Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 8 (1.8.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Halle, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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jenige Gebilde stützen konnten, das als gesetzlich anerkannte Grundform des jüdischen Lebens überall schon vorhanden war: die jüdische Gemeinde. So bietet die Gemeinde heute ein anderes Bild als einst; sie vereinigt bei sich alle Einrichtungen jüdischer Existenzhilfe und Existenzsicherung; sie oder die bei ihr geschaffenen Stellen werden in Anspruch genommen für Kredithilfe, Arbeitsvermittlung, Berufsumschichtung, Rechtsschutz, Auswandererhilfe, Berufsausbildung der Jugend. Von Schulen, Lehrhäusern >und Bildungseinrichtungen darf in diesem Zusammenhänge abgesehen werden. Es genügt der Hinweis, daß es niemanden gibt, der nicht ein persönliches Interesse an den Gemeindeeinrichtungen hat. Es mag ununtersucht bleiben, wieweit es heute noch religiös „Indifferente“ in unseren Reihen gibt; der geistigen Orientierung über sein Jude-Sein bedarf heute jeder Jude, und so darf der Satz gesagt werden: „Wo immer sich jüdische Menschen in wirtschaftlicher oder geistiger Not befinden, da ist die Gemeinde ihr Halt geworden.“ Jeder nimmt teil an ihren Aufgaben, und wer selber keine Hilfe nötig hat, der bedarf doch der Beratung für die Zukunft seiner Kinder oder für Angehörige. Ist schon aus allen diesen ins Auge springenden Gründen jedermann an der Aufrechterhaltung der Gemeinde und an der Stärkung ihrer Arbeitsfähigkeit aktiv interessiert, so kommt noch als weiteres hinzu, daß die Gemeinde durch ihre vielfältige Tätigkeit im wirtschaftlichen Leben der Juden eine Rolle spielt. Wer über die Etats der Gemeinden unterrichtet ist, weiß, daß besonders in den größeren Gemeinden mehr als die Hälfte aller Ausgaben für sogenannte „Sachleistungen“ vorgenommen werden. In der Berliner Großgemeinde beziffert sich, wie aus einer kürzlich erfolgten Veröffentlichung im Organ der jüdischen Handwerker hervorgeht, der Anteil der Sachausgaben auf etwa 62 '/• des Gesamtetats (die Ausgaben der „Winterhilfe“ nicht mitgerechnetl). Angesichts der Gesamthöhe des Berliner Gemeinde-Etats handelt es sich bei diesen Sachausgaben also schon um Millionen-Beträge. Nun nimmt die Berliner Gemeinde gewiß eine Ausnahmestellung ein, aber auch in kleineren Gemeinden und überhaupt innerhalb der jüdischen Gesamtheit im Reiche bilden doch die jüdischen Einrichtungen einen wirtschaftlichen Faktor. Besonders groß ist der Bedarf an Lebensmitteln für die Altersheime, Volksküchen, Krankenhäuser; und da alle diese Anstalten rituell geführt werden, so kommt ihr Lebensmittelbedarf ohne weiteres dem jüdischen Händler zugute. Aber auch für andere Artikel, die zwar nur in geringerem Umfange bezog« werde», ist selbstverständlich der jüdische Hgpdler zuständig. Durch die Heranziehung einer größeren Anzahl der jüdischen Geschäfte zur Winterhilfe sowie durch Sachunterstützungen der Wohlfahrtsämter im Laufe des ganzen Jahres sind die Gemeinden oft nicht nur zu unmittelbaren Abnehmern geworden, sondern vermutlich haben sie den Geschäften auch mittelbar neue Kunden zugeführt. Was die Gemeinden durch ihre Umschichtungs¬ und Ausbildungskurse, durch Darlehns- und Arbeitsvermittlung, durch Auswandererhilfe wirtschaftlich leisten, .wurde oben schon angedeutet; auch die Beschäftigung jüdischer Künstler darf nicht unerwähnt bleiben. Mit Recht aber wies die Zeitschrift „Der jüdische Handwerker“ in ihrer vorhin bereits zitierten Veröffentlichung darauf hin, daß bei künstlerischen Veranstaltungen jüdische Unternehmer und Handwerker herangezogen werden, letztere besonders aber auch bei Instandsetzungen von Gemeindegrundstücken. „UeberaU“, so schreibt das genannte Blatt, „sieht man die wirtschaftliche Bedeutung der Gemeindetätigkeit; überall kann man feststellen, daß der Handwerker, der Künstler, der kleinere und mittlere Kaufmann dadurch in Arbeit und zu Brot kommen.