Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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rangen karr vor der Ernte vernichtet, unentbehrliche Verkehrsmittel und -wege sinnlos lahmgeiegt, Menschen bestialisch getötet worden. Und all dies richtet sich sowohl gegen die Juden wie gegen England; dafi unter den Opfern der heimtückischen Attentate der Jerusalemer stellvertretende Polizeikommandant Allan Sigrist sich befand, ist weithin warnendes Symbol genug! Der „man on the Street“ in England versteht nicht, daß aus dem englischen Befreier der Araber nun ein „Erbfeind“ geworden sein soll, aber noch weniger versteht er, daß ein Volk, das er für ritterlich hielt und dem nicht zuletzt deshalb seine Sympathien galten, solche Methoden wählt. Diese Art ist es, die England unnachgiebig machen wird. Deshalb verstehen hier alle Menschen den Wunsch der Juden, selbst in die polizeilichen Schutzkräfte eingereiht werden zu wollen und ihr mühsam Erbautes und Erarbeitetes selber zu verteidigen. Deswegen begrüßt man es in der englischen Oeffentlichkeit, daß der neue Kolonialminister Ormsby-Gore im Unterhause erklärt hat, es gibt kein Weichen vor der Gewalt, und auch damit stimmt man überein, daß Lord Winterton im Hinblick auf die nach England gekommene, einstweilen wohl noch reichlich inoffizielle Kommission der Araber erklärt hat, vor Niederwerfung des Aufstandes gibt es kein Verhandeln! Freilich sollte diese Bemerkung auch nicht so verstanden werden, als wolle man schon jetzt für die Zeit nach der Niederwerfung des Aufstandes in sichere Aussicht stellen, daß Verhandlungen auf Kosten der jüdischen Interessen stattfinden. Im Gegenteil: der neue Kolonialminister hat ja ausdrücklich erklärt, die einzusetzende Königliche Kommission werde die Beschwerden der Araber und der Juden prüfen. In diesem Zusammenhänge ist es also gut, daß Dr. Weizmann gerade jetzt an den Brief erinnert hat, den ihm im Jahre 1919 der damalige Emir Feissal Ihn Hussein geschrieben hat und aus dem hervorgeht, daß zumindest damals die Araber Palästina außerhalb ihres nationalen Systems belassen und als „Vettern des jüdischen Volkes“ das zionistische Aufbauwerk unterstützen wollten. Wenn die jetzige Erhebung etwas gelehrt hat, so dies: es ist noch nicht genügend europäischer Geist in diesem Lande Wirklichkeit geworden; die weitere Ausgabe von Zertifikaten — mitten während der Unruhen — ist ein Symbol dafür, daß die Forderung der arabischen Nationalisten nach Eiinstellung der jüdischen Einwanderung auch nach Beendigung des Aufstandes niemals auch nur diskutiert, sondern die Balfour-Deklaration in allen ihren Teilen uneingeschränkt durchgeführt werden wird. Jugendwandern und Jugendheime Von Dr. Bruno Sommerfeld, Geschäftsführer des Reichsausschusses der jüdischen Jugend verbände. L Die Jugendbewegung hat ihre stärkste menschenbildende Kraft durch die Einführung einfacher, natürlicher Lebensformen entfalteL Die städtische Verfeinerung der Lebensgewohnheiten und Sitten, die aus derben Buben und Mädeln verwöhnte junge Herren und Damen machte, rief den Protest aller wahrhaft Jungen wach. Die Iebensreformerische Losung der Jugendbewegung: Los von der Stadt, zurück zur Natur! hat eine ungeahnte Anziehungskraft auf weiteste Kreise der Jugend ausgeübt. Für den jungen jüdischen Menschen brachte die überhandnehmende städtische Zivilisierung besondere Gefahren mit sich. Dadurch wurde der Vorgang, den man schlagwortartig mit „Entwurzlung“ bezeichnet, — die gefährlich einseitige Ueberzüchtung des Intellekts auf Kosten der natürlichen Lebenskräfte, — stark gefördert. Kein Wunder also, daß die jüdischen Jugendlichen die Losung der mächtig anwachsenden deutschen Jugendbewegung schon vor dem Kriege begeistert auf nahmen. Der erste jüdische Wanderbund, „Blauweiß“, wandte sich mit einem feurigen Aufruf an die jüdischen Jungen und Mädchen: „An die jüdische Jugend wenden wir uns. An alles, was stark und froh und ehrlich an ihr ist! An jeden, der den Zwang der Stadt und die Freude an unechtem Genuß eintauschen will gegen ein freieres und schöneres Leben. Entarten muß das Geschlecht, das den Zusammenhang mit der Natur verlor. Die Jugend muß verkümmern, die der Lust an Sang und Spiel vergaß! Allzu lange waren wir Sklaven der Großstadt, ließen uns die Augen trüben vom Staub der Straße. Kraft und Freiheit birgt der grüne Wald und das weite Land. Wer fürchtet unter Euch die Mühe des Marsches? Wer von Euch ist verwöhnt genug, ein selbstgekochtes Mahl zn meiden, wer ist zu fein, in Heu und Stroh zu schlafen? Wer fröhlichen Entschluß für dumpfes Grübeln tauscht, wer Puts und Tand und dummes Vomehmtun der Lust der Fahrten vorsieht, der meide unseren Kreis. In jüdischer Gemeinschaft wandern wir. Nur in jüdischer Gemeinschaft gedeiht Liebe zum Judentum. Der Stolz auf unsere Art befestigt unsere Freundschaft In ehrlicher Selbsterziehung ais jüdische Menschen wertvoll zu werden, ist unser Ziel.“ So hieß die Begründung für das Jugendwandern im Jahre 1912, so gilt sie noch heute. Die klassischen Erziehungsmittel der Jugendbewegung sind Fahrt pd Heim. Heute sind die Fahrten im Kreise gleichgesinnter Kameraden und das Leben und Lernen in Lager und Heim für den jüdischen jungen Menschen noch viel wichtiger geworden. Liegt doch hierin der geistig-seelische Ausgleich gegen die Isolierung, in der sich der Jude heute befindet. Das Elternhaus schafft unter den gegenwärtigen Lebensverhältnissen nur in seltenen Fällen die Atmosphäre, die dem jungen Menschen in der Entwicklung das nötige Selbstvertrauen und die Zuversicht wieder gibt. In den vier Wänden des Familienheims ertönen fast täglich die gleichen Klagen und die zermürbenden Tischgespräche der Eltern mit dem quälenden Ergebnis der Rat- und Auswegslosigkeit. Die steten nervlichen Belastungsproben machen den jüdischen Jugendlichen oft mürrisch, verdrossen und unzugänglich, während derselbe Mensch im Jugendbund offen, heiter und zuversichtlich wird. Der Bund spannt den Jungen oder das Mädchen auf der Fahrt oder im Heim in einen völlig neuen Lebensrhythmus ein. Hier begnügt man sich nicht mit dem .Lamentieren und dem Analysieren, hier wird gemeinschaftlich gearbeitet und ge-, lebt Die reinsten Ausdrucksformen des jugendgemäßen Gemeinschaftslebens aber sind und bleiben die Fahrten und Heime. _ n. In Deutschland ist schon frühzeitig die erzieherische Bedeutung des Jugendwandems erkannt und durch den Ausbau eines unübertrefflichen Jugendherbergsnetzes stark gefördert worden. Die jüdischen Jugendwanderer sind im Jahr 1933 von der Benutzung der deutschen Jugendherbergen ausgeschlossen worden. So stand der Reichsaus- Blick In die Welte ... **■ Sommerfeld njr *■:: 3