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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-05-01 · 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-05-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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geht Mahler dort über Goethe hinaus, wo er singen läßt: „Das Ewige zieht uns hinan!“ Wie stark er in wahrhaft chassidischer Gefühlsintensität das Leben bejahte, davon zeugt auch der „Abschied“ genannte Gesang aus seinem folgenden Werk, aus dem „Lied von der Erde“: O Schönheit! O ewigen Liebens-Lebens-trunk’ne Welt!... Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt Aufs neu! Allüberall und ewig blauen licht die Fernen! Ewig ... ewig ... Solch zuweilen prophetisch entflammter Geist, solch sittliche Gesinnung bilden die Grundzüge von Mahlers Wesen auch in dem der Alltäglichkeit zugewandten Leben, auch in der unkünstlerischen Wirklichkeit. In einem Briefe aus dem Jahre 1895 heißt es: „Diese Gesichter! Diese knöchernen Menschen! Jeder Zoll auf ihrem Gesichte trug die Spuren des sich selbst peinigenden Egoismus, der alle Menschen so unselig macht. Immer ich und ich — und nie du, du, mein Bruder!“ Mahler liebte das Dostojewski- Wort: „Wie kann ich denn glücklich sein, wenn irgendwo ein anderes Geschöpf noch leidet?“ In einem Gespräche mit einem Freunde beantwortete er eine Frage mit dem Bekenntnis: „Es gibt keinen großen Menschen ohne Güte.“ Mahler stammte von Juden ab. Das Judesein, das er gelegentlich „das Hindernis aller Hindernisse“ nannte, hat er äußerlich aufgegeben. Seine Religiosität und Menschenliebe beweisen, daß er dem Judentum innerlich nicht entfliehen konnte.*) *) Vgl. auch des Verfassers Aufsatz: Das jüdische Element bei Gustav Mahler, im Maiheft des „Morgen“. — Mahlers Briefe sind in der" Wanderbücherei des Landesverbandes zu erhalten. Die Uhr und die Kette Von Arno Herzberg. Leise schwankt der Wagen des Zuges. Das Stoßen der Räder, die über die Nähte der Schienen gleiten, isl einförmig dumpf. Meine Gedanken hängen zwischen diesen lieblosen Takten und konstruieren hierzu irgendeine Melodie. Ich summe sie lautlos in mich hinein. Ich höre sie mit einem in mein Inneres gewendeten Ohr. Ich höre sie auf eine so seltene entfernte Art und doch so nahe und deutlich. Aber dann löst sie sich wieder auf, und nichts bleibt als das gewohnte Stoßen der Räder in der Stillendes Abteils. Da denke ich zurück in eine nun schon so lange verlorene Zeit. Früher, als Schuljunge, hat man in solchen Fällen hübsch artig die Uhr in die Hand genommen, die man zur Barmizwa geschenkt bekommen hatte, und aus der Kenntnis der Länge jeder Schiene zwischen den einzelnen Stößen,-aus der Anzahl dieser Stöße und der Zeit, in der sie erfolgen, hat man auf Grund einer mathematischen Formel die Geschwindigkeit des Zuges berechnet. Heute ist das vorbei. Heute ist auch die Zeit vorbei, in jer man geglaubt hat, alles laufe im Leben nach mathematischen Formeln ab, und alles lasse sich im Leben mit einem ausgeklügelten Verstand erklären. Wir haben gelernt, daß sich nichts in Formeln pressen läßt, daß überall ein Rest bleibt, unerklärlich und unerklärbar wie das Leben selbst. Denn vor tausend Dingen des Daseins stehen wir gerade heute ratlos und ' unwissend, und oft genug wollen wir uns das noch nicht einmal selbst eingestehen. Wir haben eigentlich erst jetzt gelernt, daß es doch eine Menge Unerklärtes und Unerforschliches gibt, das einfach da ist, und seine Gegenwart fühlbar macht. Gerade heute sollten wir, mehr denn je, unserer Kleinheit als Mensch eingedenk sein, immerzu und nicht oft genug. Grund dafür ist ja vorhanden. Wir spüren das jeden Tag. Es ist immer da, genau wie das Stoßen der Bäder hier im Abteil. Und es ist immer da, selbst dann, wenn wir es überhören. Jetzt lehne ich mich, an dies alles denkend, an die Wand meines Abteils. Ich sehe durch das Fenster in das ebene Land, wo die Dörfer und Städte vorüberhuschen, und die Landschaft sich um einen fernen Punkt am Horizonte dreht. Kleine Schatten legen sich