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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-09-01 · 9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
9 (1.9.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Magdeburg, Tilsit, Stettin und Pommern)
Date
1936-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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scharten, zu dessen Dienst sie ihre Gemeinden gründeten. Der Teil Israels, dem diese Lehre nicht Lebenszentrum gewesen war, war im Großvolk der Assyrer untergegangen; die Juden Babylons aber waren „Sch’ ar jaschuw“, der „Rest, der sich bekehrte“, und damit der „Rest, der zurückkehrte“. Die Weltwende jener Zeit wurde auch für sie zur Schicksalswende; aber daß sie trotz ihres vorangegangenen „Unterganges“ noch vorhanden waren, als diese Stunde kam, das dankten sie allein dem Umstand,- daß sie um Gottes Lehre als um den Mittelpunkt ihrer Gemeinschaft sich gesammelt hatten. So erwies sich an ihnen die Lehre in des Wortes buchstäblichstem Sinn als „Baum des Lebens für alle, die an ihr festhalten“. Und heute? Jüdisches Schicksal hat uns angefaßt, aber es hat uns zurückfinden lassen zu jener Macht, die den Bund mit den Vätern schloß und ihn hält auch an den Kindeskindem. Aus dieser Erkenntnis kommt uns Kraft, denn nun wissen wir: unsere Arbeit an jüdischer Zukunft ist nicht vergeblich, sie wird gelingen! Unsere Gemeinden werden bleiben, was sie sein sollen: „heilige Gemeinden“, in denen wir in Liebe und Hilfsbereitschaft einander stützen und fördern und unsere Jugend mit dem Geiste erfüllen, der auch die von uns Ziehenden veranlaßt, am neuen Ort zu „heiligen Gemeinden“ sich zu formen. Um die Lehre Gottes, so steht es im Gebet des Neujahrsfestes, sollen „alle sich in einem Bunde zusammenschließen, um Gottes Willen mit imgeteiltem Herzen zu vollführen“; in den harten Dienst dieser Verkündung gestellt, wissen wir, daß das Prophetenwort des Neujahrsfestes Wahrheit ist: „W ’ jesch tikwah l’achiritech — ja, es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft!“ Gott und der Weltenlauf Von Rabbiner Dr. Max Eschelbacher,,Düsseldorf. I. Nur kurze Zeit noch, und wir feiern Rosch Haschanah. Seitdem Mose die Thorah verkündete, kehrt das hohe Fest alljährlich im Rhythmus der Zeit bei uns ein. Stets empfindet an ihm der Jude den Widerspruch zwischen dem Herzen, das nach Ruhe, nach Frieden, nach Glück sich sehnt, und dem Weltenlauf, der unbekümmert um die Wünsche und Bitten des Menschen seinen Weg nimmt. Wir wünschen einander Kethibah wachathimah tobah, einen Eintrag zum Guten in Gottes Buch. Wir tauchen den Apfel in Honig als Sinnbild für das glückliche Jahr, das wir erhoffen. Aber in diese schöne Sehnsucht hinein klingen ehern die Worte des Gebetes: „Ueber die Länder * wird heute das Urteil gesprochen, welche für das Schwert und welche für den Frieden, welche für den Hunger und welche für den Ueberfluß bestimmt sind, und die Geschöpfe werden heute gemustert, ihrer zu gedenken zum Leben oder zum Tode.“ Der menschliche Wunsch und der göttliche Plan stehen sich gegenüber. Wir spüren die erschütternde und tröstende Wahrheit des Propheten: „Nicht sind Meine Gedanken euere Gedanken und nicht euere Wege Meine Wege, ist der Spruch des Ewigen, sondern wie der Himmel hoch ist über der Erde, so sind hoch Meine Wege über Euren Wegen und Meine Gedanken über euren Gedanken“ (Jes. 55, 8, 9). Unsere Generation empfindet diese erhabene, gegen unsere Wünsche unempfindliche Macht des Weltenlaufes mehr als frühere Geschlechter. Es sind dreiundzwanzig Jahre verflossen, seitdem wir zum letzten Male in Ruhe und äußerem Frieden Rosch Haschanah gefeiert haben. Gewiß hatte in den Jahren vor dem Kriege ein jeder seine eigenen Nöte und Sorgen, aber die Welt, die uns alle umfängt und auf deren Bühne das private Schicksal sich ab- - spielt, war' in