“ Diese Bedeutung der Gemeindetätigkeit ist bis jetzt nicht genügend beachtet worden, aber es ist notwendig ihr zukünftig alle gebotene Aufmerksamkeit zu widmen. Je kleiner eine Gemeinde, desto weniger wird sie die Möglichkeit haben, selber als Käuferin oder Arbeitgeberin in Erscheinung zu treten. Aber die Bedeutung als Wirtschaftsfaktor ist auch bei der Kleingemeinde nicht gering, denn der mittelbare Einfluß einer Gemeinde kann in dieser Beziehung viel größere Erfolge haben als ihre direkte Auftragsvergebung. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wo die Gemeinde regulierend wirken kann. Es genügt zu erwähnen, daß die für Personalausgaben einschließlich aller Unterstützungen zur Verfügung gestellten Mittel letzten Endes auch der Belebung des jüdischen Wirtschaftslebens zu dienen haben. Bis jetzt geschieht das nur zum Teil. Und es kann dem Verfasser jener Ausführungen in dem Organ der jüdischen Handwerker nur zugestimmt werden, wenn er zu dem Ergebnis kommt: „Man muß sich um diese Dinge kümmern und der Tätigkeit der Gemeinde als Wirtschaftsfaktor eine gewisse Planung geben. Die Aufgabe ist jetzt an der Zeit.“ Josef ha Cohen — ein Arzt und Geschichtsschreiber des IÖ. Jahrhunderts Von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn, Breslau. Nicht so groß ist die Zahl jüdischer Geschichtswerke vergangener Jahrhunderte. Im Allgemeinen füllte den Juden das „Lernen“ so aus, daß er für die Beschäftigung mit seiner eigenen Vergangenheit neben der Arbeit des Alltags nicht allzuviel Muße fand. Um so stärkere Aufmerksamkeit verdienen die Werke, die -bewußt die Erforschung vergangener Tage behandeln und die zugleich den Wert eigenen iMiterlebens haben. Unter diesen ist dem Geschichtsforscher das „Tal der Tränen“ (Emek habbacha) wohl bekannt. Die Persönlichkeit des Autors und der Charakter dieses einzigartigen Buches verdient aber auch die Aufmerksamkeit aller derer, die heute bewiußt die Werte ihres jüdischen Daseins zu fühlen beginnen. Josef ben Josua ha Cohen wurde selbst in Avignon in Südfrankreich als Sohn einer jüdischen Familie geboren, die aus Huete in Spanien geflüchtet war. Er, der im Jahre 1496 das Licht der Welt erblickte, wird wohl oft aus dem Munde seines Vaters von der furchtbaren Erschütterung erfahren haben, die die gewaltige Masse spanischer und portugiesischer Juden erlebt hatten. Später lebte er in Genua als Arzt <und mag um das Jahr 1575 gestorben «ein. Für seine Zeitgenossen war er hauptsächlich der Arzt, der auch auf diesem Gebiete sich schriftstellerisch betätigte. Für die spätere Zeit aber ist er der Mann geworden, der in liebevollster Versenkung in die Vergangenheit sich unablässig bemühte, Nachrichten über die Juden aus aller Welt zusammenzutragen. — Lassen wir ihn selbst sprechen: „Da die Leiden, welche, seitdem Jehuda aus seinem Lande vertrieben worden, bis auf den heutigen Tag über uns ergangen, hier und dort zerstreut referiert werden, so habe ich mir vorgenommen, sie in einem kleinen Werke zusammenzustellen, welches alles enthalten soll, was ich in den Schriften der vor mir hebräisch schreibenden Autoren und in christlichen Büchern gefunden habe. Den Titel dieses Werkes habe ich Emek habbacha genannt, weil derselbe seinem Inhalte durchaus entspricht, da ein Jeder, so er darin liest, staunen und zugleich aufschnauben wird, indem ihm Tränen aus den Augen fließen und, die Hände an die Lenden gelegt, wird er sprechen: „Wie lange noch o Gott! Zum Herrn flehe ich, daß die Tage unserer Trauer aufhören und er unsern gerechten Gesalbten sende, der uns baldigst erlöse, um seines Erbarmens willen. Amen, Amen!“ Noch an einer anderen Stelle spricht er sich darüber aus, was ihn veranlaßte, dieses Buch zu schreiben, bei dem man den Eindruck hat, daß er beim Niederschreiben all dessen, was ihn bewegte, seine Seele erleichterte. — Der König von Navarra hatte, so sagt er, die Juden nicht aus seinem Lande vertrieben, und es hatten sich viele aus Aragon dort niedergelassen. Es war der größte Teil des jüdischen Volkes in Bewegung gekommen, und die Flüchtlingsströme fluteten durch Südfrankreich. Hier begegneten sich die Familie seiner Mutter mit seinem Vater, und 3