Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021694--377-3981112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
vieles verzichten. Dieser Verzicht braucht aber nicht Anlaß zu sein, um ihn zur Schau zu tragen. Das tut der kleine Jude, der mir gegenüber sitzt, sicherlich nicht. So weit reichen seine Gedanken kaum. Denn sie waren und sind aus der Selbstverständlichkeit des Tagef^geboren. Sicherlich, so will ich hoffen, sind sie beherrscht von dem, was heute nottut an Haltung und Selbstdisziplin. Wie gut ist es, wenn wir alle dazu kein Erinnerungszeichen brauchen. Aber der kleine Jude sieht schon wieder nach der Uhr. Jetzt wird er zwar nicht mehr den Zug versäumen; vielleicht aber wird er nicht rechtzeitig auf das Aussteigen vorbereitet sein. Die Menschen haben ja allesamt keine Kühe, seitdem sie das Paradies verlassen mußten. Haben sie eine Aufgabe erfüllt und ein Ziel erreicht, steht schon das nächste vor ihnen. Es ist alles eine Kette. Alles in - ihr ist nur ein Glied. Und auch der Tag, der draußen versinkt, ist nur ein Glied in der Kette der Wochen, Monate und Jahre. Dann sehen wir, der kleine Jude und ich, unsere fahlen Gesichter im dämmrigen Lichte des Abteils. Es ist so, als müßten wir uns sehen, um nur gewiß zu sein, daß wir da sind. Und wie gut ist es, zu wissen, daß wir für einander da sind. Chronik des jüdischen Lebens Die Juden der ganzen Welt stehen zur Zeit unter dem Eindruck der Vorgänge in Palästina. Dem Tieferblickenden kamen die Ereignisse nicht überraschend. Seitdem der Zankapfel des Legislative-Council-Projektes den Gegensatz der Kevölkerungsteile wieder hat aufkommen lassen, war unter den Arabern eine starke Erregung gegen die Juden merkbar. Diese Erregung wuchs in dem gleichen Maße, in dem die abstrakten Erörterungen über den Legislative Council sich zu konkreten Verhandlungen verdichteten. Die arabischen Demonstrationen anläßlich des Nebi-Musa-Festcs ließen bereits eine latente Unruhegelahr deutlich erkennen. Äußerlich vielleicht weniger alarmierend und dennoch wie ein Warnungssignal wirkten die Vorgänge bei der Eröffnung des Jerusalemer Senders. Sie hätte ein Ereignis gemeinsamer Freude für die gesamte Bevölkerung sein können. Aber sie brachte nur die Proteste und dann die Störungen der Araber, die nicht gestatten wollten, daß in dem hebräischen Teil der Ansage und der Darbietungen der Name „Ercz Israel“ gebraucht werde; die Regierung hat denn auch die Verwendung dieser Bezeichnung sowie auch nur der Anfangsbuchstaben Alef-Jud im Rundfunk untersagt. Die Streitigkeiten der verschiedenen Araber-Parteien untereinander kommen der Position der Juden keineswegs zugute; sic verstärken nur die allgemeine Erregung. Nachdem alle jüdischen Gruppen die Beteiligung am Legislative Council abgelehnt hatten, waren bekanntlich die Araber von der britischen Regierung zu einer Besprechung nach London eingeladen worden. Wenige Tage vor dem Ausbruch der Unruhen hieß es jedoch, das Zustandekommen dieser Londoner Besprechungen sei dadurch in Frage gestellt, daß die arabischen Parteien sich untereinander über die Besetzung ihrer Londoner Delegation nicht einigen könnten. Es darf wohl angenommen, d. h. vom jüdischen Standpunkt aus: gehofft werden, daß die jetzigen Unruhen und die arabische Proklamation des Generalstreiks noch ganz andere Rückwirkungen auf das unselige Legislative- Council-Projekt haben werden. Abschließendes über die Unruhen in Palästina zu sagen, scheint im Augenblick noch verfrüht, auch läßt sich im einzelnen nicht darstellen, welchen Einfluß die Ereignisse auf die Vorbereitungen zur Levante- Messe haben. Das Eine aber ist gewiß: die englische Regierung, die in den Parlamenten ihres eigenen Landes für ihren Council-Plan nicht einen einzigen Freund, wohl aber leidenschaftliche Gegner in sämtlichen Parteien des Ober- und des Unterhauses