Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Andern“, ging es unter: das an Samuel gestellte Verlangen nach einem weltlichen König war Abfall vom Bunde; „nur Gott soll euer König sein“ hatte Samuel gesagt, und nach kurzem Aufstieg folgte Reichsteilung (Israel und Juda), moralischer Verfall, Untergang. Nach der Rückkehr aus Babylon hatte Serubabel den neuen Staat wiederum als Gotteskönigtum („Theokratie“ lautet der wissenschaftliche Ausdruck) errichtet, Esra und Nehemia hatten sein Werk reorganisiert und dauerhaft gemacht; als aber die Nachfolger der Makkabäer sich zu Königen weltlicher Art gemacht hatten, kam sofort auch der moralische Verfall und der Untergang durch Rom. Dann lebten die Juden zweitausend Jahre in der Galuth, ihr überall vorhandenes, schon in Babel gegründetes Zentrum war die Kehillah Kedoschah, die „Heilige Gemeinde“. Gleich den alten Gottesstaaten vor Samuel und nach Serubabel paßten auch sie nicht in die Welt, das zweitausendjährige Wanderschicksal unter dem flüchtigen Zelt der Gemeinden zeigt, daß die Juden nie zur Ruhe kamen. Dennoch gingen sie nicht unter; der Versuch aber, zur Ruhe zu gelangen, indem sie wurden „wie die Andern“, mißlang. Judesein ist — in allen Jahrtausenden — gleichbedeutend gewesen mit: in der Absonderung, in der Minderheit sein. Minderheit aber hat keine Macht; will sie ihr Recht erkämpfen, so kann sie es nur durch Hinweis auf das Recht. Nicht etwa aus besserer Einsicht — woher sollte die uns kommen, da wir doch sündig sind wie alle Menschen? — sondern aus der Not der jüdischen Gesamtheit kommt dies, daß wir immer zurückgreifen auf die göttlichen Gebote der Gerechtigkeit und Menschenliebe, wie sie in unserer Bibel geoffenbart sind. Und selbst im Heiligen Lande, das lehrten die letzten Wochen, ist die Berufung auf das Recht unser letzter, unser einziger Einsatz. So werden wir auf eine tief geheimnisvolle, aber doch realhistorische Art zur „Heiligen Gemeinschaft“. Nicht so also, als ob wir einzelnen Juden heilig wären . . . solch lächerliche Ueberheblichkeit war nie der Sinn jüdischer Erwählungslehre, und ganz allein Koracb, der Empörer, hat das Wort gesprochen: „Die ganze Gemeinde sind lauter Heilige.“ Ein empörendes, strafwürdiges Wort, das auch gestraft wurde. Was es mit der Heiligkeit Israels in Wahrheit auf sich hat, das lehrt uns der Segen Bileams, den wir am Anfang dieses Monats in unseren Gottesdiensten lesen: „Balak sprach zu Bileam: Komme doch mit mir an einen andern Ort, von wo aus du das Volk sehen wirst. Jedoch nur einen Teil von ihm wirst du sehen, aber das Ganze wirst du nicht sehen; verwünsche es mir von dort aus“ (IV. B. Mose 23, 13). Bileam aber ging an eine Stelle, von der aus er das ganze Israel überschaute, „lagernd nach seinen Stämmen“ (24,2), und — mögen die Teile, die Einzelnen, vielfach unzulänglich sein — an Ganz-Israel ergeht Bileams zweiter Ruf (23,20—21): „Zu segnen habe ich Befehl; denn ER hat gesegnet, und ich kann es nicht wenden. Man schauet nichts Verwerfliches in Jakob und nichts Böses in IsraeJ.“ Eine religiöse Schwärmerei? WTir meinen: Nein; eine historische Realität. Leid und Segen der Abgesonderten, der Wenigen; sie ziehen Argwohn, Feindschaft und Not auf sich; wer Not leidet, wird für sein Recht eintreten, und Recht kommt immer von Gott. So wird Israel — unabhängig von der allmenschlichen Unzulänglichkeit der Einzelnen unter uns — zum Verkünder *der Gotteslehre. Diese Erkenntnis löst gewiß nicht unsere praktischen Nöte. Aber es macht uns der Zukunft gewiß. Unsere Tagessorgen erfordern unsere ganze Arbeit; die gleicherweise religiöse wie geschichtliche Erkenntnis aber gibt uns die Gewißheit, daß diese Arbeit gelingt. „Vom Gipfel des Felsens und von den Hügeln herab“ schauen wir Ganz-Israel auf seinem Gang durch die Geschichte, überblicken dieses ganze, durch ein einzigartiges Schicksal von allen Völkern abgesonderte Volk, seine ihm von Gott gesetzte Funktion des „Heilig-Seins“, des „Gezwungenseins, für Gott zu wirken“, seine durch diesen göttlichen Auftrag gewährleistete Unsterblichkeit, an der auch wir teilhaben — und getröstet, gekräftigt vernehmen wir nun und stimmen selber mit ein in Bileams dritten Segensruf: „Wie schön sind deine Zelte, Jaakob, deine Wohnungen, Israel!