Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der Freude über die Schaffung dieses schönen Jugendheims Ausdruck. III. So hat die jüdische Jugendbewegung mit geringen Mitteln einige ihr gemäße Heime geschaffen. Jeder Mensch, der zum ersten Mal ein solches Heim betritt, spürt sofort eine neue Form des menschlichen Beieinanderlebens. Das Heim ist nicht für den Einzelnen sondern für die Gemeinschaft da. Hier kann sich nicht jeder benehmen, wie er will, sondern hier muß jeder auf den anderen Rücksicht nehmen und überall selbst mit anpacken. Dieser Geist der Kameradschaft und des Füreinander-Daseins ist die rechte Luft für junge Menschen, die gemeinschaftlich ein neues Leben aufbauen wollen. Die Jugendheime sollen endlich auch die Orte sein, in denen eine neue jüdische Atmosphäre möglich ist. Die Mitglieder der verschiedenen Jugendbünde, die bei Arbeit, Gesang und Spiel in den Heimen Zusammenkommen, werden sich dort besser kennen und verstehen lernen als bei heftigen Diskussionsreden in Versammlungsräumen. So könnten diese Jugendheime die zentralen Bildungsstätten in des Wortes tiefster Bedeutung werden. Die Heime stehen der gesamten jüdischen Jugend offen. Hoffen wir, daß sie Geist und Herz der jungen jüdischen Menschen öffnen. Episoden aus einer jüdischen Jugend Von Leo Hirsch. Es ist jetzt zwei Jahre her, seit Ch. N. Bialik gestorben ist, man hat ihn mittlerweile noch mehr gefeiert und heroisiert als bei Lebzeiten, der erste hebräische Dichter der Neuzeit ist schon fast ein Mythos geworden, eine erhabene Figur, eine Art Denkmalswesen, von dem man nur mit Mühe glauben könnte, daß eine Fülle der naivsten und bezauberndsten Kinderlieder seinen Namen trägt — sie liegen leider noch nicht deutsch vor —, ja, daß er sogar selbst einmal ein Kind, ein richtiges Kind, ein Ausbund von einem Jungen gewesen ist. Bialiks früheste Kindheit war schön und reich, er wuchs in Wolhynien auf, zwischen Feldern und Wäldern, und noch als sein Vater in eine Vorstadt von Shitomir zog, als der Sechsjährige die Bibel „lernte“, war es schön und gut. „Das winzige Haus mit dem Stübchen des ''Lehrers stand zwischen Sandhängen auf dem abschüssigen Berg, jeden Augenblick bereit, in den Abgrund darunter abzustürzen. Und dort, aus dem Hang über dem Abgrund rieselten Quellen, die sprühten, flüsterten, murmelten und uns halfen, die Psalmenverse zu wiederholen, die wir sommers unter freiem Himmel, im Schatten der Bäume oder unter dem Dach der Laubhütte lernten. Und uns gegenüber lag die Kurve des Flusses, und auf uns guckte der Wald.“ Aber als er sieben Jahre alt war, wurde das Idyll jäh unterbrochen, der Vater starb, die Mutter blieb in Not zurück, und der kleine Chajim Nachman kam zum Großvater ans andere Ende von Shitomir. Der Großvater, so beschrieb ihn Bialik später in seinem ausführlichen autobiographischen Brief, „war alt und satt von Jahren, er lebte, um Thora zu lernen, und ich war ein wildes Kind, eine Waise, mutwillig und unbändig, und natürlich kam es selten vor, daß wir beide miteinander zufrieden waren. Die Lehrer, in deren Hände der. Großvater mich gab, walteten wirklich mit den Händen, mit festen Händen ihres Amtes und verbitterten mir das Leben. Ich kletterte auf einfe Telegraphenstange — Schläge! Ich schlidderte übers Eis — Hiebei Ich krähte nachts auf dem Dach wie ein Hahn — Prügel, Ohrfeigen, Backpfeifen! Und doch waren alle Lehrer zufrieden und liefen „Reb Mosches Enkelkind“ geradezu nach, denn wie im Allotriatreiben war es auch im Lernen scharf und fähig, wirklich unbändig . . .