Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-06-01 · 6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021695--395-3981129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Anforderungen machen, die sie mit sich bringen. Dabei wollen wir von dem Seelischen ganz schweigen — mag sich jeder selbst ausmalen, was es bedeutet, Haus und Hof oder sonstige Stätten jahrelanger Arbeit verlassen zu müssen und, sei’s auch nur in die Nachbarstadt, so doch ins Ungewisse ziehen zu müssen; ich habe das 1914 in Ostpreußen als Kind miterlebt und hätte nimmer gedacht, daß ich es hier nach so vielen Jahren noch einmal sehen müßte: es sind etwa 6000 Menschen aus Jaffa hierhergekommen, die nicht wieder zurück können und für die nun hier sofort Heime geschaffen werden sollen; ein 25 000-Pfund-Fonds für diesen Zweck ist von unserm Bürgermeister Dizengoff ins Leben gerufen worden. Unterkunft und Lebensunterhalt muß auch für die durch die Brandstiftungen und durch Zerstörungen in den Kolonien obdach- und erwerbslos Gewordenen geschaffen werden; der Streik und die teilweise Verkehrsunterbindung wirken sich in gleicher Richtung aus, und in Jerusalem besteht noch das besondere Problem der in der Altstadt wohnenden 5000 Juden, die auf Grund einer von der Agudat Jisrael beim Distriktskommissar Campbell gestellten Forderung schnellstens in jüdische Stadtviertel übersiedelt werden sollen. Und ferner: wer entschädigt, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen, die Mitglieder des Kibbuz Tel-Amal (in der Nähe von Beth Alpha), deren gesamter Gemüse-, Getreide- und Zitrus-Anbau von arabischen Terroristen niedergebrannt wurde, oder die 15 Familien aus Deutschland, deren Uebersiedlungsgut in den Eisenbahnwaggons in Jaffa in Flammen aufging? Damit sind wir bei dem zweiten Teil der Arbeit, die unser harrt. Es ist beklagenswert genug, daß es erst dieser Unruhen bedurfte, um die englische Regierung von der Ungesundheit eines Zustandes zu überzeugen, auf die sie von jüdischer Seite oft genug hingewiesen wurde: die Abhängigkeit der jüdischen Stadt Tel-Awiw von Jaffa und sogar auch von Haifa. Die Kaufleute hier haben oft genug erklärt, daß die Stadt und ihr Warenumsatz groß genug sind, um den Anspruch auf eigene Regierungsämter zu rechtfertigen, anstatt daß man wie bisher bei fast allen Zoll- und Verwaltungsangelegenheiten immer erst „verreisen“ muß. Das gleiche gilt in noch stärkerem Maße von der Hafen-Frage. Tel-Awiw ist jetzt mit seinen 150 000 Einwohnern die größte Stadt des Landes; wenn sich die heute in der Stadt verbreitete Nachricht bestätigt, daß die Regierung die Errichtung eines Wellenbrechers in Tel-Awiw genehmigt hat, so ist darin der Anfang des seit langem geforderten eigenen Hafens von Tel-Awiw zu erblicken. Das ist nicht nur für unsere Stadt allein ein ungeheurer Fortschritt, sondern es bedeutet eine Lebensfrage zugleich tür die gesamte jüdische Bevölkerung und auch für die zukünftige Einwanderung, denn mit der wachsenden Unabhängigkeit unserer Stadt würde auch der übrige Jischuw selbständiger. So ist es also deutlich geworden, in welcher Richtung alle jüdische Arbeit und alle unsere Bemühungen in der nächsten Zeit sich zu bewegen haben. Diese Verselbständigung der jüdischen Position ist schließlich auch noch in einem weitergehenden Sinne unsere Zukunftsaufgabe. In Zeiten der Ruhe ist nichts dagegen zu sagen, daß England als Mandatar die neutrale Instanz darstellt, die zwischen den einzelnen nationalen Gruppen des Landes und ihren Interessen den Ausgleich schafft. Die Krisenzeit hat aber gezeigt, daß wir Juden selbst zu einer aktiven Araber-Politik gelangen müssen. Denn so sehr wir die korrekte und in jeder Beziehung einwandfreie Haltung der Mandatarmacht anerkennen, die sich durch keinerlei Drohung und Terror irgendwelche Zugeständnisse abnötigen läßt, so wenig ist es doch mit unserer Position vereinbar, daß wir die Gestaltung unseres Verhältnisses zur arabischen Mitbewohnerschaft des Landes auf die Dauer stets nur einem Dritten überlassen. Wir möchten es gerade jetzt nicht erleben, daß die Engländer, und seien es auch nur untergeordnete Stellen, das Empfinden haben, durch den jüdischen Palästina-Aufbau seien die ohnehin überall bestehenden Schwierigkeiten des British Empire noch vermehrt. Dies ist