Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 8 (1.8.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Halle, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021698--441-3981173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Weg zu ihrer Lösung findet Sein Wort, das oft von gütigem Humor, aber zuweilen auch von scharfem Sarkasmus durchtränkt ist, wird überall gern gehört und ist stets ernsthafter Beachtung sicher. Wie Herr Geheimrat Falkenheim als Arzt und Wissenschaftler sich einen über die Grenzen seiner Vaterstadt weit hinausgehenden Ruf erworben hat, so ist sein Wirken auch weitesten Kreisen seiner Glaubensgenossen zum Segen geworden. Daß er auch bei uns im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden noch lange eine Stätte weiterer erfolgreicher Tätigkeit finden möge, ist unser aufrichtiger Wunsch. Leo Wolff. Chronik des jüdischen Lebens Den jetzt hinter uns liegenden Monat kann man den Monat der Konferenzen nennen, denn es haben in ihm eine Reihe von großen und wichtigen Tagungen stattgefunden, teils rein jüdische und teils solche allgemeiner Art, die aber u. a. mit jüdischen Dingen befaßt waren. Tn Genf tagte die zwischenstaatliche Regierungskonferenz, die der vom Völkerbund ernannte Kommissar für das Auswanderungswesen, Generalmajor Sir Neill Malcolm, einberufen hatte. Das Ergebnis besteht in einem provisorischen Abkommen über den Rechtsstatus der aus Deutschland ausgewanderten Personen. Es kann nicht verkannt werden, daß durch dieses von einer ganzen Reihe von Staaten bereits Unterzeichnete Abkommen vielen Tausenden eine wesentliche Hilfe geleistet ist, sodaß man Sir Neill zu seinem ersten Erfolge beglückwünschen darf; darüber, daß es sich nur um einen Anfang auf dem an Aufgaben so reichen Gebiet der Auswandererhilfe. handelt, dürfte sich niemand klarer sein als der Völkerbundskommissar selber. Gleichfalls mit Auswanderungsproblemen befaßte sich die Tagung des HICEM (HIAS - ICA Emigration Association), die in Paris stattfand und an der, als Vertreter Sir Neill Malcolms, Lord Duncammon teilnahm. Der Tätigkeitsbericht zeigte, wie sehr die derzeitige jüdische Wanderung geschichtliches Ausmaß trägt, haben doch in den letzten zehn Jahren 338 000 Juden Europa verlassen, teils nach ganz neuen, früher von Juden weniger oder gamicht aufgesuchten Gebieten, z. B. nach dem fernen Osten. Die Aufgabe, die die Konferenz sich stellte, war die Ermittlung neuer Wege bei der Auswandererhilfe. denn während es in früheren Jahrzehnten nur die Frage gab, wie ein Auswanderer in sein Zielland hineinkommt, erfolgt heute eine genaue Auswahl nach dem Gesichtspunkt gesundheitlicher und beruflicher Eignung sowie auch, soweit nötig und möglich, eine Vorbereitung für das Zielland. Will man heute auf dem Gebiet der Auswandererhilfe zu konstruktiver Planung gelangen, so ist das die gleiche Entwicklung, die seit langer Zeit bei der Sozialarbeit besteht, die sich aus der früheren und unproduktiven „Wohlfahrtspflege“ entwickelt hat. Nun wird der Versuch gemacht, für die gesamte jüdische Sozialarbeit in allen Ländern eine einheitliche und konstruktive Planung zu schaffen; dieser Aufgabe diente die in London abgehaltene dritte Konferenz für jüdische Sozjalarbeit. Betrachtet man — und das tut man wohl mit Recht — alle soziale Arbeit als Aufgabe und Verwirklichung der Relieion. so darf man mehr als nur ein Symbol darin erblicken, daß die Konferenz für jüdische Sozialarbeit gleichsam im Schatten einer ebenfalls in London abgehaltenen Weltkonferenz der Religionen stand, auf der u. a. der englische Chief- Rahhi Dr. Hertz eine bedeutsame Rede hielt. Und noch eine weitere religiöse Konferenz, diesmal rein jüdischen Charakters, fand in London statt, eine Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum, die sich unter der geistigen Führung des deutschen Rabbiners Dr. Dienemann (Offenbach a. M.) zur Aufgabe gestellt hatte, das klassische Prinzip des religiösen Liberalismus, das der individuellen Freiheit, mit dem heute allgemein empfundenen Bedürfnis nach Stärkung der autoritären Bindungen zu vereinen. In Wien tagte der (zweite) Weltkongreß jüdischer Frontsoldaten, in dessen Verlauf die vaterländische Treue der Juden aller Länder aufs neue