“ Als die Verwandten merkten, daß weder der Großvater noch die Lehrer mit dem kleinen Bialik fertig wurden, veranstalteten sie ein „öffentliches Strafgericht“ und verabfolgten ihm vor vielen Zuschauern eine Portion Prügel. „Ich hatte einen Onkel, der etwas blöde war; als er meine Niederlage und Niedergeschlagenheit entdeckte, sperrte er midi in ein enges, stinkendes Loch und schlug mich mit einer Rute, schlug und lachte, schlug und lachte . . . Und ich — vor Scham verbiß ich mir den Zorn und erzählte keinem Menschen davon. Feindschaft und Haß verbrühten meine Seele und entzündeten mein kleines Herz. Wenn ich einmal groß bin, tröstete ich mich, werde ich mich rächen. Und mit um so größerer Waghalsigkeit vollführte ich allerhand Streiche, all meinen gutherzigen „Wohltätern“ zum Trotz und Aerger. Tief im Herzen wußte ich, daß sie nur aus Sucht und Mißgunst so zu mir waren, die Verwandten. Es verdroß sie, da ich im Lernen und an Fähigkeiten höher stand als ihre Kinder, daß alle immer von mir redeten, während ihre Kinder dumpfe und verstopfte Köpfe hatten, und darum mühten sie sich, mich beim Großvater schlecht zu machen, und redeten alles Böse über mich. Der Großvater fühlte es schließlich und nahm sich vor ihren Zwischenträgereien in Acht. Und einmal, als sich in mir viel Wut und Zorn angesammelt hatte, verkroch ich mich in einen Winkel und saß so und weinte, fletschte meine kleinen Zähne und schluchzte. Ich erinnerte mich meiner Mutter, die weit von mir war, ich erinnerte mich, daß ich ein Waisenkind war, und ich dachte an das stille Dorf, an den Sonnenuntergang dort, und mein Herz wurde noch beklommener, und ich weinte viel und lange, und je mehr ich weinte, desto lieber und süßer wurde mir mein Weinen, bis ich endlich von diesem Weinen in ein anderes, wirkliches Geweine kam, in ein Weinen um des Weinens willen. Und darüber wurde ich allmählich aufgeräumter, begann nachzudenken und mich mit anderem zu beschäftigen. Von meinem Versteck aus sah ich mich um, und alles sah nun neu aus in meinen Landjugend- und Erholungsheim Wilhelminenhöhe Fof. Sommerfeld Augen, alles zeigte sich in neuem Licht und neuen Farben, ganz, anders, als es bisher ausgesehen hatte. So pflegte ich ganze' Stunden zu sitzen, zu sitzen und zu gucken, mich zu grämen und vor Gram zu schweigen. Und eine Minute danach riß ich mich plötzlich aus meinen Traumgesichten, sprang fort aus meinem Versteck und, eins, zwei, drei, kletterte ich hoch und setzte mich oben auf den Schornstein oder gar auf eine Telegraphenstange, und alle bewunderten meine „Kraft“, und alle meine Kameraden bekamen großen Respekt vor mir . . .“ Und viel später noch, als aus dem ausgelassenen Jungen beinahe ein „deutscher“ Rabbiner, ein weltlich gebildeter mit dem Doktortitel geworden wäre, und als tatsächlich nach mancherlei Kampf-, Wan der- und Notjahren ein berühmter hebräischer Schriftsteller aus ihm geworden war, konnte er die wilde Wehmut dieser Kindheitsstimmungen nicht vergessen, mit denen er dann ins Freie floh, auf den „hohen" Berg: Auf dem hohen Berg, auf dem grünen Gras . •'v-*' habe ich als Kind stumm verträumt mein Glück. Was ist es gewesen? Weiß es selber nicht. Weiß ja nur, es kommt niemals mehr zurück.