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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-09-01 · 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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wieviel Menschen? 48 Millionen; nicht mehrl Und das Land hat Rohstoffe die Fülle, bietet also Platz für neue Menschen, für Arbeitskräfte und Kapital, und es befindet sich wirtschaftlich, von einigen schnell vorübergegangenen Erschütterungen abgesehen, in ununterbrochenem Aufstieg. Dennoch ist kein Anlaß vorhanden, Brasilien zu einer neuen „Uganda“-Angelegenheit zu machen. Eine jüngst erschienene außerordentlich instruktive Schrift *), deren Lektüre hier ausdrücklich empfohlen sei, zeigt, daß die zahlenmäßig stärkste Gruppe unserer Auswanderungswilligen, die Nicbtkapitalisten, zunächst sich nicht nach Brasilien wird wenden wollen, oder doch nur in ganz ge-, ringer Anzahl. Die in der Broschüre auf Grund eigener Kenntnis des Verfassers dargestellten Verhältnisse bringen es mit sich, daß Angestellte und Arbeiter in Brasilien nur sehr schwer vorankommen; dagegen sind die Möglichkeiten selbst für Kleinkapitalisten nicht ungünstig. Also auch hier wieder dasselbe: kein Grund zum Jubeln, aber auch keiner zum Verzweifeln, wohl aber aller Grund zu sachgemäßem Ueberlegen und zum Handeln für einen Teil unserer Menschen. Mag man es immerhin als Mangel empfinden, daß dort zunächst nur an eine bevorzugte Kategorie von Einwanderern gedacht werden kann, so weiß doch gerade die neuere Geschichte von Beispielen, bei denen für die Erschließung eines Landes das Kapital dem Handarbeiter als Pionier vorangehen mußte. So auch hier. Die Schilderung, die uns gegeben wird, hält sich gleich weit entfernt von Schwarzwie von Rosenrot-Malerei; sie täuscht uns kein Schlaraffenland vor und involviert keine utopistische Aufforderung zur Massenübersiedelung, aber sie zeigt doch einen Weg, der für manchen gangbar sein wird und auf dem vielleicht in angemessenem Abstand eine etwas größere Schar wird folgen können. Vom Wesen der jüdischen Legende Von Dr. Elias Hurwicz (Berlin). Die jüdische Legende ist im wesentlichen eine nachbiblische Geistesschöpfung und das hat ihr besonderes Gepräge bedingt, ln der Zerstreuung drang unter die Judenheit eine neue, phantastische Vorstellungswelt ein, die sich aus Bestandteilen der babylonischen, persischen, griechischen Mythologie zusammensetzte, und erfüllte die jüdische Legende mit einer Angelo- und Dämonologie, die der Bibel unbekannt ist. Man kann insofern durchaus die Ansicht vertreten, daß die Legende weitaus unjüdischer als die Bibel ist und daß sie einen Abstieg von der kristallenen Höhe der biblischen Gedankenwelt bedeutet. Eben dieses Element des Aberglaubens war es wohl, das so viele talmudische Gelehrte von der Agadah abstieß und sie in der Kultivierung des Gesetzes, der Halachah, bestärkte. Dazu kommt noch ein wesentlicher Unterschied: während die Bibel die Schöpfung einzelner, den Durchschnitt hoch überragender Geister darstellt, ist die Legende von Vielen und für Viele geschaffen worden. Niemand hat diesen letzten Umstand so scharf betont wie unser Geschichtsphilosoph Nachman Krochmal (wobei ihm freilich entgegengehalten werden kann, daß auch im halachischen Teil ein Mißbrauch der Wort- und Redefreiheit begegnet, der von den Zeitgenossen selbst als solcher empfunden wurde). Krochmal läßt daher von den Legenden im Grunde nur noch die sittlich erbauenden gelten. Und doch wäre es ein Fehler, die Legende in Bausch und Bogen abzulehnen. Aber wichtig ist es allerdings, zu ihr eine grundsätzliche Einstellung zu finden. Diese hat, wie mir scheint, unter dem von Hans Vaihinger bahnbrechend entwickelten