Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Pläne geschmiedet, Geld und Zeit geopfert, und nun Schluß war alles nicht wahr. Der letzte derartige Hereinfall liegt noch kaum einen Monat zurflck —: ein jüdischamerikanischer Filmmagnat, dem offensichtlich das gestohlene Perlenhalsband der Diva als -Reklame nicht mehr genügte, versprach plötzlich, er wolle auf Kuba nicht mehr und nicht weniger als 200 000 Juden aus -Deutschland ansiedeln, das heißt also genau: alles, was überhaupt an auswanderungsfähigen Juden hier vorhanden ist. Das Ende ließ sich voraussehen, und er hätte nur bei dem alten Filmtrick bleiben sollen —: jenes Perlenkollier zieht noch ganz gut und löst doch andererseits keine Protesterklärungen kubanischer Politiker mit der Schlußformel „Wir wünschen keine Judeninvasion" aus! So ist es nun: die warnenden Nachrichten lassen uns — gelinde gesprochen — unbefriedigt, und die aufinun- Tempslausgrabung in Kapernaum (Kfar Nachum) Fot. Sonnwifeld ternden vermögen wir nicht recht zu glauben. Ein unfruchtbarer Zustand, zumal die weitaus meisten unter uns in Auswanderungsfragen auf Informationen und Nachrichten aus dritter Hand angewiesen bleiben. Denn, es ist merkwürdig genug, zu eigener Urteilsbildung kommt kaum einer. Zwar hat jeder von uns Verwandte oder Bekannte in Uebersee, man korrespondiert nach Transvaal, Argentinien und sogar Mandschukuo lebhafter als früher nach Mogilno und Schönlanke, und die exotische Abteilung der Briefmarkensammlung ist bei jedem von uns um Dutzende von Einlageseiten vermehrt worden, aber solide -Kenntnisse über die fremden Länder haben uns alle diese „Auslandsverbindungen“ kaum je eingetragen. Und doch wäre es notwendig, daß auch über den engen Kreis der in Auswanderungsbüros Arbeitenden hinaus die tatsächlichen Verhältnisse in den als Einwanderungsgebieten in Frage kommenden Ländern bekannt würden. Durch objektive und gründliche Informationen können unsere Menschen sich vor beiden Extremen bewahren: vor übertriebenen Hoffnungen, die mit Enttäuschungen enden, genau so wie vor Übertriebenem Pessimismus, der von vornherein jeden Entschluß und Tat unmöglich macht. Der Wanderungsausschuß der Juden in Deutschland hat unlängst Zahlen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß Optimismus und Pessimismus in der Tat beide unangebracht sind; die Realität erkennen und nach ihr handeln —: das muß die Parole sein. Wie diese Realität beschaffen ist, lassen die auf Grund genauer Untersuchungen ermittelteh Ergebnisse erkennen; sie umfassen die Zeit vom 1. Februar 1933 bis zum 1. April 1936: Earopa-Wandenugt Die 1933 nach Westeuropa Ausgewanderten sind auf zu schätzen, davon sind zurückgewandert nach östlichen Ländern 3.000 weitergewandert nach Palästina 3.000 weitergewandert nach Uebersee 8.000 so daß insgesamt in westeuropäischen Ländern verblieben sind 36.000 14.000 22.000 Diese 22.000 in Europa verbliebenen teilen sich auf: Westeuropa (Belgien, England, Frankreich, BoUand) Mittel- «ad Südosteuropa (Schweb^ Oestereich, Italien, Tschechoslowakei, Jugoslawien) Nordische Länder Südwesteuropa (Spanien, Portugal) sonstige europäische Länder RBekwaaderuag: Auswanderer ver- 13.000 3.000 1.000 ~ 2.000 400 22.000 von Juden ausländischer Staatsangehörigkeit in ihre Heimatländer, besonders nach Osteuropa (Polen, Randstaaten, Balkan) 18.000 Pallsttaa-Wanderung: 31.000 Obersee-Wanderung: Vereinigte Staaten von- Nordamerika 9.500 Brasilien 4.500 Argentinien , 2.000 Chile 600 übrige süd- und zentralamerikanische Länder 2.000 Südafrika 3.000 sonstige überseeische Länder 400 Gesamtanswanderang seit 1. Februar 1983 somit 22.000 93.000 Will man das aus diesen Zahlen sich ergebende Bild werten, so darf man sagen —: sicherlich hat einem großen Teil Auswanderungswilliger noch nicht der Weg geebnet werden können, aber andererseits ist doch ein wirklicher Bewegungsstrom vorhanden. Wie sehr diese Bewegung Realität ist, — das merken wir ja gerade in unseren immer mehr sich verkleinernden Gemeinden, und die Familien merken es, die heute vielfach völlig zersprengt sind; doch davon soll an dieser Stelle jetzt nicht die Rede sein, zumal wir alles Schwere unserer Zeit doch als den Anfang eines großen und geschichtlichen Vorwärts empfinden. Dieses „Vorwärts“ ist die Realität unserer Tage, der wir — von Utopismus und Resignation gleich entfernt — Rechnung zu tragen haben und an deren weiterer Gestaltung jeder von uns mitwirken kann, indem er über objektive Verhältnisse und Möglichkeiten sich und andere informiert Wie dies geschehen kann, dafür zum Schluß noch ein Einzelbeispiel. Unter den obengenannten Einwanderungsländern wird Brasilien mit 4500 Einwanderern auf geführt. Neus Synagoge&Jeschurun" in Jerusalem |FoL Sonnenfeld Diese Zahl ist nicht klein und ist doch außerordentlich gering im Vergleich zu der ungeheuren Ausdehnung des Landes: Brasilien ist 16 mal größer als Deutschland, ja dieses eine Land ist sogar noch erheblich größer als der ganze Erdteil Australien, und selbst hinter Europa bleibt es an Flächenmaß nur um etwa ein Fünftel zurück. Und auf diesem unvorstellbar ungeheuren Gebiete wohnen —