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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-06-01 · 6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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kleine Ort in die große Gemeinde einverleibt, aber einstmals bestand zwischen diesen beiden Orten eine tragische Wechselwirkung jüdischer Geschichte. Wenn unsere Vorfahren durch Nöte gezwungen einen Ort verlassen mußten, so fanden sie in der Regel in dem anderen Aufnahme, denn hier regierte eine andere Gewalt. Wollte der Bischof die Juden nicht haben, so nahmen die Reichsritter sie auf. In dieser heute nun einsam gewordenen Synagoge stehen gewaltige Zeugen vergangener Geschichte, ein Almemor, der mit zu dem Schönsten gehört, was jüdische Kunst vergangener Jahrhunderte schuf. Hoch oben auf einer Höhe liegt die Synagoge einer anderen Stadt. Wer hier über viele Stufen hinaufsteigt, der wird nicht an das Wort des Psalmisten anknüpfen können: „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir empor.“ Und so mancher alte Mann, so manches Mütterchen muß zu seinem Leidwesen davon absehen, den gewohnten Gottesdienst noch aufzusuchen, weil das müderwerdende Herz den Weg nicht mehr schafft. Ich weiß nicht, warum man dort oben das Gotteshaus einmal gebaut hat, vielleicht, daß man schon dem Himmel ein wenig näher sein wollte. Nun aber ist es schön und freudig da oben, eine wirklich jüdische Betstätte ist entstanden. Es gibt aber auch Synagogen, in denen alles so stumm und kalt bleibt, in denen sich gewiß zur vorgeschriebenen Stunde des Gebetes die vorgeschriebene Anzahl von Männern zusammenfindet, aber man hat das Gefühl, daß sie gerade einer Pflicht genügen, daß ihnen der Raum nichts zu sagen hat. Woran das liegen mag? Steine allein vermögen es nicht! Die Kraft einer Gemeinde hängt von den Menschen ab, die sie leiten. In dem einen Orte ist es eben jemand, der unermüdlich immer wieder die Müden stützt, die Wankenden aufrichtet, der immer wieder unablässig arbeitet, jüdisch-religiöses Leben zu entfalten, der sich von keinem Mißerfolg entmutigen läßt, dem im Gegenteil alles, was nicht gleich wird, ein Antrieb ist, aufs neue vertieft zu arbeiten. Dann lebt die Gemeinde, auch wenn sie kleiner wird, manchmal um so intensiver. Aber wo diese Führung fehlt, da sieht es um jüdisches Leben mitunter betrübend aus. Nun, nicht jeder hat die. Gabe, auf andere zu wirken! Manchmal ist es auch nur ein Betsaal, eine Stube, die auch anderen Zwecken dienen muß, mit Liebe zu ihrem heiligen Zweck ausgestattet, ein wahrer Mittelpunkt einer kleinen Schar. Lange schon waltet hier kein Rabbiner, ja kein Lehrer mehr seines heiligen Amtes. Nur ein Vorsteher sieht es als seine Pflicht an, neben seinen Berufsgeschäften, seinem Daseinskampf, der auch nicht leicht ist, die Funktionen des Kultus zu erfüllen. Er sorgt dafür, daß an jedem Sabbath gebetet wird, und solange er seine guten Augen nicht schließen wird, wird das jüdische Leben bleiben. Gibt es schon innerhalb des aschkenasischen Teiles unseres Volkes kaum zwei Betstätten, die einander gleichen, vielleicht abgesehen von dem etwas normalisierten jüdischen Leben der Großgemeinden, wie gänzlich anders aber ist die Synagoge der Sephardim! Zunächst vielleicht, wenn wir unversehens eine sephardische Synagoge betreten, ist sie etwas fremdartig. Alles ist gemessen und feierlich. Es ist nicht so, wie wir es häufig in den Gotteshäusern Ostdeutschlands erlebt haben, wo jeder dann mit seinem Gotte redet, wenn ihm das Herz voll ist. Es ist so, wie wir es in dem feierlichen Stile eines Velasquez zu sehen gewohnt sind. Der Chacham steht weit entfernt von seiner Gemeinde. Feierlich wird