es aber gerade, worauf das Treiben der arabischen Nationalisten hinzielt. In der Presse der Golah und auch in Briefen aus Europa und Amerika kann man jetzt oft lesen, „Vorgänge wie die von 1929 und 1936 würden sich in einem Lande wie Palästina leider von Zeit zu Zeit immer wiederholen“. Das soll ein Zuspruch sein, ist aber keiner, denn es ist die Rede gänzlich Unkundiger. Die Ereignisse von 1929 lassen sich mit den heutigen nicht vergleichen; denn heute sind es nicht die Einzelereignisse, auf die es ankommt. Gewiß: das Blut jedes Getöteten schreit zu Gott, und das Leben aller nun auch im altneuen Lande Entwurzelten fordert unsere ganze Hilfe. Aber die für Zukunft und Gesamtheit wesentlichen Entscheidungen fallen auf dem Gebiete der Politik. Der Steuerstreik ist ein Coup de thäatre, denn es gibt hier kaum direkte Steuern, vor allem keine Einkommensteuer, und die bekannte Ertragssteuer wird meistens erlassen. Der Haupteinnahmeposten des Fiskus sind -y mit 40 */• — die Zölle; und auch alle anderen Einnahmen stammen aus Abgaben. Und was den Streik anlangt, so haben arabische Kaufleute in Jaffa und in Jerusalem seine Einstellung gefordert; zahlreiche Existenzen von Arabern sind — infolge der Verflechtung der arabischen und jüdischen Wirtschaft — bereits ruiniert. Aber alle Streik- und Sabotage-Akte sind zuletzt Politik: wenn England die jüdische Einwanderung unterbindet, dann würde man wieder loyal sein. Das ist eine Sprache, in der England nicht mit sich reden läßt, und die Antwort hat es schon erteilt. Dennoch ist es Zeit, daß die Juden an diesem Gespräch teilnehmen. Denn: die Araber meinen die Juden, aber siewenden sich an England; einzelne Brand-, Mord- und Terror-Akte richten sich gegen Juden, der organisierte Streik und alle Gesamtaktionen werden gegen England unternommen . . . wegen seiner angeblichen einseitigen Parteinahme für die Juden. Angesichts eines solchen Tatbestandes in weltgeschichtlich bewegter Zeit ist uns Juden der Weg klar vorgezeichnet: Wiederherstellung, Weiterbau, größtmögliche Verselbständigung und die Schaffung einer eigenen, ebenso aktiven wie friedlichen Araber- Politik. Denn so, wie wir mit unsern Händen unsere alte Erde bauen, so wollen wir auch bei der Gestaltung des Landes nicht nur Beschützer sein, sondern uns unsere Zukunft selbst erarbeiten. Jugend -Alijah Von Frieda Mehle r. Man hat Kinder, und wenn sie groß sind, lassen sie uns allein — Mutterschicksal. Sie gehen von uns, sie tun, wie wir es taten und lassen uns einsam — Frauenschicksal. Aber das ist das Große an uns Müttern von heute, daß wir selbst sie von uns schicken in das Land, das sich ihnen gastlich auftut, sie von uns schicken in einer Zeit, wo sie unserer noch bedürften. Ich habe meine beiden Söhne hineingestellt in den Kreis der Jugend- Ali ja, habe schon, ehe sie gingen, die Bande gelockert, die sie an mich fesselten, damit sie um so fester sich einfügen konnten in den Kreis, in dem sie fortan leben sollten. Mein Haus ist leer geworden, ganz leer. Gestern sind sie fortgezogen mit den anderen, und ich habe sie gehen lassen mit einem Scherz auf den Lippen und einem Lächeln. Daß ein Lächeln manchmal so schwer sein kann, so schwer wiegen, viel, viel schwerer als Tränen. Der Kleine strahlte, er ahnte nichts von der Schwere der Trennung, er sah nur das Ferne, das Lockende, sah die Kameraden, den Führer, sah das Ideal der Siedlung im fremden Land, das ihm doch schon „Erez Israel“, nichts Fremdes mehr, das ihm sein Land war. Der Größere legte einen Augenblick seinen Arm um mich: „Du kommst uns bald nach, Mutter, bald.“ Und dann bin ich heimgegangen in das leere Haus, in dem ich nun ganz allein war. Und eine Vergangenheit ist wieder da und hüllt mich ein in die ganze Wärme ehemaligen Erlebens. Ich habe die Kinder noch in meinem Herzen, alles wird wieder lebendig. Von dem Tage an, da ihr erster Schrei protestierte gegen dieses Leben, in das sie ohne ihren Willen hineingestellt wurden, von ihrem ersten Lächeln, ihren ersten Versuchen, aufrecht den Weg in die unbekannte Welt der Zimmer zu finden. Ich höre wieder ein helles Stimmchen stolz sagen: „da tetel“_da steht er. Und dann fangen die Jahre an zu rollen, schneller und schneller von einem Tag zum anderen «Gut 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.