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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-09-01 · 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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und einem Anderen, der nicht Gott wire, verworfen. Angesichts der Tempelzerstörung und des Exils fand.der Prophet die Versöhnung mit dem Weltenlauf durch die großartige Verkündigung von dem einen Gott, der das 'Gute und das Böse beide schafft. „Sie sollen erkennen vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, daß keiner ist außer Mir. Ich bin der Ewige und keiner sonst, der das Licht bildet und die Finsternis schafft; der den Frieden macht und das Böse schafft“ (Jes. 45, 6, 7). Es gibt nach der Lehre des Judentums kein Böses, das selbständig wäre und statt von Gott von irgend einer anderen Macht kirne. Was die Menschen als böse ansdien, ist ein Teil von Gottes Werk. Es hilft mit zu dem Endziel, zu dem er die Menschheit führen will. Zu diesem Ziel braucht Gott auch das Böse, aber nur zu diesem Zweck schafft er es, und das Ende wird es erweisen, daß auch das Böse im Dienste des von Gott gewollten Guten stand. Es sind die seligsten Augenblicke, in denen einem Menschen diese Erkenntnis aufgeht. IV. Der Gott, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der das Gute macht und das Böse schafft, offenbart sich nur in langen Zeiträumen. „Tausend Jahre sind in Deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vorüber, und wie eine Wache in der Nacht“ sagt unser Lehrer Mose (Ps. 00, 4). Wer an solchen Zeiträumen die Geschichte mißt, bewahrt seinen Glauben auch in trüben Tagen und Jahren. Wer sich auf sich allein stellt, wird aus der Verkündigung des Judentums keinen Trost ziehen. Wer nur sein Ich kennt und nicht das Ganze, nicht die Reihe der Geschlechter und das Volk, nur die eng umgrenzte Lebenszeit und nicht -die lange Dauer der Geschichte in Vergangenheit und Zukunft, wird unter dem Druck seiner Schmerzen und Sorgen keine Ruhe finden. Wer sich aber von dem beschränkten Blick auf sich selber frei macht, findet seinen Frieden imBestand und in der Dauer des Ganzen, dessen Glied er ist Wer sich nicht ausschließlich an die vorbeieilende Gegenwart seiner Lebenstage klammert, lebt von der Zuversicht auf die Ewigkeit. Er fängt die Geschichte nicht mit seiner Person an und läßt sie mit ihr nicht enden. Er tröstet sieb mit seinen Vätern, und es genügt ihm, ja, es macht ihn glücklich, daß einmal Kinder und Enkel sein Andenken segnen werden, wenn er nicht mehr da ist. Unsere Väter, die durch die Wüste wanderten, hatten sich einst an den Fleischtöpfen Aegyptens gesättigt und mußten nun in der Oede dahinschwinden, ohne große Hoffnung, soweit es sich um sie selber handelte, aber glücklich in der Gewißheit, daß eben in der Stille dieser Weltabgeschiedenheit das neue Geschlecht für das Gelobte Land erzogenwerde. Sie lebten von der Erinnerung an ihr* Väter und von der Zuversicht auf ihre Kinder, von einer Erinnerung und einer Zuversicht, die überwölbt waren von dem Glauben an den Gott, der über die wandelnden Zeiten hinweg waltet von Ewigkeit zu Ewigkeit. „In Deiner Hand sind meine Zeiten“ sagt der Psalm (31, 16). Er sagt nicht „meine Zeit“, er sagt „meine Zeiten“, die leichten wie die schweren. Er verkündet damit das Gleiche wie Mose, der tausend Jahre der Menschen ansah als einen einzigen Tag Gottes. Rosch Haschanah leitet uns zur Besinnung auf unser jüdisches. Selbst, zur Versenkung in die Tiefe der Zeit. Er führt uns auf eine Höhe, auf der uns unsere Gegenwart in aller ihrer überwältigenden Macht doch zugleich erscheint als ein Moment in Gottes lang atmender Völkerführung, als Glied in der Kette, das mit anderen zusammen uns zuletzt die Klarheit, bringen wird, den Frieden Gottes, der immer über uns gewaltet hat, „der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der den Frieden macht und das Böse schafft“. Ein jüdischer Fürst des IÖ. Jahrhunderts Von Professor Dr. Eugen