Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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bringungsmöglichkeit nach, die besten Auswanderer. In fast allen überseeischen Ländern, insbesondere in so aussichtsreichen Gebieten wie Südafrika, Brasilien und Argentinien, finden gut ausgebildete Handwerker fast immer schnell ihr Brot und teilweise sogar eine mehr als auskömmliche Existenz. Zu den gesuchtesten Handwerkern gehören im allgemeinen Elektrotechniker, Radio- Spezialisten, Klempner, Schlosser, Maurer, Dreher, Tischler usw. Im ganzen kann man jedenfalls die Handwerker als die beste Art von Auwanderern bezeichnen, zumal bei ihnen die Unterbringung meist rasch und ohne ein erheblicheres Anlaufskapital möglich ist. Etwas anders steht es um die Landwirte. Kolonisa-' tion, d. h. landwirtschaftliche Ansiedlung von Menschen, kostet immer viel Geld und ist daher bei der Beschränktheit der verfügbaren Mittel für deutsche Juden zur Zeit nur in sehr geringem Umfang möglich. Wenn eine große ausländische Organisation wie die ICA (Jewish Colonisation Association) trotz ihrer sehr erheblichen Mittel bisher nur einige Dutzend jüdischer Familien aus Deutschland in Argentinien angesiedelt hat und jetzt erfreulicherweise mehrere weitere Dutzend Familien und junger Menschen zu übernehmen im Begriff ist, so zeigt dies, mit welchen Kosten und welcher Problematik (die hier kaum angedeutet werden kann) die landwirtschaftliche Ansiedlung verbunden ist. Die Zahl der an sich für eine Kolonisation in Frage kommenden deutschen Juden wird man nicht unterschätzen dürfen, da besonders im Bezirk Hessen-Nassau, aber auch im Rheinland, in Oldenburg und anderen Gegenden mehrere tausend Familien vorhanden sind, die mit landwirtschaftlichen Arbeiten mehr oder weniger vertraut sind und deren augenblickliche Lage überaus ernst ist. Leider entspricht, vor allem eben wegen der hohen Kosten jeder landwirtschaftlichen Ansiedlung, die tatsächliche Auswanderungsmöglichkeit dieser Menschen nicht im entferntesten ihrem Auswanderungsdrange. Für junge, sehr robuste Landwirte besteht aber wenigstens die Möglichkeit, zunächst als Landarbeiter auszuwandern, an denen insbesondere in Staaten wie Brasilien schon jetzt Mangel herrscht. Doch ist dies ein sehr schwerer Weg. Eine ganz eigenartige Kategorie von Auswanderern, bei der die Unterbringung im Auslande leicht, die Auswanderung selbst aber meist recht schwierig ist, bilden die Frauen. Die Lage ist heute so, daß in fast allen überseeischen Ländern Frauen verhältnismäßig schnell Arbeit finden, und zwar oft zu recht günstigen Bedingungen; daß aber außerdem in jenen Ländern ein solcher Ueberschuß an Männern, bzw. Frauenmangel herrscht, daß auch die Heiratsaussichten für einwandernde Jüdinnen ungewöhnlich günstig sind. Vom volkspolitischen Standpunkt aus bedarf vor allem dieses letztere Moment sorgfältiger Beachtung, da es auf der Hand liegt, daß der Frauenmangel der jüdischen Auswanderer in großem Umfang zur Mischehe und damit zum Verlust wertvoller Elemente führt. Leider stehen aber diesen günstigen Aussichten der Unterbringung (auf die eine oder andere Art) große Schwierigkeiten bei der Auswanderung selbst gegenüber. Es ist heute kaum möglich, eine alleinstehende Frau in ein südamerikanisches Land auswandern zu lassen, da die Regierungen dieser Staaten jeder derartigen Einwanderung mit größtem Mißtrauen (Proslitutionsverdacht) gegenüberstehen. Unter diesen Umständen erwächst hier der jüdischen Auswanderungspolitik die sehr ernste Aufgabe, Erleichterungen für die Auswanderung selbständiger Frauen durchzusetzen. Sehen wir von den Handwerkern, den Landwirten und den Frauen ab, so wird man im allgemeinen die Aussichten unserer Auswanderer als ziemlich ungünstig bezeichnen müssen. Dies gilt ganz besonders für Kaufleute und Akademiker, diesen beiden unter den deutschen Juden so stark verbreiteten Berufskategorien, an denen im Ausland fast nirgends Mangel ist. Selbstverständlich spielen aber persönliche Faktoren eine große Rolle, und zwar vor allem das Alter, das Vermögen und die Sprachkenntnisse des Auswanderers. Daß nur ein junger Mensch sich seelisch, körperlich und geistig den Anforderungen