Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-07-01 · 7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
Date
1936-07-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021696--418-3981151
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Julius Brodnitz In wenigen Wochen wäre sein 70. Geburtstag von der gesamten Juden heit Deutschlands festlich begangen worden, jetzt steht die gesamte Judenheit Deutschlands trauernd an seinem Grabe. Man darf hier von einmütiger Trauer Aller reden; denn wiewohl Brodnitz der Vorsitzende des Centralvereins war, einer Organisation also, die in ausgeprägtester Weise zu den Flügelgruppen des jüdischen Lebens gehört, so war er doch nie lediglich Mann einer Gruppe, sondern stets Mann der Gesamtheit. Das hat sich am wirksamsten in den letzten schweren Jahren gezeigt, in denen Julius Brodnitz eine der treibenden, und nach jedem Scheitern aufs neue antreibenden Kräfte bei der Bildung einer aus allen Teilen der Judenheit Deutschlands zusammengesetzten „Reichsvertretung der Juden“ gewesen ist Aber auch schon in früherer Zeit gehörten seine Arbeitskraft und seine Liebe gesamt jüdischen Aufgaben. Bei seinem Kampf um jüdisches Lebensrecht hatte er frühzeitig erkannt daß jedes Recht erworben, erarbeitet werden muß. Deshalb stellte er sich mit an die Spitze der „ORT“-Bewegung, die eine Rückführung der Juden zu Handwerk, industrieller, technischer und landwirtschaftlicher Arbeit anstrebt Aehnliche Motive mögen es gewesen sein, die ihn schon seit langem zu einem Förderer des jüdischen Palästina-Aufbaus und zu einem Vorkämpfer der Jewish-Agency-Bewegung gemacht haben. Wie wenig in Brodnitz stark ausgeprägte Eigenanschauung und allumfassendes Einheitsstreben Gegensätze gewesen sind, zeigt sich auch darin, daß sein eigener tief religiöser Sinn ihn in die Reihen der Jüdischen Reformgemeinde geführt hat zu deren überzeugtesten und treuesten Anhängern er gehörte und deren Ehrenmitglied er war, daß er aber trotzdem die überragende historische und praktische Bedeutung der „Kehillah“, d. h. der Einheitsgemeinde erkannte und im Wirken für sie zu einer der markantesten Persönlichkeiten innerhalb -der Landesversammlung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden wurde. Julius Brodnitz war eine vornehme Erscheinung und Natur. Seinem patriarchalischen Aeußeren entsprachen seine inneren Eigenschaften: Wohlwollen, Güte, unantastbare Rechtlichkeit. Sein tragischer, durch den blind waltenden Zufall eines Verkehrsunglücks herbeigeführter Tod reißt eine große Lücke in das Leben unserer Gemeinschaft Allen, die in der jüdischen Arbeit stehen, wird sein kluger, männlicher Rat fehlen; sein Andenken aber wird zum steten Segen sein. * Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat folgendes Shreiben an den Centralverein der Juden in Deutschland gerichtet: „In tiefer Erschütterung nehmen wir an der Trauer der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland um das Ableben Ihres Vorsitzenden, des Herrn Justizrat Julius Brodnitz, teil. Der nicht zu ersetzende Verlust der Ihnen nicht nur eine leitende Persönlichkeit sondern den wahren Führer Ihrer Organisation genommen hat trifft weit über den Kreis des Centralvereins hinaus unmittelbar das gesamte Judentum in Deutschland und in der Welt. Julius Brodnitz war in der Paarung von stets bewahrter Jugendlichkeit und reifem Urteil des Alters eine unserer markantesten Führergestalten. Sein Andenken wird in unserem Verband und in den uns angeschlossenen Gemeinden stets unvergessen bleiben.“ Bertha Pappenheim Die Gründerin und langjährige Leiterin des Jüdischen Frauenbundes ist am Schawuothfeste — 76 jährig — von schwerem Leiden durch einen sanften Tod erlöst worden. Die jüdische Frauenwelt verliert in ihr die von leidenschaftlichem Willen zu sozialer Gerechtigkeit und von ungewöhnlichem Mut beseelte Führerin, die ihr — erfüllt von glühender Liebe zum Judentum und unermüdlichem Verantwortungsbewußtsein — in vorbildlicher Haltung und in zäher Kraft Aufgabe und Ziel gewiesen. Stahlhart in ihren Anforderungen an sich selber, unbeugsam in ihrer Auffassung von Recht und Unrecht, lehrte 6 sie Pflichterfüllung und menschliche Hingabe an „die heilige Kleinarbeit“ des Tages, aber sie sah und erkannte Geschehnisse und Erfordernisse in großen Zusammenhängen, und was sie selber schuf