er eingeholt. Für ihn öffnen sich die Flügeltüren, die sonst geschlossen sind. Wenn er betet, dann wird er von den Chasanim, den Vorbetern flankiert, und schwer und ernst tönen uns die Worte in sephardischer Aussprache entgegen, die wir sonst nur gewohnt sind, im Sprechen über Dinge des Alltages zu gebrauchen. Das Gebetbuch, das man uns in die Hand drückt, ist vor langen Jahrhunderten in einem fremden Lande gedruckt worden, in einer Zeit, als noch kirchliche Billigung dem Druckernamen hinzugefügt werden mußte. Durch wieviele Länder mag es gewandert sein, bis es hierher gekommen ist! Aber heiß und innig beten diese Menschen, die durch alle Veränderungen hindurch dieselben geblieben sind und die noch nach über einem halben Jahrtausend den Stolz und aufrechte Haltung, die ihnen einstmals ' auf der fernen Pyrenäenhalbinsel, in Spanien und Portugal eigen war, nicht verloren haben. Wenn sie das „Schma Jisrael“ sprechen, dann bedecken sie ehrfürchtig ihre Augen, als wollten sie sich ganz in sich selbst versenken. Welch gewaltiges und einigendes Band die hebräische Sprache, die Sprache des Gebets, nun auch wieder die Sprache des Lebens ist, merkt man erst, wenn man sich in einer Synagoge befindet, wo die Umgangssprache der Beter eine fremde ist. Gewiß, es gibt auch in unserer Gebetsordnung Abweichungen, aber im Grunde ist es doch der gleiche Kern, nach dem wir überall unsere Worte, unsere schwachen Worte, zu dem Ewigen emporsenden. Dies ist es, was uns überall heimisch werden läßt. Synagogen haben ihre Schicksale. Israel ist über die £rde gewandert und wandert weiter. Es baut sich neue Gotteshäuser und es verläßt andere. Die Steine bleiben. Die Rollen, auf die die Thora geschrieben ist, folgen uns und sorgen dafür, daß der Geist erhalten bleibt. Machen wir uns den Abschied von den alten Gotteshäusern nicht allzu schwer. Gewiß, die Steine haben ihre Ueberlieferung, und sie sprechen zu uns. Aber wichtiger als sie ist die Erhaltung des jüdischen Lebens, wo immer unser Schicksal, das in der Hand eines Stärkeren liegt, uns hinführt. Die besten Auswanderer Von Dr. Arthur Prinz. Es gibt heute in Deutschland wohl keine jüdische Familie, in der der Gedanke der Auswanderung nicht wenigstens erwogen würde. Ja, es gibt immer weniger Familien, die nicht bereits Angehörige im Ausland haben und danach streben, auch selbst recht bald die Auswanderung zu vollziehen. So ist die große Frage heute nicht mehr die, o b man auswandern soll, sondern in der Regel nur noch die, wer auswandern kann. Dreifach sind die Schwierigkeiten, denen sich die jüdische Auswanderung gegenübersieht. Die deutschen Devisengesetze machen selbst den begüterten Elementen, deren Zahl immer kleiner wird, die Mitnahme erheblicher Vermögenswerte bei der Auswanderung nahezu unmöglich. Andrerseits bestehen noch von der Weltwirtschaftskrise her in den meisten überseeischen Ländern — ganz zu schweigen von Europa — scharfe Einwanderungsbeschränkungen, die den Zuzug vermögensloser Elemente außerordentlich erschweren. Durch das Zusammenwirken dieser beiden Faktbren — der deutschen Devisengesetze und der überseeischen Einwanderungsbestimnumgen — wird der überwiegende Teil der deutschen Juden vorläufig an der Auswanderung gehindert. Fast aussichtslos aber wird die Lage des Auswanderungswilligen erst dann, wenn noch ein drittes hinderndes Moment hinzutritt: nämlich eine ungünstige Berufszugehörigkeit. Ob jemand auswanderungsfähig ist oder nicht, hängt heute vor allem von seinem Beruf ab. Die allgemeinen Merkmale sind in dieser Hinsicht ziemlich einfach: Handwerker, Landwirte und selbstarbeitende Frauen sind, der Unter- 2

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