Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-09-01 · 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021700--462-3981193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

lung ihres gegenseitigen Verhältnisses jederzeit bewußt sein müssen. Nur in Abwägung der auf beiden Seiten zu wahrenden besonderen Interessen unter dem übergeordneten Gesichtspunkte des Gemeinwohls lassen sich diese Dinge regeln, indem die einen nicht blind für die wirklichen Verhältnisse an einem formalen Recht festhalten, das sie zu besitzen glauben, die anderen nur bei wirklicher Notwendigkeit und unter peinlichster Prüfung der Unumgänglichkeit solcher Maßregeln von dem Ausweg einseitiger Gehaltsherabsetzung Gebrauch machen. Landgerichtsrat i. R. Dr. Lilienthal Kalender der jüdischen Künstlerhilfe Zum dritten Male erscheint nun der „K a 1 e n d e r der jüdischen Künstlerhilfe“*). Schon die ersten beiden Jahrgänge haben dem Werk einen starken Freundeskreis zu gewinnen vermocht; der neue Kalender wird ihn sicherlich noch erweitern; denn er erweist sich, wie seine Vorgänger, als ein stets liebenswerter geistiger und ästhetischer Führer durch das jüdische Jahr und seine religiösen und historischen Gedenktage — und außerdem haben sich seine Herausgeber, insbesondere im Hinblick auf unsere jüdischen Menschen im Reich, ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst erworben: Den Angehörigen unserer mittleren und kleinen Gemeinden ist zwar dank der Kunstreisen unserer jüdischen Sänger und Instrumentalisten, unserer Schauspieler, Rezitatoren und geisteswissenschaftlichen Redner die Anteilnahme am Schaffen unserer Komponisten, Dichter und Denker einigermaßen gesichert: die Produktion unserer bildenden Künstler steht aber nur jenem kleinen Ludwig Meidner-Köln-, »Zwei betende Juden« (Aus dam Kalender der füditdien Künitlerhllfe für 1936/37 - 6697/98) IO Kreise Bevorzugter offen, die die jüdischen Kunstausstellungen in den Großstädten zu besuchen in der- Lage sind. Hier nun vermittelt der Kalender einen höchst erfreulichen Ausgleich: durch eine aufschlußreiche Auswahl, begleitet von kunstwissenschaftlich bis ins Letzte durch- *) Herausgegeben von der Kfinstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin (Leitung: Dr. Hermann Schildberger). Verlag: Joseph Jastrow, Berlin W15, Kaiser-Allee 21. — Preis: RM. 2,20. dachten, aber flüssigen und auch dem genießenden Laien verständlichen, zum künstlerischen Sehen anleitenden Einführangstexten, geben Professor Franz Landsberger und Dr. Max O s b o r n (unter Mitarbeit von Dr. Irmgard Schüler) einen, zuweilen auch iri die jüngere und ältere Vergangenheit zurückgreifenden Querschnitt durch die Produktion der Gegenwart. Maler und Plastiker, Schaffende aus allen Ländern, Namen von glänzendem Klang (wie Bato, Marc Chagall, Meidner, Struck) neben aufstrebenden Begabungen (Rosenthal-Rosta, Wallenberg), finden In photographisch wie drucktechnisch hervorragenden Reproduktionen ihren Raum. Neben tiefgefühltem religiösem Erlebnis der Festtagszeiten gelangt historisch und aktuell Jüdisches zur Darstellung; neben der Landschaft in Erez Jisrael und ostjüdischem Volkstum der Berliner Hinterhof und andere allgemeinere Themata der Porträt- und Landschaftsmalerei und bildhauerischer Formung. Die Wiedergabe einer Rembrandt-Radierung („Synagoge“) und ein Porträt des Biedermeier-Künstlers Henschel sind willkommene kunsthistorische Ergänzungen. Lesser Urys „Moses (Titelblatt) und Josef Israels (dessen 25. Todestages wir soeben gedenken) vertreten die jüngere Vergangenheit, und Max Liebermann („Heimkehr des Tobias“) erinnert uns von neuem daran, daß wir den Größten einer Epoche zu den Unseren zählen durften. Versproben unserer besten Lyriker, u. a. von Manfred Sturmann und Arthur Silbergleit, — Wiedergaben von kultischen Kunstwerken aus dem Besitz des Jüdischen Museums Berlin, u: a. vervollständigen das Ganze zu schöner Harmonie. Der „Kalender der Jüdischen Künstlerhilfe“ gehört in jedes jüdische Haus, das Freude hat am künstlerischen Schaffen unserer Zeit. Chronik des jüdischen Lebens Es sind in der Hauptsache drei größere Ereignisse, die das jüdische Leben des vorigen Monats kennzeichnen; vielleicht auch nur zwei, denn bei einer der drei zu erwähnenden Begebenheiten weiß man nicht recht, ob man sie eigentlich mitzählen soll oder nicht. Gemeint ist jene Zusammenkunft in Genf, die sich den sehr umfassend, sehr autoritativ klingenden Namen „Jüdischer Weltkongreß“ beigelegt hat, obwohl die Judenschaften, jüdischen Organisationen und Gemeinden der weitaus meisten Länder nicht vertreten waren. Den Reden und Resolutionen des Kongresses ist deshalb mit besonderer Zurückhaltung zu begegnen, insbesondere auch dem Teil seiner Beratungen, der sich mit der Lage der Juden Deutschlands beschäftigte. Die Juden Deutschlands hatten zu dem Kongreß selbstverständlich keine Delegierten entsandt, und so hätte man sich dort auch nicht mit ihren Verhältnissen beschäftigen oder doch sich auf Fragen der Auswanderung und sozialen Hilfe beschränken sollen; alles, was darüber binausging, muß als schwerer Mißgriff bezeichnet werden. — Die nur-rednerische Leistung dieses in Genf abgehaltenen Kongresses steht in scharfer Kontrastwirkung zu der jüdischen Wirklichkeit, von der sie sich abhebt, insbesondere zu den Ereignissen in und um Palästina. Hier hat sich die Lage an beiden Fronten besorgniserregend verschärft; sowohl im Lande selbst, wo die Unruhen, Terrorakte und Morde einen Umfang angenommen haben, der nach baldigster abschließender Ordnungsaktion ruft, als auch an derjenigen Front, an der die endgültigen Entscheidungen über Palästina fallen werden: in London. Zwar wird nach wie vor versichert, daß eine Einwanderungssperre nicht in Frage kommt, weder ganz noch teilweise, weder dauernd noch zeitweilig; aber die Erörterung über diese für uns Juden lebenswichtigste Frage hat Formen angenommen, die niemandem gefallen können und die, auch wenn man nicht das Schlimmste befürchten wiH, doch Ueberraschungen erwarten lassen, wenn nicht die zuständigen jüdischen Organisationen, anstatt nach innen hin zu wirken, auch einmal nach außen zu entscheidenden Verhandlungen und Maßnahmen übergehen. Wenden wir uns von Palästina und London nun den Ereignissen unter den Juden Deutschlands zu, so ist vor allem auf die Erweiterung der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ hinzuweisen, über die im „Amtlichen Teil“ dieser Nummer berichtet wird. Mit der nunmehr getroffenen Regelung ist das sogenannte Fifty-flfty-Prinzip im Präsidialausschluß der Reichsvertretung durchgeführt. Wir glauben aber, diese Verwitklichung eines lediglich formalen Grundsatzes nicht das Wesentliche sein kann. Weit wichtiger ist die neue 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.