längst wiedererstandene, heute in neuer Pracht aufgeblühte Jerusalem. Oder zur Rechten die melancholischen barocken Grabsteine eines alten jüdischen Friedhofes — zur Linken eine muntere Gesellschaft lachender, gesunder Kinder im heutigen Palästina. —. Aber auch vom jüdischen Geistesleben in Europa war die Rede. Deutschland und Berlin standen dabei natur- 2

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