Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-05-01 · 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-05-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021694--378-3981113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

regelmäßig auch soziale Probleme in den Predigten erörtert werden, da dies zur Aufgabe einer Religionsgemeinschaft gehöre. Die Personalchronik des vergangenen Monats meldet einen Trauerfall nnd ein Jubiläum. Gestorben ist der Nobelpreisträger Professor Barany, der auf dem Gebiet der Ohrenheilkunde Weltruf genoß und seit 1917 an der Universität Upsala wirkte; der Gelehrte ist nur 60 Jahre alt geworden, und sein Tod wird in der gesamten wissenschaftlichen Welt tief beklagt. — Große Anteilnahme fand seitens der jüdischen Körperschaften aller Länder der 60. Geburtstag des europäischen Direktors des American Joint Distribution Committee Dr. Bernhard Kahn. Der Jubilar ist einer der hervorragendsten jüdischen Sozialpolitiker Europas und steht seit Jahrzehnten an führender Stelle der gesamtjüdischen Hilfsarbeit. Gegenwärtig lebt er in Paris und ist in hervorragender Weise auch an dem Hilfswerk für die Juden in Deutschland beteiligt. Es soll deshalb %uch hier dankbar ausgesprochen werden, daß die Juden Deutschlands in ihm einen Helfer erblicken, dem sie noch lange Jahre gesegneten Wirkens wünschen. Vielleicht ist es statthaft, die Reihe der zu registrierenden Ereignisse dieses Mal mit einer Sache abzuschließen, die eigentlich gar kein „Ereignis“ ist: mit einer Charakterisierung der Peßachfeiern in aller Welt. In Deutschland war die Anteilnahme größer als je zuvor. Der Appell, den der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden sowie die anderen Landesverbände an die Gemeinden gerichtet hatten, daß nämlich jedem Juden in Stadt und Land die Teilnahme an einem Sederabend ermöglicht werden müsse, ist weitgehend befolgt worden. Aus allen Groß-, Mittel- und Kleingemeinden liegen Berichte über gemeinschaftliche Sederfeiem vor, und es zeigt sich, daß zwar einerseits die Abwanderung viele Lücken in die Reihen der Festteilnehmer gebrochen hat, daß aber andererseits auch zahllose Menschen, die in früheren Jahren jüdische Feiern nicht gekannt hatten, jetzt das Bedürfnis spürten, das alte jüdische Befreiungsfest im Kreise der jüdischen Gemeinschaft zu begehen. Eine Stärkung des jüdischen Bewußtseins zeigt sich aber auch in andern Ländern; so liegen z. B. aus England, Frankreich und Amerika Nachrichten über die große Belebung des Peßachfestes vor, die beim Besuch der Gottesdienste und bei den Sederabenden überall zu beobachten war. An eine Reihe ausländischer Gemeinden war seitens des Preußischen Landesverbandes die Anregung gegeben worden, für die aus Deutschland eingewanderten Juden Sederabende zu ermöglichen, und auch dieser Anregung ist in allen Teilen der Welt Folge geleistet worden. Das mag gewiß gegenüber dem großen Geschehen dieser Zeit unwichtig erscheinen. Dennoch bedürfen wir auch solcher Berichte, denn sie bestätigen uns, daß jüdisches Selbstbewußtsein und jüdischer Gemeinschaftsgeist überall im Steigen begriffen sind, und daß unseren Menschen auch jenseits der Länder und Meere der seelische Halt gewährt ist, den Judentum und jüdische Gemeinschaft ihren Getreuen zu bieten haben. Amtlicher Teil Pädagogische Arbeitstagung in Bonn Vom 30. März bis 1. April 1936 fand in Bonn eine vom . Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und der Reichsvertretung der Juden in Deutschland veranstaltete pädagogische Arbeitstagung der jüdischen Lehrer Rheinlands und Westfalens statt. An der Tagung nahmen fast 100 Lehrer — Volksschullehrer, Lehrer höherer Schulen und Religionslehrer — teil. Die veranstaltenden Institutionen hatten mit besonderer Absicht Bonn als Tagungsort bestimmt. Der Tagung war nämlich die Aufgabe gestellt, von der Arbeit einer zweiklassigen Schule ausgehend, den Problemkreis der aktuellen pädagogischen Fragen zu umspannen. Die Bonner Schule ist eine zweiklassige Schule, die erst in den letzten Jahren gegründet worden ist, und gerade das sollte gezeigt werden: wie mit geringen Mitteln auch dort, wo keine jüdische Schultradition besteht, ein jüdisches Schulwerk aufgebaut werden kann. Öie Tagung, die von Dr. Fritz Bamberger geleitet wurde, wurde mit 2 Berichten eröffnet, die die beiden Lehrer der Bonner Schule, Herr Hammerstein und Herr Großmann, über die allgemeine Schulgestaltung und die jüdische Arbeit an dieser Schule gaben. Herr Großmann führte am ersten Abend der Tagung mit seinen Schülern ein von neuen Gesichtspunkten aus aufgebautes Chanukkaspiel auf, das aus der Arbeit der Schule selbst herausgewachsen war. Die in den einleitenden Berichten angeschnittenen Einzelfragen wurden in einer außerordentlich lebhaften und mit Ertrag geführten Diskussion besprochen. In Einzelreferaten wurden die wichtigsten Probleme dann noch einmal