“ Londoner Palästina-Brief Von Charles Sander, London. Dasjenige an den jetzigen Palästina-Unruhen, was auch den politisch Uninteressierteren allmählich zum Nachdenken bringt, ist ihre lange Dauer. Als am 18. April am Piccadilly Circus und vor dem Marble Arch die Abendblätter verteilt wurden, die die ersten Meldungen über die Aufstandbewegung enthielten, da blickte der „man ön the Street“ auf dennächstbesten „Bobby“, der mit sicherem Auge und sicherer Hand den Londoner Verkehr regelte, und wenn es auch jedem Engländer geläufig ist, daß unsere Kolonialpolizei andere Uniformen trägt, so wuSte man doch von der inneren Verwandtschaft aller derer, denen im British Empire die Aufrechterhaltung der Ordnung obliegt. Diese Ueberzeugung hat auch heute noch jedermann, und erst die Tatsache, daß trotzdem die Unruhen nun schon bis in den dritten Monat hinein dauern, hat in vielen die Erkenntnis hervorgerufen, daß es sich bei den Vorgängen in Palästina um Dinge von der allergrößten Bedeutung handelt. Heute denkt jeder wieder daran, daß Palästina ein unentbehrliches Glied in der Verbindungskette England—Indien ist, und angesichts der Ereignisse um Abessinien, der Entwicklung in Aegypten, der nicht mehr ungefährdeten Lage des Suezi Kanals betrachtet man die Palästinafrage heute wieder mehr als je zuvor als eine reine Angelegenheit der Empire-Politik, und zwar als eine von durchaus erstem Rang. Die englische Presse aller Richtungen hat zu dem Palästina-Problem Stellung genommen, teils in sehr einseitiger Parteinahme für die Araber, zum größeren (und wertvolleren!) Teile aber in objektiver Würdigung der verbrieften Rechte der Juden. Alle diese Presse-Erörterungen und vor allem auch die letzte große Unterhaus-Debatte ist von der englischen Oeffentlichkeit mit leidenschaftlichem Interesse verfolgt worden. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß bei allen diesen Palästina-Debatten die Juden Englands keinen Zwiespalt und keinen Konflikt kennen. Sie sind mit ungeteiltem Herzen Briten und Juden, und sie haben das befriedigende Bewußtsein, daß sie auch als Juden keine Wünsche haben, die nicht mit den Interessen des Britischen Reiches im vollen Einklang wären; und sie haben weiter das befriedigende Gefühl, daß sie auch als Juden von der Regierung ihres Staates keine andere Politik wünschen als die des Rechtes. Die Unaufkündbarkeit der von England mit der Balfour-Deklaration eingegangenen Verpflichtung ist von allen englischen Stellen jüngst wieder feierlich anerkannt worden, und durch ihre Erfüllung geschieht den Arabern keinerlei Unrecht. Es mag sein, daß es in der Politik keine Dankbarkeit gibt; obwohl man auch Beispiele für das Gegenteil aufweisen kann. Wenn gerade jetzt in der Unterhaus-Debatte am 21. Juni der Abgeordnete Commander Oliver Locker- Lampson daran erinnert hat, daß „ein jüdischer Träumer, Disraeli, die Bedeutung des Suez-Kanals für das Britische Weltreich erkannt und von den jüdischen Rothschilds das Geld dazu bekommen hat, um die Interessen an diesem Kanal für England zu erwerben“, so sind diese Bemerkungen wahrlich mehr als nur. Sentimentalitäten. Wenn aber in derselben Unterhaus-Debatte Lloyd George daran erinnerte, daß die Araber keinen Grund haben, sich über England zu beklagen, da es Englands Waffen waren, die den früher überall unterdrückten Volksstamm der Araber in Transjordanien, in Mesopotamien und, last not least, in Arabien selbst befreit und unabhängig gemacht haben, so weiß man nicht,, .ob solch ein berechtigter Appell an die Dankbarkeit der Araber fruchten wird. Aus den Unruhen am Anfang ist ein Streik, aus dem Streik ein empörender, hinterhältiger Bändenkrieg geworden. Liebevoll angepflanzte Baumbestände, aus denen — zugungsten des allen Bewohnern Palästinas gemeinsamen Landes — noch erst Wälder werden sollten, sind zerstört^ mühsam angelegte Frucht-, Gemüse^' und andere Pflan- 2