Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sultan Soliman die Trümmer der Stadt Tiberias und sieben andere Ortschaften am Ga li mischen Meere, damit Joseph sie zu einer jüdischen Siedlung ausbaue. Palästina -war damals eine türkische Provinz, verlottert und verwahrlost, mit einer jüdischen Bevölkerung, die nur von den sogen. Chalukkah-Geldern lebte. Don Joseph beabsichtigte, diese Müssiggänger von Beruf zu aktivieren, sie zur Landwirtschaft, Seidenspinnerei und ehrlichem Handel zu erziehen. Als Futter für die Seidenwürmer lieB er eine große Menge Maulbeerbäume anpflanzen, zwecks Tuchfabrikation bestellte er Wolle aus Spanien. Praktischer Zionismus um 1565 (Vollendung des Wiederaufbaus von Tiberias), dank der Beziehungen Don Josephs zum Großherrn der Türkei damals sehr leicht zu verwirklichen! Aber die Araber sahen diesem Kolonisationswerk mißtrauisch zu. Obendrein verkündete ein alter Araberscheich: einer alten Weissagung zufolge werde es mit dem Islam zu Ende sein, wenn Tiberias aus seinen Trümmern auferstehe. Daraufhin streikten die zum Bau herangezogenen Arbeiter und wurden sich erst durch eine exemplarische Bestrafung der beiden Rädelsführer wieder ihrer Pflicht bewußt. Was sagten nun die bei der Hohen Pforte akkreditierten Gesandten zu dem Einfluß des jüdischen Günstlings? Voll Ingrimm sahen sie mit an, wie Don Joseph auf der Stufenbahn der Ehren immer höher stieg. Als er nun gar einen Aufruf an die Juden aller Länder zur Besiedlung des Heiligen Landes erließ und Geldsammlungen hierzu einleitete, flüsterten die Gesandten einander zu: „Don Joseph will König der Juden werden.'* Strebte dieser Diplomat wirklich nach einer Königskrone? Vielleicht. Ehrgeizig genug war er, und zur Führung von Staatsgeschäften gleichfalls befähigt. Aber das Aufbauwerk scheiterte, zumal die erwarteten Geldbeträge aus den anderen Ländern ausblieben. Ueberdies beschäftigte ihn sein Staatsamt dermaßen, daß er sich keine Zeit ließ, die Neubesiedlung persönlich zu überwachen. Vor allem lebte in ihm der Palästinagedanke nur als eine Wohltätigkeitsaktion zugunsten der in vielen Ländern Europas unterdrückten Glaubensgenossen, nicht aber als das unstillbare Sehnen des jüdischen Volkes nach dem Lande der Väter. Vielleicht hat die damals in Galiläa angesiedelte Judenheit nicht den Mut und die geistige Spannkraft aufgebracht, den arabischen Angriffen standzuhalten, sondern bat sich durch Ausroden von Maulbeerbäumen, gelegentliche Ueberfälle und Brandstiftungen von ihrem Aufbauwillen abbringen lassen. Schade, nochmals schade! Nie wieder waren die Voraussetzungen für die Wiederherstellung von Zion und Jerusalem so günstig wie damals unter einem erleuchteten Sultan und seinem jüdischen Ratgeber Don Joseph Nassi. lieber dieses Palästinaexperiment ist Soliman hinweggestorben (1566). Selim II. bestieg den Thron. Eine seiner ersten Regierungshandlungen war die Ernennung Joseph Nassis zum Herzog von Naxos und einer Anzahl anderer Zykladischer Inseln, von deren Einkünften er nur einen geringen Tribut zu entrichten hatte. Ebenso gestattete ihm der neue Sultan die Pacht des Einfuhrzolles von Wein auf dem Schwarzen Meere. . Herzog Joseph war — als Jude — vorsichtig genug, mit der Führung der Verwaltungsgeschifte einen christlichen Edelmann, Coronello, zu betrauen. Er selber residierte in seinem Palast Belvedere bei Pera (Istanbul), in ständiger Fühlung mit dem Sultan, den er nach wie vor beriet Von seiner Machtvollkommenheit zeugt eine noch heute erhaltene Urkunde, die mit dem stolzen Titel „Wir Joseph, Herzog des Agäischen Meeres, von Naxos, Paros, Melos etc.