bekräftigt und von führenden Persönlichkeiten anerkannt wurde und auf der auch eifrige bedeutsame organisatorische Beschlüsse gefaßt wurden. Dem Rundgang durch die Konferenzen mag einsolcher durch die Länder folgen, und er soll dort beginnen, wo der 6 erste endete: in Wien. Die Judenheit Oesterreichs bat freudigsten Anteil genommen an dem 70. Geburtstag des Dichters Richard Beer-Hofmann, aber die Freude wurde überschattet von einem unerwarteten Ereignis: der plötzliche Tod des Oberrabbiners Dr. Feuchtwang hat die österreichischen Juden in schwerster Zeit ihres sie alle beschützenden und leitenden Oberhauptes beraubt. — In Polen hat das Schreckensurteil von Radom überall größte Entrüstung hervorgerufen, die sich u. a. auch in einem Proteststreik sowie in einer Reihe von Maßnahmen jüdischer Politiker auswirkte. — Auch in Rumänien hat die jüdische Bevölkerung Wochen der Besorgnis durchlebt, doch scheinen die Verhältnisse sich jetzt zu glätten. — In Griechenland ist das Verhältnis der Juden zu Regierung und Volk nach wie vor günstig; die kürzlich erfolgte Teilnahme König Georgs an einem Gottesdienst in der Synagoge hat dieses Verhältnis neuerdings sichtbar erhärtet. — Aus Abessinien kommt die Meldung, daß in Addis .Abeba und Dire-Daua jetzt die ersten jüdischen Gemeinden durch einen Beauftragten des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens gegründet werden sollen. Der Rundblick durch die Länder kann nicht abgeschlossen werden, ohne der Ereignisse in England zu gedenken. Das Unterhaus mußte sich mit antisemitischen Exzessen im Londoner East-End befassen, die allgemein verurteilt und als unenglisch bezeichnet wurden; die Regierung hat Abhilfe zugesagt. — Außerdem hat es im Unterhaus auch wieder Aussprachen über Palästina gegeben. Das Fortdauern des Aufstandes und die Gerüchte über die zeitweilige Einstellung der Einwanderung haben Unruhe hervorgerufen; ein großer Teil der englischen Presse hat in der letzten Zeit seine frühere araberfeindliche Haltung revidiert, und auch in der Tatsache, daß die Königliche Untersuchungskommission jetzt doch vor Unterwerfung der Araber ernannt worden ist, erblickt man ein gewisses Nachgeben der Regierung gegenüber dem Verhalten der Araber. Dennoch bleibt zu hoffen, daß die Kommission keinesfalls vor Beendigung der Unruhen Verhandlungen mit den Arabern aufnirumt. Eine Notiz personeller Art mag heute die Chronik abschließen. An anderer Stelle dieses Blattes finden die Leser einen Hinweis auf 8en 80. Geburtstag des Herrn. Geheimrat Falkenheim (Königsberg), des Alterspräsidenten des Rates unseres Verbandes. Aber auch der Alterspräsident unseres Verbandstages, Herr Stadtrat a. D. Julius Zielenziger (Potsdam) ist in das 80. Lebensjahr eingetreten. Alle Mitglieder des Rates und des Verbandstages erinnern sich gern, mit wie freundlichem Humor er bei unseren Tagungen seines Amtes waltete. Wir sprechen ihm auch an dieser Stelle herzliche Glückwünsche aus. Der Kölner Jigdal Eine Anekdote von Felix Gut. Es geschah im Sommer des Jahres 1819, — die Kölner Juden schrieben das Jahr 5579 — an einem der längsten und heißesten Tage. Im Althändlerv.iertel. das sich damals wie heute am Großen- und Kleinen Grieohenmarkt befand, herrschte die dort übliche gemütliche und lustige Stimmung. Da machte sich am frühen Morgen jenes heißen Tages der Synagogenkantor der Kölner Gemeinde zeitiger als sonst auf den Weg zum Gottesdienst. Er pfiff dabei einen außergewöhnlich lustigen Marsch, der so schmissig war, daß die Althändler, die um diese Stunden ihre Karren und Säcke zur Ausfahrt bereiteten, verwundert aufhorohten und gleich darauf schon den Marsch naohpfiffen. Bald gab jeder seine Meinung zum Besten: „Dä Isac hät ne jode Dag!“ „Dat es em ävver jod jelunge!“ . „Seit wann marschieren die dann in der Jüddeschul!“ An diesem Morgen machten sich die Althändler mit dem neuesten Lied des Judenkantors auf die Suche nach alten Lumpen, nach Knochen und Eisen. Solch’ heitere Melodie hatte man selbst am Karneval auf dem alten Markt der Griechen nicht vernommen, und am Karneval vernahm man schon sehr ausgelassene Weisen, besonders seitdem die Franzosen die freie Reichsstadt geräumt hatten. Ganz hingerissen blieb Lifman Lazarus, der bereits