Ruhe, soweit überhaupt die menschlichen Dinge beruhigt und sicher sein können. Inzwischen ist sie ins Beben geraten und seitdem, ein halbes Menscheualter hindurch, nicht mehr zur Ruhe gekommen. Zuerst kam der Krieg, dann der Friede. Aber die Jahre seit seinem Abschluß haben uns Juden gewiß keine Ruhe gebracht. Wir wünschen heute einander den Eintrag für ein gutes Jahr in Gottes Buch und tauchen den Apfel in den Honig, wie unsere Vorfahren und Väter. Aber wir finden uns zugleich Aug in Auge mit dem gewaltigen Ernst der Geschichte, vor allem der jüdischen Geschichte. II. Dieser Gegenüberstellung können wir nicht entrinnen. Es gibt keine Flucht vor dem Schicksal und keinen Weg, auf dem wir uns mit Sicherheit vor ihm retten könnten. Keine Ortsveränderung hilft dagegen. In unseren Synagogen stehen viele Plätze leer. Die Post bringt Briefe von unseren Kindern von den Enden der Welt. Viele unserer Freunde sind in die weiteste Ferne gezogen. Hunderttausende von Juden aus Polen, aus Rumänien, aus Deutschland, aus vielen anderen Ländern sind in den jüngsten Jahren abgewandert und haben sich über alle Kontinente zerstreut in der Hoffnung, eine neue Heimat für sich und ihre Kinder zu finden. Sie bilden eine neue Golab, so weit zersprengt und über die ganze Erde reichend wie nur irgend eine unserer Geschichte. Ueberall stehen sie vor dem jüdischen Schicksal, ob sie nun Ruhe und Arbeit gefunden haben oder ob auch in dem Lande, in dem sie Zuflucht suchten, die schwersten Sorgen auf sie warten, Unruhen in Palästina, Bürgerkrieg in Spanien, Erschütterungen und Zuckungen in Brasilien und Paraguay. In vielen Ländern suchen wir den Weg, den die Sturfde gebietet, und halten Ausschau nach allen Möglichkeiten des Bleibens oder des Gehens, der Erhaltung der alten Heimat oder der Gewinnung einer neuen. Aber wir hüten uns vor der Selbsttäuschung, als ob es eine Stätte gäbe, die uns verbürgt wäre. Es gibt keine Maßnahme, keine Handlung, keine Methode, durch die wir uns Sicherheit verschaffen könnten. Unser Schicksal ist nicht nur in unsere Hand gegeben. Wir müssen es in der Seele bewältigen, wenn wir ihm standhalten wollen.' III. Im Angesichte des Schicksals, das über dem Einzelnen und über Allen waltet, hat die Menschheit und hat auch Israel verschiedene Deutungen des Ganges der Geschichte versucht. Ueberwältigt von der ungeheueren Macht von „Feind und Pest, Schwert, Hunger und Kummer“, wie unser Gebet Not und Drangsal der Zeiten umschreibt, haben alte Geschlechter die Welt als Memscheleth Sadon betrachtet, als den Bereich einer Macht, die dem Anschein nach nicht von Gott ist, und die Zeit des Messias haben sie als die Epoche erschaut, in der Gott sein eigenes Reich errichtet. So hat vor sechzehnhundert Jahren unser Meister, Rab, die miteinander ringenden geschichtlichen Mächte der Vergangenheit und seiner eigenen Zeit verstanden, und so hat das Gebet des Rosch Haschanah damals seine Vision aufgenommen,’ in der Bitte um das Nahen der Zeit, die die Gerechten schauen und über die sie sich freuen mögen, in der Gott allein über alle seine Werke König ist. (Uwechen zaddikim jiru wejismachu...). Und so betet der Jude an einem jeden Abend: „Schaffe hinweg den Ankläger vor mir und hinter mir, und im Schatten Deiner Fittiche birg mich, denn der Gott, der uns hütet und uns errettet, bis D u“. Die alten Perser, in deren Mitte unsere Väter im babylonischen Exil lebten, wußten keine Brücke zu schlagen zwischen den widerstrebenden Gewalten, die sich in der Geschichte offenbaren. Ihnen erschien die Weltgeschichte als der Kampf zwischen dem Gotte des Lichtes und dem Dämon der Finsternis. Das Judentum aber hat mit dem Gedanken der Einheit des einzigen Gottes Ernst gemacht und diese Trennung zwischen Mächten des Guten und des Bösen, diese Aufteilung der Welt zwischen Gott 2

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