Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 8 (1.8.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Halle, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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am 23. Florial des Jahres XIII in der heiligen Stadt aufgenommen worden war, sodaß er immer wieder ausrief: „Nä, nä, su jet löstiges hat dä Isac ald lang nit mih jemahd! Dat es jet für dä Simches Daureh!“ Mit diesen Worten nahm Lazarus als letzter der Althändler den Kampf um das tägliohe Brot auf. * Vor der Synagoge harrten schon die Beter, als der Kantor Isac mit beflügelten Schritten eintraf. Er, der sonst gemächlich daherkam, ging an diesem Morgen so flink und behend, daß es dem verschlafensten Mitglied auffallen mußte. „Wat is Euch dann passiert, Herr Isac?“ rief ihm darum gleich der wohllöbliohe Herr Oppenheim entgegen. „Ihr rennt ja geradezu, als ob es zum Anbeißen ginge, dabei ham’ mer doch heut’ Rausch Chaudesch!“ Es bedeutete etwas, wenn Herr Salomon Oppenheim zur Langsamkeit mahnte, denn gerade er war derjenige, dem der Gottesdienst an einem gewöhnlichen Morgen immer zu lange dauerte. Und besonders am Rausch-Chaudesch, da an ihm das übliche Morgengebet durch die Hinzufügung von Hallel und einer zweiten Schmaune Esre eine nicht unbeträchtliche Verlängerung erfuhr. Oie Beter, die an diesem Junimorgen in der Schul erschienen waren, hatten es nicht zu bereuen. Was war denn nur in den Kantor gefahren? Isac sang, als ob ein ganz großer Jontef begonnen hätte. Die einfachen Rezitative, die doch am Werktag nur im Sprechgesang vorgetragen wurden, kamen als jubelnde Lieder und Hymnen aus seinem Munde. Dazu brannte die Morgensonne früher als sonst durch die matten Scheiben, als wollte auch sie noch die erhabene Feiertagsstimmung erhöhen. Selbst die zwei Löwen auf dem blausamtenen Vorhang an der Heiligen Lade, den Josef Stern aus Mülheim erst vor wenigen Wochen gestiftet hatte, schienen ihre grimmigen Mienen zu einem Lächeln zu verziehen. Als das letzte Kaddisch gesprochen war, verkündete der Kantor Isac der Gemeinde, daß um drei Uhr morgens sein siebtes Kind das Licht der Welt erblickt hatte, und daß er gedenke, ihm den Namen Jacob zu geben. Und einige Stunden später wurde für dieses Kind bei dem Regierungsdepartement der Stadt Köln von dem Beigeordneten des Oberbürgermeisters. Franz Rudolf von Monschau die Geburtsurkunde für Jacob Offenbach ausgestellt. * Am Peßachfest des Jahres 1850 sang Isac Offenbach zum letzten Mal die Seder-Lieder, die er vertont und in einer von ihm herausgegebenen Hagadah am 14. Tammus des Jahres 5572 (1812) veröffentlicht hatte. Dabei nannte er sich selbst „Isac der Kleine“, Sohn des Jehudah Eberscht seligen Andenkens, von Offenbach. Wenige Tage nach diesem Peßachfest zog ein riesiger Zug von Trauernden von Köln nach dem Deutzer Friedhof. Dumpf klapperten die 'Pferdehufe wider die hölzernen Bohlen der alten Schiffsbrücke, die Deutz mit Köln verband. Gar merkwürdig nahm sich in dem Trauerzug der langbeinige hagere Jacob-Jacques aus, der kurz vorher seine Tätigkeit als Kapellmeister am Thöätre-Francais in Paris aufgenommen hatte. Die jungen Kölner Juden flüsterten sich zu, daß der Kantorssohn unentwegt sehr finster und dämonisch vor sichhinstarre, daß er sicher den bösen Blick habe, und daß er dabei die alten Feiertagsgesänge seines Vaters vor sich hinsumme. Dem trauernden Sohn gingen die Nachtgesänge, die Maarowis-Melodien durch den Kopf, die er seit seinem Fortgang von