und pflegte, und was sie tat und verlangte, war Ausdruck dieser Erkenntnis. Ihre persönliche hohe Kultur äußerte sich in der Verbindung strenger Schlichtheit ihrer eigenen Lebenshaltung mit künstlerischem Schönheitssinn, der sich in zartesten Handarbeiten, in der Herstellung herrlichster Ketten, in der Sammlung kostbarster Spitzen ebenso offenbarte, wie in der Glut und dem Charme ihres Ausdrucks in Schrift und Rede, aber auch in den Kunstwerken (dem Brunnen, den Mesusoth), die sie ihrem Heim in Neu-Isenburg schenkte, und für das sie doch dieselbe, strenge Einfachheit der Haltung forderte und durchführte, wie für sich selber. Dieses von ihr gegründete, einzigartige Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, das die „Spur von ihren Erdetagen“ zu erhalten hat, ist eines der Zeugnisse von dem Grad ihrer Sorge für Schutz und Recht der jüdischen Frau. Als Schöpferin des Jüdischen Frauenbundes aber galt das Gesamtwerk ihres Lebens der dreifachen Verpflichtung, die er darsteUte: Jude-Sein, Frau-Sein, Verbunden-Sein. Am Pessachfeste, dem Tage der Ueberschreitung, erkrankte sie zum letztenmale; in den sieben Wochen der Aumerzeit wurden ihre Tage gezählt. Am Tage der Gesetzgebung wurde sie uns genommen, deren Leben selber die Erfüllung des göttlichen Gesetzes gewesen. Anna L e w y, Stettin. Chronik des jüdischen Lebens Noch immer stehen die Ereignisse in Palästina im Vordergründe des Interesses. Nicht nur die Nachrichten von dort werden eifrig gelesen, sondern auch die Debatten im englischen Unterhaus und die Verhandlungen der Ständigen Mandatskommission in Genf sind lebhaft beachtet worden, und die Beiratstagung der Jewish Agency mit ihrem Appell an die Judenheit in Deutschland, die Mitarbeit am Palästina-Werk verstärkt fortzusetzen, hat überall herzlichen 'Widerhall gefunden. Daß dieser Aufruf sich mit Meinung und Maßnahmen der Mandatarmacht deckt, ist an anderer Stelle dieses Blattes ausgeführt, und zweifellos löst es weithin Befriedigung aus, daß die Palästina-Einwanderung weitergeht. In den nächsten Wochen wird neben der Palästina-Wanderung freilich auch die allgemeine Auswanderung Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit sein, soll doch am 2. Juli die vom Völkerbundskommissar für das Auswanderungswesen, General Sir Neill Malcolm, einberufene zwischenstaatliche Konferenz ihren Anfang nehmen, für die insbesondere die skandinavischen Stuten und Holland ein so wohlwollendes Interesse zeigen. Daß die Auswandererhilfe nur wirksam werden kann, wenn jeder einzelne Jude das Seine gewissenhaft tut, ist klar, und es ist bedauerlich genug, daß das Verhalten mancher den Hilfsverein der Juden in Deutschland genötigt hat, auf das Erfordernis intensiver sprachlicher Vorbildung für jeden Auswanderer erst noch hinzuweisen. Außerordentlich begrüßenswert ist es dagegen, daß die Reichsvertretung der Juden in Deutschland jetzt im Begriff steht, eine Tagesschule für Berufsvorlehre in der Nähe von Berlin zu errichten, die unsere Jugend in hohem Maße auswanderungsfähig machen soll. Wir hoffen, über diese im Werden begriffene Anstalt in der nächsten Nummer unseres Blattes schon ausführlicher berichten zu können. Bei einer Rückschau auf die jüdischen Ereignisse <i»t vergangenen Monats richten sich unsere Augen diesmal nächst Palästina zuerst nach Polen, wo der Prozeß von Przytyk uns die ganze traurige Lage der polnisch sn Judenheit enthüllt hat Gegenüber dieser Gesamtsituation sied die guten Nachrichten aus Polen doch nur Oberflächenerscheinuigen, so z. B. die Ansetzung eines hebräischen Rundfunkvortrages über das Leben Pilsudskis im Warschauer Sender oder die Anwesenheit des polnischen Generalkonsuls Kruczkiewiecz und des polnischen Botschaftssekretärs Skorkowski bei der Sokolow-Gedenkfeier des Verbandes polnischer Juden in Berlin. Trotz aller Bemühungen der polnischen Regierung, die Gleichberechtigung aller Bürger Polens zu verteidigen, zeigen doch die BUder von Przytyk, daß die Situation nach einer geschichtlichen Lösung drängt Aehnlkh liegt es auch in Rumänien. Und in Oesterreich ist der erste Mann, der auf Grund des neuen Gesetzes über die allgemeine Wehrpflicht zum Militär ausgehoben wurde, ein Wiener Jude gewesen-warum?-weil sein Name mit den ersten Buchstaben des Alphabeths anfängt — Wenden wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.