Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 8 (1.8.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Halle, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen .... Meine Hilfe kommt von Gott, dem Herrn.“ Und ähnlich an tausend Stellen. Wie kommt es nun, daß diese Lieder der Demut und Hingabe von Millionen Menschen aller Zeiten und Zonen gesungen werden, jedem in Fleisch und Blut übergegangen als sein innerliches Eigentum, das in schweren Stunden aus ihm lebendig wird, — daß aber Prometheus tote Mythologie blieb und selbst das von einem Goethe ihm geliehene, bestechend kraftvolle Wort der bloße Bildungsbesitz nur einiger Weniger? Weil das prometheische Pochen auf die eigene Kraft zuletzt doch die Menschheit nicht weiterbringt, sondern zum Dualismus führt. Auf das allzu gewaltig gefühlte ..Ich" folgt die Zweiteilung: „Ich und die Welt“; „Ich gegen die Welt" ist die unausbleibliche Konsequenz. Und nur die biblische Denkart führt zu Einheit und Frieden, wie Jie Welt sie braucht. Das zeigt sich auch bei Goethe, der zuletzt doch zur Auffassung der Bibel zurückkehren und seinen griechischen Propheten biblische Worte sprechen lassen muß. — Einer der von Prometheus geschaffenen Menschen macht es wie dieser selbst: vertraut auf die eigene Kraft, stellt sich heraus aus der Einheit als „Einer“ gegen die „Andern“ und — — stiehlt. Prometheus aber tröstet den Bestohlenen, indem er — hören wir recht? — ihm vom Dieb sagt: „Laß ihn! Ist seine Hand wider jedermann, Wird jedermannes Hand sein wider ihn.“ Das ist nicht nur wortwörtliches Zitat der Bibel (aus dem ersten Buch Mose, wo es Kap. 16 V. 12 von Ismael heißt: „Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wider Jedermann, und Jedermanns Hand wider ihn; und gegenüber allen seinen Brüdern wird er wohnen“), sondern vor allem ist es Geist vom Geist der Bibel, denn mit diesem Worte hat auch Prometheus anerkannt, was er vorher leugnete: das in allem Geschehen waltende göttliche Gesetz und damit Gott selber. Der Dualismus ist aufgehoben, die Einheit hergestellt, und jeder ist — unentrinnbar — Glied dieser Einheit, — Diener ihres göttlichen Gesetzes: jeden „straft sein eigenes Unrecht“, wie wir bei Jeremia lasen und wie nun auch Prometheus anerkennt. Schuld, Strafe, Sühne — unentbehrliche Begriffe im Leben der Menschen. Das Sinai-Wort von der „Strafe b& in das dritte und vierte Glied“ ist keine willkürliche Drohung eines finsteren Rachegottes, die wir ethisch werten und also subjektiv anerkennen oder verwerfen könnten. Sie ist die schlichte Feststellung einer objektiven Naturtatsache, so wie auch andere Religionen diese Wahrheit aussprechen: „Wer Wind säet, wird Sturm ernten.“ Oder wie wir bei Schiller lesen: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend immer Böses muß gebären.“ Auf Schuld folgt Strafe; das ist Naturgesetz und also Gottes Gesetz. Aber nur dem, der um diesen undurchbrechbaren Einheits-Zusammenhang weiß, sind die Schickungen nicht mehr sinnloses und also zermalmendes Verhängnis, sondern Sühne. Denn sie führen ihn zurück unter das Gesetz, unter die Einheit und somit zur Heilung. ,'Wäre nicht deine Lehre mein Trost gewesen, ich wäre zugrunde gegangen in meinem Elend.