Köln nicht mehr gehört hatte. Die getragenen und feierlichen Melodien trafen sich im Kopf von Jacob-Jacques mit den zündenden schäumenden Melodien, die bald die ganze Welt erobern sollten. In der Siegburger-Gasse schlossen sich die Deutzer Juden dem Zuge an, und bald war der alte Friedhof erreicht, dem träumerisch das andere Rheinufer mit seinen Kirchen und Türmen gegenüberlag. Noch heute erinnert der fast verwitterte Grabstein daran, daß an jenem Tage der Beste der Väter, Herr Isac Offenbach, Kantor der Synagogen-Gemeinde Köln, zu Grabe getragen wurde. * Am Simchas-Tauroh-Abend des gleichen Jahres wurde der J i g d a 1 in Köln und Deutz mit einer nie dagewesenen Begeisterung gesungen. Nie zuvor war die hinreißende Melodie oder besser gesagt der schneidige Marsch in den gemütlichen Synagogen der beiden rheinischen Gemeinden so packend gesungen worden. In ausgelassener Freude priesen die Kölner und Deutzer die Einigkeit Gottes, den Ruhm Mosis’, die erwartete Ankunft des Messias . und die darauf folgende Wiederauferstehung der Toten. Von lustigen Ha-ha-ha’s wurde der Sang in jeder Strophe unterbrochen, sodaß besonders die Kleinen durch die heitere Unterbrechung der heiligen Worte außer Rand und Band gerieten. Die bejahrten Mitglieder erinnerten sich, daß der heimgegangene Kantor diese Jigdal-Melodie an jenem Rausch-Chaudesch-Morgen zum ersten Mal gepfiffen hatte, als Jacob, sein siebtes Kind, zur Welt kam. * Seit dem Tode des Kölner Kantors waren sechsundzwanzig Jahre vergangen. Man schrieb das Jahr 1876. Jacques Offenbach arbeitete an einer Lieblingsoper „Hoffmanns Erzählungen“. Unter den größten Schmerzen schrieb der schwer Leidende mit seiner winzigen Schrift Seite um Seite nieder. Einsam saß er in der Ecke seines Arbeitszimmers am kleinen Schreibtisch neben dem Kla “ vier. Oft träumt er vor sich hin und dann befindet er sich wieder in der Kölner Synagoge, in der Nähe seines Vaters, der am Vorbeterpult zum Ruhme des Herrn singt.^ In seinem Arbeitszimmer in der Rue des Capucines breitetsich die Dämmerung aus, aber er ist noch ein Mal in Köln. Vor seinen Augen steigt der Simchas-Tauroh-Abend auf, in seinen Ohren klingen die fast vergessenen rheinisch-jüdischen Gesänge. Er hört die Stimme seines Vaters, die ganze Gemeinde singt mit ihm, das alte Lied, die dreizehn Glaubenssätze, den zündenden Marsch: J i g d a 1. Zum ersten Mal seit vielen Jahren dringen hebräische Worte über seine Lippen: Mäsini j’cliaje EI, b’rauw ohasdau ... _ Die Toten wird Gott beleben ... Der Traum ist vorbei und die letzten Takte des Nachspiels von „Hoffmanns Erzählungen“ schreibt er beseligt nieder, sein letztes Werk und sein-Leben beendigend. * - Das ist die Geschichte des Simchas-Tauroh-Jigdal von Köln, des Liedes voll überschäumender Freude, voll burschikoser Ausgelassenheit, ergötzend und feurig, jüdisch und rheinisch. Wann wird wohl der Sang wieder in der ungetrübten Freude des Jahres 1819 erklingen? Und wenn Ihr Kölner Juden, die ihr in der Heimat weilt und Ihr, die Ihr in der Feme eine neue Heimat gefunden habt, am nächsten Simchas-Tauroh-Abend das Jigdal-Lied singt, gedenkt des fröhlichen Kantors, der nun schon bald hundert Jahre auf dem Deutzer Friedhof ruht! Und gedenkt auch seines siebten Kindes, des in der weiten Welt berühmten Jacques Offenbach ... __ Aus KB zurück: HEBBEBT FB1NKENSTEIN Wirtschaftsberater für Brasilien, Berlin Sao Paolo Berlin-Cfcarfbf., SdUQterstr.33, Ct Stellplatz 3357 Sprcdutmto nur nah t«ltfooi«<kcr VorwatMimf. 7