allgemein behandelt. (Dr. Heinemann Stern: Geschichtsunterricht, Abraham Reinhardt: Hebräischer Unterrieht, Dr. Kurt Herr: Der Hachscharah-Gedanke in der Schule). Einzelne Fragen von besonders starkem aktuellen Interesse, der Werkunterricht in der Schule, das fl. Schuljahr u. 4-, erfuhren eine besonders ausgiebige Behandlung. — Die Teilnehmer an der Tagung konnten einem von Dr. Salinger-Bonn geleiteten Bibelkurs mit Erwachsenen beiwohnen, der Gelegenheit bot, die Frage der Erwachsenenbildung und der Teilnahme des Lehrers an ihr prinzipiell und im einzelnen zu erörtern. Der Verlauf der Pädagogischen Arbeitstagung in Bonn, in deren Rahmen auch eine Generalversammlung des Lehrerverbandes Bezirk West stattfand, und die große Beteiligung an ihr zeigten von neuem, wie wichtig diese Art der Lehrerfortbildung ist, die in vielen Fällen für den Lehrer, der vereinzelt In kleinen Gemeinden lebt, die einzige Gelegenheit ist, in lebendigem Meinungsaustausch an der Bewegung der jüdischen Pädagogik teilzunehmen. Exhaltung der Denkmäler jüdischer Vergangenheit Der Landesverband hat am 15. April 1936 an alle seine Mitgliedsgemeinden, an die angeschlossenen Landesverbände, an die Provinzialverbände sowie an die Bezirksrabbiner und Lehrer das nachstehende Rundschreiben gerichtet: Wir stehen vor der unabänderlichen Tatsache, daß eine größere Anzahl kleinerer jüdischer Gemeinden Deutschlands in unseren Tagen der Auflösung entgegengehen. Es besteht die ernste Gefahr, daß damit die geschichtlichen Denkmäler dieser Gemeinden verschwinden oder wenigstens nicht mehr die nötige Sorgfalt auf ihre Erhaltung verwandt wird. Das muß unter allen Umständen verhindert werden. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen und tatkräftig dabin zu wirken, daß, solange es noch geht und so schnell und umfassend wie nur irgend möglich, alles bewahrt und gesammelt werde, was vom Leben der jüdischen Gemeinschaft und der jüdischen Menschen in diesen jüdischen Gemeinden Deutschlands Kunde gibt. Bereits vor Jahrzehnten wurde von den Organisationen des deutschen Judentums ein Institut gegründet, dessen Aufgabe es war, die Akten jüdischer Gemeinden Deutschlands durch gesicherte Aufbewahrung für die Zukunft zu erhalten. Dies Institut, das Gesamtarchiv der Juden in Deutschland (Berlin N 24, Oranienburger Str. 26), hat bisher schon die Akten von Hunderten jüdischer Gemeinden aus deutschen und früher deutschen Gebieten an sich gezogen. Heute ist es dazu berufen, in weitestem Umfang alles historisch wichtige Material aufzufangen, das in den in ihrem Bestände gefährdeten jüdischen Gemeinden Deutschlands frei wird. Es muß von dem Verantwortungsgefühl und dem historischen Sinn dieser Gemeinden, ihrer maßgebenden Männer und jedes einzelnen Gemeindemitgliedes erwartet werden, daß sie rechtzeitig, d. h. schnellstens dafür sorgen und darauf dringen, daß Gemeinde-, Vereins- und Stiftungsakten und möglichst auch Geburts-, Trauungs- und Sterbelisten, Beschneidungs- und Memorbücher sowie Friedhofsregister dem Gesamtarchiv zur dauernden Aufbewahrung überwiesen werden. Ebenso sollte man nicht versäumen, Familienpapiere, alte wertvolle Briefe sowie alle kultur- und zeitgeschichtlich bedeutsamen Dokumente dem. Gesamtarchiv zu übergeben. Auf die Erhaltung der für die Volkskunde und die Familienüberlieferung gleich wichtigen Thorawimpel — vor allem soweit noch geschlossene Bestände in den Gemeinden vorhanden sind — wird vom Gesamtarchiv der größte Wert gelegt. Der Preußische Landesverband hat für die ihm angeschlossenen Gemeinden das Gesamtarchiv damit beauftragt, Urkunden, Akten, Manuskripte und Register zur Gemeinde- und Familiengeschichte sowie die Thorawimpel aus den sich auflösenden oder sich merklich verringernden Gemeinden in sichere Obhut zu nehmen. Er hat darüber hinaus dem Gesamtarchiv aufgegeben, alle Nachrichten zu sammeln, die auf das geschichtliche Leben dieser Gemeinden, ihre Kulturentwicklung und die Einrichtungen ihres Kultus Bezug haben. Wir bitten daher, das Gesamtarchiv bei diesen ihm übertragenen Aufgaben tatkräftig zu unterstützen, es rechtzeitig auf gefährdetes Aktengut aufmerksam zu machen und ihm dauernd Nachrichten zuzuleiten, die im Interesse der Erhaltung unserer geschichtlichen Denkmäler und ihrer Inventarisierung liegen. Insbesondere bitten wir, mehr noch und systematischer als bisher Photos von Synagogen und Friedhöfen sowie von bemerkenswerten Kultusgegenständen dem Gesamtarchiv als der dafür bestimmten Sammelstelle, möglichst in mehreren Abzügen, zuzuweisen. Auch über das Vorhandensein von jüdisch-geschichtlich wichtigen Urkunden, Bildwerken und Kultgeräten in öffentlichen allgemeinen Sammlungen, in staatlichen,' städtischen und ständischen Archiven, Museen und Bibliotheken und im Privatbesitz bitten wir das Gesamtarchiv dauernd und eingehend zu unterrichten. 10

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.