Wölbe. In den zwei Jahrtausenden seit der Zerstreuung sind Juden in den verschiedensten Ländern, zu hohen Ehrenstellen empor gerückt; es sei nur an den spanischen Minister Don Isaak Abarbanell, an Lopez am Hofe der englischen Königin Elisabeth, an Lippold in Berlin, Süß Oppenheimer in Württemberg, Crömieux in Frankreich, erinnert. Einen regierenden Fürsten aber hat Israel seit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit nur ein. einziges Mal hervorgebracht: den Herzog Joseph von Naxos. Sein Leben mutet wie ein Märchen an. Schon seine marannische Herkunft — er hieß als Scheinchrist Joäo Miquez, mit jüdischen Vor- und Familiennamen Joseph Nassi — umspinnt ihn mit einer gewissen Romantik. Er war Portugiese von Geburt (geb. um 1515). Seine nach Flandern ausgewanderte Tante Donna G r a c i a Nassi nahm ihn in ihr Antwerpener Bankhaus auf, in eine Firma, mit der die damalige Regentin der Niederlande, Maria, eine Schwester Kaiser Karls V., in Geschäftsverbindung stand. Die Nassis waren katholisch. Die Regierung aber traute ihnen nicht: mit dem Ziel der Beschlagnahme ihres gewaltigen Vermögens plante Karl V. gegen sie ein Verfahren wegen heimlichen „Judaisierens“. Donna Gracia erfuhr davon, löste allmählich das Bankhaus auf und wanderte nach Venedig aus. Joseph Nassi blieb noch bis nach der Liquidation in Antwerpen und ließ sich dann in Lyon nieder. Kriegslieferungen führten ihn nach der Türkei, wo ihm ein Empfehlungsschreiben der französischen Regierung Zutritt zum Hofe des Sultans S o 1 i m a n d. Gr. verschaffte. Inzwischen war Donna Gracia in Venedig infolge von Mißhelligkeiten in einer Erbschaftssache von ihrer eigenen Schwester wegen heimlicher Zugehörigkeit zum Judentum bei der Regierung denunziert worden. DO- Doge machte kurzen Prozeß: er ließ die Donna Gracia einsperren und ihr Vermögen beschlagnahmen. Ihr Neffe Joseph aber hatte in Istanbul bereits solchen Einfluß gewonnen, daß der Sultan einen besonderen Gesandten nach Venedig schickte, der hier die Freilassung der Dame und die Freigabe ihres Vermögens durchsetzte. Die Anhänglichkeit des Neffen gewann diesem nicht nur das Vertrauen der Donna Gracia, sondern auch die Liebe ihrer Tochter R e y n a; doch stellte die Tante für die Verheiratung der beiden jungen Leute die Bedingung: erst Rückkehr zum Judentum! Während die beiden Damen diesen Wiedereintritt zu Ferrara vollzogen, schloß sich Don Joseph in Konstantinopel wieder dem Glauben der Väter an. Sultan Soliman erkannte in Joseph einen für diplomatische und wirtschaftliche Geschäfte brauchbaren Mitarbeiter. Er ernannte ihn zum Direktor des Staatsschatzes. Ein halbes Jahrhundert lang hat er dies Amt bekleidet, das ihm zugleich eine führende Stellung unter den Juden der Türkei — damals dem einzigen Lande völliger Glaubensfreiheit in Europa — verlieh. Auch Donna Gracia übersiedelte nach Istanbul. Hier gründete sie eine Jeschi - wah zur Pflege jüdischer Wissenschaft (die über 300 Jahre lang bestand) und widmete ideelle und materielle Hilfe den überall — namentlich im Kirchenstaat unter Papst Paul IV. — leidenden Glaubensgenossen, zu deren Schutz sie sich nötigenfalls beim Sultan verwendete. Schnell fühlte sich Don Joseph auf dem glatten Parkett der türkischen Diplomatie heimisch. Vermöge seines Reichtums und der Anhänglichkeit seiner Glaubensbrüder im Auslande erfuhr Joseph mancherlei Vorgänge in den europäischen Ländern und konnte dem Sultan über die mehr oder minder türkenfreundliche Auslandspolitik der fremden Staaten Bericht erstatten. Für diese wertvollen Dienste zeigte sich Soliman durch ffrqannmig Don Josephs zum „Fränkischen Bey“ erkenntlich. Einen noch höheren _ Titel, nämlich „Mutafarrica“ (Edelmann der Leibwache) verlieh ihm der Thronfolger S e 1 i m, den er nicht nur durch seinen klugen Rat, sondern auch durch Geschenke an Wein und Leckerbissen, vor allem an Geld, für sich gewann. Unzweifelhaft auf Selims Fürsprache schenkte ihm 3

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