über die Felder und lassen die Wälder zu einer dunklen, dem Auge undurchdringlichen Masse werden. Und die Wolken wandern am Himmel. Wenn die Wolken wandern, dann regnet es, sagt ein altes jüdisches Wort. Aus dem ähnlichen Klang des hebräischen Wortes für Wolken und dem hebräischen „Rabbonim“, die Lehrer, ist ein volkstümlicher Satz entstanden: wenn die Rabbonim wandern, dann regnet es. Wenn man sich schon einmal aufrafft, nach Berlin reist, dann regnet es — so denkt auch sicher mein Gegenüber, das am Schlesischen Bahnhof in mein Abteil gekommen ist. Dieses Gegenüber, ein kleiner unscheinbarer Jude, ist unschwer als der Mann zu erkennen, der nicht so oft Berlin besucht. Erst hat er eine halbe Stunde gebraucht, um sich von der Jagd nach dem Zuge, den er auf jeden Fall erreichen wollte, zu erholen. Dann hat er eine Zeitung vorgenommen und mit bedächtiger Miene gelesen. Und sicherlich hat er festgestellt, daß so vieles in der Welt passiert. Wer kann das alles verstehen! Wer kann das alles berechnen und erklären! Wer weiß, wie da die Zukunft wird? Jetzt legt der kleine Jude aus der Provinz die Zeitung beiseite. Er sieht nach der Uhr. Er sieht alle paar Minuten nach der Uhr, die an einer eisernen Kette hängt, auf der zu lesen steht: ,Gold gab ich für Eisen' — Mein Auge bleibt an dieser unscheinbaren Kette haften, die auch heute noch so viele tragen. Mit ihr reicht eine vergangene Zeit in die Gegenwart hinein. Und auch heute noch weiß man, was man in dieser Zeit getan hat. Es bleibt unvergessen. Vielleicht müßte man, so denke ich, wo ich diese Kette sehe, auch jetzt für uns Juden ein Opfersymbol schaffen, das jeder hat, der es verdient, damit jeder erinnert wird an das, was er zu tun hat. Manche brauchten das. Denn nicht auf Reden und Redenlassen kommt es an. Nicht darauf kommt es an, daß man Vorträge und Predigten hört. Sondern wie sich jeder in jeder Minute seines Daseins verhält, ist ausschlaggebend für uns alle. Um die Trägheit der jüdischen Menschen geht das große Ringen in dieser Zeit. Wir haben es noch nicht gewonnen. Wir haben es noch lange nicht gewonnen. Das dürfen wir nie vergessen. Denn nur Schritt für Schritt kommen wir voran, und manches Mal müssen wir einen oder gar mehrere Schritte rückwärts tun. Sagen wir das offen. Wir wollen nichts beschönigen. Und doch darf eine große Zeit, in der man sich zu bewähren hat, keine kleinen Menschen linden. Keine kleinen und kleinlichen Menschen. Keine Menschen, die die Aufgabe nicht sehen und die Forderung des Tages nicht hören. Nach der Uhr sehön wir so oft. Aber an den Tatsachen des Lebens sehen wir oft genug vorbei. Wird in all diesen Fällen, wo die Menschen träge sind, und in den alten Geleisen ihres Lebens immer noch fahren, wird da ein Erinnerungszeichen, ein Opfersymbol gleich diesem ,Gold gab ich für Eisen' helfen? Wie oft wird das, was einmal in außerordentlicher Weise erworben worden ist, zu rasch zur Gewohnheit. Dann sieht man es immer und immer, Tag für Tag. Aber man sieht es nur einen Augenblick. Und oftmals ist dieser Augenblick so kurz, daß zum Erinnern keine Zeit mehr bleibt. So sind die Menschen. Da gibt es keinen Vorwurf. Wir vergessen zu leicht. Und wo gar Menschen nicht den Willen haben, sich erinnern zu lassen, da hilft auch kein Erinnerungszeichen. Mein Gegenüber wird diese Erinnerung nicht brauchen. Er ist da und sieht so aus, als wisse er um Pflicht und Gewissen in dieser Zeit. Er trägt seine Kette. Und er wird nie vergessen, daß eine gleichsam auch aus Fl«»" gefügte Kette alle Juden verbindet. Sie ist unlöslich. Und wir alle sind ein Glied in ihr, ein kleines unbedeutendes Glied. Aber doch müssen wir da sein, um der Kette Gestalt und Ansehen zu geben. Nach jedem, einzelnen Glied richtet sich das Ganze. Das Ganze ist durch Opfer aneinandergefügt. Oft durch das Opfer seiner Selbst. Aber gerade das wird verlangt. Nur so hat die Kette Bestand. Die Kette ist ohne ihre einzelnen Glieder nicht möglich, nicht möglich ohne die Glieder, die auf so 8

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