“ beginnt und mit den Worten schließt: „Gegeben in unserem Herzoglichen Schloß zu Belvedere_“. Die Türkei, die damals bis hinein nach Ungarn reichte, war ein Machtfaktor im Spiel der politischen Kräfte Europas. Da Josephs Einfluß den Machthabern bekannt war, suchten sie seine Fürsprache nach, wollten sie bei der Pforte etwas durchsetzen-, so zum Beispiel auch Kaiser Maximilian II. und Wilhelm von Oranien. Joseph war die Triebfeder zu einem Kriege der Türkei gegen Venedig um den Besitz der Insel Cypern. Als diese schließlich den Türken zufiel, wäre Joseph „König von Cypem“ geworden, hätte es ein ihm feindlicher Großvesier nicht hintertrieben. Seinem Ehrgeiz setzte der Tod seines Gönners Selim II. (1574) ein Ende. Der neue Sultan Murad entzog ihm seine weitere Einflußnahme auf den Gang der Politik, beließ ihm aber seine Herzogswürde und seine Einkünfte. Fortan widmete sich Don Joseph ausschließlich jüdischen Angelegenheiten. Er umgab sich mit Gelehrten, gewährte ihnen Wohnung in seinem Schlosse und stellte ihnen seine Bibliothek (Bibelmanuskripte!) zur Verfügung. Eine hebräische Buchdruckerei, die er im Schlosse errichtete, kam erst nach seinem Tode (1579) zur Blüte, unter tatkräftiger Förderung durch seine Gattin Reyna, die ihn um 20 Jahre überlebte. Herzog Josepff, der viel plante, sich rasch entschloß, aber bei Widerständen ebenso rasch ermattete,-hat in der Geschichte des jüdischen Volkes keinerlei Spuren hinterlassen. Ein kleines philosophisches Schriftchen von ihm, „Ben Porath Joseph“ (Gespräch mit einem christlichen Gelehrten) ist vergessen. Er selber aber lebt fort in einem Schauspiel von Shakespeares Vorgänger Christopher Marlow, „Der Jude von Malta“ nach welchem Shakespeare seinen Shylock zeichnete. Don Joseph war keine große, aber eine interessante Persönlichkeit. Reich, gewandt, begabt, angesehen, hätte Joseph Nassi als Christ, der er von Geburt war, glänzende Aufstiegsmöglichkeiten gehabt. Daß er zum Glauben seiner Ahnen zurückkehrte und es als Jude bis zum Herzog brachte, umwob ihn in den Augen seiner jüdischen Zeitgenossen mit der Gloriole eines geborenen Fürsten, während Sultan Muhrad nach seinem Tode verächtlich von ihm spraeh und sogar einen großen Teil seines Vermögens beschlagnahmte. Heilfroh konnte Joseph sein, daß ihm nicht Undankbarkeit und Bosheit ein so schlimmes Ende bereiteten wie seinen Zeitgenossen Lippold und Lopez, ebenso 200 Jahre später dem „Jud Süß“. Titel und hohe Würde, vereint mit großem Reichtum, haben den Juden niemals Glück gebracht. In Zeiten nationalen oder wirtschaftlichen Niederganges machte die Umwelt den Juden an führender Stelle für die Schäden der Zeit verantwortlich und rächte sie an ihm. Utopie und Wirklichkeit Bemerkungen zur Auswandererfrage Daß kein Land der Erde geneigt ist, leistungsunfähige Einwanderer aufzunehmen, die alsbald einer öffentlichen oder privaten Stelle zur Last fallen müssen, leuchtet jedem ohne weiteres ein. Auch daß Länder mit hoher Arbeitslosenziffer sich gegen Zuzug von ausländischen Arbeitskräften wehren, ist ebenso begreiflich wie berechtigt. Und wenn schließlich in einem Lande eine an und für sich schon stark übersetzte Berufsgruppe bei ihrer Regierung erwirkt, daß die Grenze für Angehörige dieses Berufes gesperrt wird, so ist auch das verständlich. Trotzdem aber ist keinem, der seine Existenz in Deutschland zu liquidieren im Begriff steht, damit gedient, daß er bei jedem neuen Plan immer nur von neuen Hindernissen hören muß. Alles, was da im Einzelfall aufgezählt wird, mag stimmen; aber die Tatsache bleibt bestehen, und jeder flüchtige Blick in den Atlas bestätigt sie: es gibt Länder, sechs-, zehn- oder zwölfmal größer als Deutschland, mit ganz geringer Bevölkerungszahl und -dichte, die trotzdem für Neueinwanderer „keinen Platz“ haben... Das fängt schon in Europa selber an.’ Schweden, durch seine langgestreckte Form ein Land mit amerikanischen Ausmaße», ist an Flächengehalt annähernd genau so groß wie Deutschland, aber es hat nur etwa sechs Millionen Einwohner. Differenz: 55 Millionen — und wir hier sind noch nicht einmal mehr eine halbe Million Juden, also weniger als der zehnte Teil jener Differenz! Trotzdem wird kein vernünftiger Mensch auf den Gedanken geraten, eine Massenwanderung von Juden aus Deutschland nach Dalekarlien oder Götaland zu propagieren. Ueberhaupt ist der Bedarf an derartigen Massensiedlungsprojekten vorläufig wohl gedeckt; sie erwiesen sich noch allemal als Utopien, manchmal als Schlimmeres. Mit Uganda vor einigen Jahren fing es an, und vor einem Jahr war’* plötzlich Ecuador, das als Land der Verheißung gelten sollte. Viel bunte Prospekte gab’s und sensationell aufgemachte Versammlungen; viele Hoffnungen wurden .angafacht, 4