einer völligen Umstellung im neuen Lande schnell und leicht anpassen kann, liegt auf der Hand. Bezüglich des Vermögens ist zu sagen, daß besonders in Südamerika, wo die Valuta mancher Staaten sehr tief steht und das Leben fast überall billig ist, schon kleinere Kapitalien von wenigen tausend Mark einen gewaltigen Vorteil bilden. Mit die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg in Uebersee <aber bilden Sprachkenntnisse. Lernt englisch, spanisch, portugiesisch, wenn Ihr später einmal auswandern wollt, auch auf die Gefahr hin, daß Ihr mit englischen Kenntnissen in ein spanisches Land oder mit spanischen Kenntnissen in ein englisches kommt! Auch dort werden Euch Eure Kenntnisse nützen t Diese Mahnung kann gar nicht eindringlich genug erhoben werden. Die Auswanderung deutscher Juden verteilt sich heute auf über 40 Länder — eine Zerstreuung in höchster Potenz! Fast überall aber findet der Auswanderer bereits größere oder kleinere Kerne jüdischer Gemeinden vor, an die sich anzuschließen seine Ehrenpflicht sein sollte. Es ist kein Zweifel, daß in viele Einwanderungsländer unsere Menschen frische Impulse undeine wertvolle Bereicherung des jüdischen Lebens bringen könnten. Wer einen Ueberblick über die unendliche Vielfalt jüdischer Siedlungen im Ausland und die Gestaltung des jüdischen Lebens dort haben will, findet eine Fülle wertvoller Informationen in dem unlängst erschienenen Buch von Dr. Mark Wischnitzer „Die Juden in der Welt“ (Erich Reiß Verlag). Gerade dem künftigen jüdischen Auswanderer wird das Bewußtsein, unter welch mannigfachen und welch schwierigen Umständen jüdisches Leben sich erhält, ein Trost und eine Stärkung sein. Darüber hinaus aber wird er in diesem Buch auch für die Gestaltung seines eigenen Schicksals im Einwanderungslande Anregungen und Hinweise in reicher Zahl finden. Wochen der Sorge Von Dr. ing. Hans Schnirbiz, Tel-Awiw. Der von manchem so gefürchtete Tag, an dem das vom obersten arabischen Streikkomitee gestellte Ultimatum ablief, ist vorübergegangen, ohne daß der High Commissioner oder die englische Regierung auch nur um Haaresbreite den Forderungen des Komitees nachgegeben hätte; ja, wenige Tage vor dem kritischen Termin hat High Commissioner Sir Arthur Wauchope der Jewish Agency mitgeteilt, daß er den neuen Arbeiter-Einwanderungs- Schedule bewilligt. Diese beiden Tatsachen sind es, die hier als das stärkste Positivum der letzten bangen Wochen empfunden werden, sowohl im psychologischen als auch im realen Sinne. Denn diese Haltung Englands wird sich zweifellos als das entscheidende Ereignis bei der ganzen kommenden Entwicklung erweisen, und wenn auch in manchen Einzelheiten von jüdischer Seite an England Kritik geübt wird, so erkennt doch der gesamte Jischuw, daß England in den wirklich entscheidenden Dingen seiner Mandatspolitik zu keinerlei Zugeständnissen an die arabischen Nationalisten bereit ist und in dieser Haltung — trotz der höflichen- Sprache, die es den Aufrührerischen gegenüber führt — vor den äußersten Konsequenzen nicht zurückscheut; die Ueberführung englischer Truppen von Aegypten nach Palästina ist die unmißverständliche Gebärde, von der die Rede der Diplomatie begleitet wird. Und wenn auch wir Juden keinen heißeren Wunsch je gehabt haben und noch haben, als-in Frieden das Land zu— bauen, so müssen wir doch leider einen Teil der arabischen Bevölkerung in einem seelischen Zustand erblicken, der befürchten läßt, daß sie eine Sprache, die nicht, von militärischer Drohung begleitet wäre, nicht verstehen würden. Daß die Waffen der weißen Völker allen anderen überlegen sind, ist eine Erkenntnis, der sich gerade nach den Ereignissen der letzten Monate kein einziger Mensch hier im Vorderen Orient verschließt. Es wäre zu bedauern, wenn diese Art der Argumentation der Weisheit letzter Schluß bliebe; vor der Hand aber ist es Englands konsequente Haltung, die uns die Hoffnung auf Ueberwindung der jetzigen Krise gibt. Dieses Hoffen freilich kann kein untätiges Warten sein; die Krisenzeit hat uns neue Arbeit gegeben: auf kurze, auf längere und auf ganz lange Sicht Nur wer die Ereignisse hier an Ort und Stelle miterlebt, kann sich eine Vorstellung von den ungeheuren 3