gefunden hat, wird ihre Ansichten über die politische Situation in Palästina und damit auch ihre Pläne erheblich revidieren müssen. Die Judenheit der ganzen Welt aber, so sehr sie geneigt ist, in den unglücklichen Opfern der Unruhen Märtyrer und Vorkämpfer der jüdischen Sache zu sehen, beklagt es doch auf das tiefste, daß es zu solchen Opfern erst kommen mußte, und sie hofft, daß wenn der Einsatz der militärischen Macht die Ruhe wiederhergestellt hat, daß dann der Einsatz der politischen Weisheit solche Opfer und jegliches Blutvergießen zwischen Juden und Arabern für die Zukunft unnötig macht! Von den übrigen Ländern der Welt ist es am meisten Polen, das die Aufmerksamkeit des jüdischen Chronisten beansprucht. Zwei Vorgänge sind es besonders, auf die sich Kalender für Mai Freitag Mai 1 Ijj» 9 Sonnabend * 2 10 Aehare — K'dauschim Sonntag 3 11 Montag n 4 12 Dienstag 5 13 Mittwodi 6 14 Donnerstag ♦1 7 11 15 Freitag 8 16 Sonnabend n 9 11 17 Emaur Sonntag »1 10 11 18 Lag b'Aumer . Montag » 11 11 19 Dienstag 12 20 Mittwodi 13 21 Donnerstag fi 14 ♦1 22 Freitag fl 1$ ff 23 Sonnabend ii 16 W 24 nr — l'Mbmaj; taaaMli Sonntag * 17 n 25 Montag » 18 26 Dienstag ii 19 * 27 Mittwodi «i 20 28 Donnerstag ii 21 ii 29 (Himmelfahrtstag) Freitag 22 Siiwu 1 Kausch Chaodesch Sonnabend ii 23 » 2 B'midbar Sonntag 24 11 3 Montag ii 25 n 4 Dienstag 26 5 Mittwodi 27 6 Donnerstag * 28 ii 7 1. Tag Schowuauß Freitag H 29 ii 8z. Sonnabend 11 30 - 9 Noßau Sonntag 11 31 ii 10 (Pfingsten) das dortige jüdische Geschehen konzentriert. Das tief in das religiöse und wirtschaftliche Leben der polnischen Judenheit einschneidende Antischächtgesetz ist von allen gesetzgebenden Körperschaften des Landes angenommen und damit Wirklichkeit geworden. Es soll zwar erst am 1. Januar 1937 mit allen Auswirkungen in Kraft treten, aber die Folgen machen sich schon jetzt überall in verhängnisvoller Weise bemerkbar. Außerdem aber steht die polnische Judenheit immer noch unter dem erschütternden Eindruck des Pogroms von Przytik; und wenn auch seitens der Regierung alles getan wird, um die Bevölkerung zu beruhigen und namentlich die Unantastbarkeit der Gleichberechtigung aller polnischen Staatsbürger als unabdingbaren Grundsatz der polnischen Regierung klarzustellen, so wird doch der Prozeß gegen die Unruhestifter von Przytik, der Anfang Mai beginnen soll, mit größter Gemütserregung erwartet, zumal es inzwischen auch in 'anderen Orten wieder zu judenfeindlichen Exzessen gekommen ist. — Auswirkungen aller dieser Ereignisse sind überall zu spüren und zeigen oft sehr widerspruchsvolle Züge. Der Präsident der Warschauer Gemeinde hat der Regierung mitgeteilt, daß er sich gezwungen sehe, von seinem Amt zurückzutreten; andererseits erörtert man die Bildung einer Gesamtvertretung der polnischen Judenheif. _ Das Schicksal der aus Deutschland ausgewanderten und noch auswandernden Juden beschäftigt nach wie vor alle zentralen jüdischen Körperschaften. Der Council for German Jewry hat, wie in der Chronik der vorigen Nummer schon berichtet, seine ersten großen Erfolge bei der Mittelaufbringung gehabt; Entscheidungen über die Verteilung der Gelder sind noch nicht gefallen, wohl aber steht fest, daß der Council seine Arbeit auf das Hilfswerk für die Juden in Deutschland beschränken will. Der Oberkommissar des Völkerbundes für die Auswandererfürsorge, General Sir Neill Malcolm, der zur Zeit in Palästina weilt, hat umfangreiche Vorbereitungen für die auf den 2. Juli einberufene zwischenstaatliche Regierungskonferenz getroffen und ein Schreiben herausgegeben, welches konkrete Richtlinien über seine Zusammenarbeit mit den privaten Hilfsorganisationen enthält. ’ Bemerkenswert ist ein Beschluß, den die Zweijahreskonferenz der United Synagögue of America gefaßt hat: es sollen Im Wcslf Berlin PENSION ILSE Karfflnfca«MUü7« llLH IhonVdJw.'«■.**■« 9