Gesichtspunkt des „Als ob“ zu erfolgen. In der Legende fließt das Erweisbare und das Unerweisbare, bezw. Unerwiesene in Eins zusammen. Wo eine Kanonisierung' vorliegt, dort wird die Bildung einer solchen Einheit besonders begünstigt. Schon Achad Haam hat es gesagt: „Würde die Wissenschaft noch so klar feststellen, daß manche an den Namen von Moses sich knüpfenden Wundererzählungen nur spätere Legenden sind, in der *) „Brasilien als Aufnahmeland der jüdischen Auswanderung aus Deutschland“ von Herbert Frankenstein, Wirtschaftsberater in Säo Paolo und Berlin; Joseph Jastrow Verlag; Berlin, 1936. Vorstellung des Volkes würde die Gestalt Mosis dennoch so, in all ihrer Fülle, fortleben, wie sie in der Bibel geschildert wird.“ Auf nachbiblische Legenden können wir aber bewußt jenen Gesichlspunkt anwenden. Denken wir an die Legende über Jeremias: Der Prophet kehrt aus Anathoth nach Jerusalem zurück. Von weitem erblickt er schon den aus dem Tempel aufsteigenden Rauch. Im ersten Moment denkt er: die Juden tun Buße und bringen Reueopfer dem Allerhöchsten. Beim Näherkommen wird ihm Schoforblasen f<*- Abraham |Nadi einem alten KupfersHdil aber sein Irrtum klar: der Tempel brennt, die Stadt ist vom Feind erobert, ihre Einwohner in die Gefangenschaft abgeführt. Und nun bückt er sich und sieht Fußstapfen der Fortgetriebenen. Er bückt sich zur Erde und küßt diese Fußtapfen. Er geht weiter und findet abgehackte Finder und Zehen. Er bückt sich und sammelt diese teueren Reste in sein Gewand. Schließlich holt er verschiedene Gruppen der Gefangenen selbst ein. Er geht von einer Gruppe zur anderen und bemüht sich, mit unter die gemeinsamen Fesseln zu kommen, aber Nabuzaradon zieht ihn immer wieder fort usw. — Prägt sich uns diese Legende nicht unauslöschbar ein? Und ist es uns nicht, als ob es tatsächlich so gewesen sei? An dieser Legende wird uns aber noch etwas klar: bei allem oben genügend herausgestellten Unterschied von der Bibel knüpft doch die Legende an die Bibel an, will ihre Fortsetzung und Ergänzung sein, will dieses Kleinod nicht nur hegen und pflegen, sondern auch bereichern. Rührend ist es zuweilen, wie sie sich an irgend ein Wort, einen Ausspruch der Bibel klammert, um daraus eine Sage hervorzuzaubern (übrigens auch hier ein Punkt der Berührung mit der Halacha). Nicht nur die gewaltigen Persönlichkeiten wie die eines David, eines Salomo, eines Elia, oder die umwälzendsten Ereignisse wie die Zerstörung des Tempels, beschäftigen sie. Auch die kleinen, ja winzigen Gestalten, die die Bibel nur beiläufig erwähnt, über die sie hinweggeht, wie die beiden Eunuchen von Achaschwerosch, Bigthan und Theresch, oder Eldad und Medad, erfüllt die Legende mit neuem Leben, einer starken Flut gleich, die selbst die kleinsten Löcher in den Dünen bedeckt. Dabei ist sie durchaus nicht immer tragisch und ernst; sie ist oft auch humorvoll. Man denke nur an den spöttischen Empfang, den Salomo der Königin von Saba bereitet, sowie an den Inhalt der Rätsel, die sie dem Könige aufgibt (nachzulesen in Bialik-Rawnitzki Sefer Haagadah I, 1, Seite 108). In^der Bibel steht nur: „und sie kam, ihn durch Rätsel zu prüfen“. Ist es nicht eine willkommene Ergänzung, wenn die Legende uns auch erzählt, welche Rätsel es waren? Und befreunden wir uns nicht auch schnell mit dem Gedanken, als ob dies tatsächlich die Rätsel wären, die die Königin Salomo aufgab? Allein die Legende rekonstruiert die Vergangenheit nicht nur so lebendig, als ob diese sich tatsächlich so verhalten hätte, sondern sie hat zuweilen einen unmittelbar historischen Wert. Das gilt gerade vom Gottesdienst am Jom Kippur, namentlich wie ihn der Hohepriester versah, 6

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