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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-05-01 · 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Religiosität und Menschenliebe Zu Gustav Mahlers 2 5. Todestage (gest. 18. Mai 1911). Von Dr. Ludwig Landau. Lassen sich ethische und metaphysische Ideen, lassen sich Gedankeninbegriffe wie Religiosität und Menschenliebe überhaupt musikalisch ausdrücken? Mahler schrieb einmal, er empfinde es als Plattheit, zu einem Programm Musik zu erfinden, und ebenso sehe er es als unbefriedigend und unfruchtbar an, zu einem Musikwerk ein Programm geben zu wollen. Dieser Ansicht scheint seine Aeußerung zu widersprechen, daß er seine ganze Weltanschauung symphonisch zu vollkommenem Ausdruck zu bringen vermöge. Mahler hat sich über seine künstlerische Grundhaltung natürlich nicht geirrt: er illustriert nicht Vorgänge der Wirklichkeit, sondern er spricht sich mit den Darstellungsmitteln der Musik über innere Erlebnisse aus. „Wenn man musizieren will,“ bemerkt er Bruno Walter gegenüber, „darf man nicht malen, dichten beschreiben wollen. Aber rwas man musiziert, ist doch immer der ganze (also fühlende, denkende, atmende, leidende usw.) Mensch.“ Ein andermal schreibt er: „Mein Bedürfnis, mich musikalisch - symphonisch auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen walten, an der Pforte, die in die „andere Welt“ hineinführt.“ Dieses sein Weltgefühl offenbart sich in jedem Werke. Dabei handelt es sich nicht um komponierte Philosophie, nicht um gedanklich fundierte Programmusik (etwa nach Art der Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ von Strauß) auch nicht um Musik, die in konfessionellen, kirchlichen oder synagogalen Traditionen wurzelt. Mahlers Sinfonien sind vielmehr „Konfessionen“ im Sinne Goethes. Sie sind Bekenntnisse eines Menschen, der sich als Kind und Ebenbild der Gottheit empfindet und erlebt, der sich diesem „Schöpfer Geist“ in Demut und in Sehnsucht nach innerem Beruhigtsein naht, dessen ganzes Wesen in einer alles Menschentum, überhaupt alle Kreatur umfassenden gefühlshaft erglühenden Betrachtung der Welt verankert ist. Jene „dunkeln Empfindungen“, die man nicht definieren, sondern nur nacherleben kann, diese Ergriffenheit vom Mysterium des Lebens, diese Seelengewalt eines sich von Gott angesprochen fühlenden Menschen, der an der Pforte, die in die „andere Welt“ hineinführt, Ausblick hält, diese innere Mächtigkeit und seelische Bewegtheit werden Offenbarung in den Schöpfungen Mahlers. Mahler hat zur letzten Verdeutlichung seines Empfindungslebens das sprachliche Verständigungsmittel, das Wort, herangezogen. So ist es ohne Gefahr des Mißverstehens möglich, über seine Religiosität und Menschenliebe zu sprechen, Aeußerungen seiner Seele, die bei dem als Juden Geborenen uns als Juden besonders angehen. Dies mögen einige Beispiele zeigen. Im Trauermarsch der I. Sinfonie verschweben die tragischen Stimmungen in einer traumhaft zarten Melodie, die Mahler in einem seiner Lieder zu einem selbstgedichteten Text schrieb: Auf der Straße steht ein Lindenbaum, da hab’ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht!... da wußt’ ich nicht, wie das Leben tut — war Alles, Alles wieder gut! Alles, Alles!... Das Finale dieses Jugendwerkes steigert er wie später die Schlußsätze der V. und VII. Sinfonie zu einem Triumphgesang der Lebensbejahung. Nach der Aufgewühltheit des Scherzos der II. Sinfonie, das nach seinen Worten das unaufhörlich bewegte, nie verständliche grauenhafte Getriebe des Lebens symbolisiert, leuchtet im „Urlicht“ die friedvolle Gewißheit auf: „Ich bin von Gott und will wieder zu Gott!