“ Das ist Israels Lehre, das wurde wieder Israels Schicksal. „Ein geringes Häuflein werdet ihr übrig bleiben unter den Völkern, dahin euch der Ewige treiben wird. Dort werdet ihr Göttern dienen, Werken von Menschenhand, Holz und Stein, die weder sehen noch hören noch essen noch riechen. Von da an werdet ihr dann den Ewigen, deinen Gott, suchen; und finden wirst du ihn, so du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchst. In deinem Elend, wenn dich all dies trifft in späten Tagen, da wirst du zum Ewigen, deinem Gott, zurückfinden und auf seine Stimme hören“ (5. B. M. 4, 25 ff.). Das ist, vor Jahrtausenden niedergeschrieben, auf das Genaueste unser heutiges Erleben! Wenn wir diese Worte heute, wie alljährlich am Trostsabbath, an heiliger Stätte vernehmen, so wissen wir wieder: wir dienen, ob wir wollen oder nicht, unserer Lehre mit unserem Leben. Daß wir Juden von heute durch schweres Erleben dieser Lehre zurückgegeben wurden und sie freudig bekennen — darin liegt unsere Entsühnung, „voll ist sein Leid, gesühnt ist seine Schuld“. Daß wir der Lehre dienen inmitten der Welt und um der Welt willen — darin erblicken wir die Berechtigung unseres Seins, Geburt des Messias am Tage der Zerstörung. Daß wir nun nach der von uns selbst erlebten Wahrheit des Thora-Wortes wissen: wir werden dieser Lehre nach Gottes Willen auch fernerhin zu dienen haben in allen Zeiten der Geschichte — darin liegt, in allen Gefahren der Gegenwart, die Garantie unserer Zukunft. „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Die Synagogengemeinde als Wirtschaftsfaktor im jüdischen Leben Die veränderte Stellung der Judenheit in Deutschland hat auch innerjüdisch .zu grundlegenden Wandlungen geführt, deren sichtbarstes und wohl auch bedeutsamstes Kennzeichen darin besteht, daß die Gemeinde in ganz anderem Maße als früher zur Trägerin alles jüdischen Lebens geworden ist. Man erinnert sich, wie in früheren Jahren und Jahrzehnten die Gemeinde im Bewußtsein unserer Menschen und auch in Ansehung ihrer tatsächlichen Leistungen im wesentlichen nur Kultusgemeinde gewesen ist. sodaß selbst'in konservativeren Gegenden der Kreis derer, die von den Gemeindeeinrichtungen Gebrauch machten oder am Gemeindeleben teilnahmen, immer wesentlich geringer war als die Zahl der Gemeindemitglieder. Ueber diesen Sachverhalt konnten auch der starke Synagogenbesuch an den Hohen Feiertagen oder gelegentliche repräsentative Gemeindeabende nicht hinwegtäuschen. — Es kam hinzu, daß auch innerhalb der jüdisch interessierten Menschen die Gemeindearbeit nur als isoliertes Teilarbeitsgebiet innerhalb des jüdischen Lebens hervortrat; die jüdischen Interessen konzentrierten sich vielfach in weit stärkerem Maße auf die imabhängig von den Gemeinden arbeitenden Organisationen; die große Zahl der „Indifferenten“ stand erst recht der Gemeinde fern. Das alles ist in den letzten Jahren völlig anders geworden. Mit Recht wird in der Einleitung zu dem jüngst veröffentlichten Tätigkeitsbericht des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ausgeführt, daß die Juden durch ihre nach außen hin erfolgte Isolierung „zu einer in sich geschlossenen Gemeinschaft verschmolzen sind“, und daß „diese Gemeinschaft — ob gewollt oder« ungewollt spielt hier keine Rolle mehr, weil es sich um die Feststellung eines objektiven Tatbestandes handelt — nicht eine nur religiöse, sondern eine Lebensgemeinschaft geworden ist, deren religiöse Aufgaben dementsprechend auf alle Lebensinteressen ihrer Mitglieder übergreifen.“ In der Tat ist denn auch, wie es in jenem Bericht weiter heißt, „das Verhältnis zwischen der Gemeinde und ihren Mitgliedern ein wechselseitiges geworden, sodaß die Interessen des Einzelnen mit denen seiner Gemeinde Zusammenfällen.“ Es ist kaum nötig, diese Behauptung noch näher zu begründen. Jedermann weiß heute, daß Existenzhilfe und Existenzsicherung zum Kernproblem jüdischer Arbeit geworden sind und daß die teils schon vor 1933 bestehenden, teils neu geschaffenen jüdischen Zentralstellen sich bei Inangriffnahme ihrer Arbeit an jedem Ort nur auf das- 2