“ Der abschließende Auferstehungschor verkündet, wieder in selbstverfaßten Versen, Mahlers Glauben: O glaube, mein Herz, Es geht dir nichts verloren! Hast nicht umsonst gelebt, gelitten! Dein ist, was du gesehnt, 1 Dein, was du geliebt, was du erstritten!... Mit Flügeln, die ich mir errungen ln heißem Liebesstreben, Werd’ ich entschweben Zum Licht, zu dem kein Aug’ gedrungen_ Die III. Sinfonie, eine „musikalische Dichtung“, die „bei der leblosen Natur beginnt und sich bis zur Liebe Gottes steigert“, sah ursprünglich einen Satz „Was mir die Liebe erzählt“ vor, mit „dem Motiv“: Vater, sieh an die Wunden mein! Kein Wesen laß verloren sein! „Es soll damit“, so 'schreibt er, „die höchste Stufe bezeichnet werden, von der aus die Welt gesehen werden kann. Ungefähr könnte ich den Satz auch nennen: „Was mir Gott erzählt!“ Und zwar eben in dem Sinne, als ja Gott nur als „Liebe“ gefaßt werden kann.“ Der Schlußgesang der IV. Sinfonie bringt die eigentliche Botschaft des Werkes, daß „alles für Freuden, für Freuden erwacht.“ Zwischen diesen und den nächsten Sinfonien liegt die' Entstehung der „Kindertotenlieder“. Mahler hat aus 428 Liedern, die Rückert unter dem Eindruck des Todes seiner Kinder gedichtet hat, fünf zu einem Zyklus vereinigt. Er klingt in den Trost aus, daß die Kinder in der Erde ruh’n als wie in der Mutter Haus, von keinem Sturm erschrecket, vou Gottes Hand bedecket. In der V. Sinfonie zitiert er eine andere Melodie aus diesem Liederkreis: „Heil sei dem Freudenlicht der Welt!“ Dieses Werk und die VII. Sinfonie sind wahre „Oden an die Freude“. Die VI., die er selbst die „Tragische“ genannt hat, bildet nur eine scheinbare Ausnahme. Sie endet wohl mit leidvoller Klage, aber nicht mit Weltflucht, mit Pessimismus. Was Mahler bewegte, war die Wehmut Schillers in seiner Nänie: „Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter bezwinget“, war die Trauer darüber, daß „das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt“. Weil Mahler das Leben mit tiefer Liebe erfühlt und erfüllt, darum ist seine Trauer über die Vergänglichkeit alles Menschlichen so tief. Die VIII. Sinfonie, „Botschaft der Liebe an eine lieblose Zeit“, ist das überzeugendste Dokument für das religiöse und von Nächstenliebe durchpulste Weltgefühl Mahlers. Man müßte viele Worte der gewaltigen Chöre und Einzelgesänge anführen. Der erste Teil beginnt mit dem Anruf an Gott: — Komm, Schöpfer Geist, Kehre ein bei den Deinen Und erfülle mit Deiner himmlischen Gnade Die Herzen, die Du erschaffen... Entzünde Dein Licht unsern Sinnen, Ströme Deine Liebe in unsere Herzen ... Der zweite Teil bringt die Schlußszene aus Goethes Faust II, unter anderem auch folgende Verse: So ist es die allmächtige Liebe, Die alles bildet, alles hegt... O Gott! beschwichtige die Gedanken, Erleuchte mein bedürftig Herz!... Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen ... Bei den Worten „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ Aus SS zurück: ■erfeert fraikCBSfelfl Wirtsdiafbberaier Berlin —Sao Paolo. Dozent der Wirisdiaftssrlssensdi. 1. Radio Sao Paulo. Braailien'Aoiwanderanfs-Brratanf d. Jurist ■. Wirt« sduftswissenstkaftler — Uebersiedlonf — VermOffena* tranafrr - GeaAItsf rttndonf - Wirtadiaftsberatanf Ständige Korrespondenten und Vertreter in Brasilien. Berlln-Charlottenborf, SdtlOterttr. 13 — Spredisiunde nur nadi tclcfon. Votsntneldung C1 Sleinplatj 33S7. 7

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