Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021694--374-3981109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
d e 1, die nächste Gemeinde, gehört zu diesen Ausnahmen, besonders wenn aus den Nachbarorten die wenigen jüdischen Familien zum Gottesdienst kommen. — In Ottweiler liegt das große langgestreckte Synagogengebäude, das neben dem Gotteshaus auch noch die Lehrerwohnung enthält, direkt am Marktplatz. Aus alten Dokumenten ersehen wir, daß das Gebäude in der napoleonischen Zeit errichtet worden ist. Nach Klärung der komplizierten Besitzverhältnisse wird auch hier ein Verkauf ins Auge gefaßt werden müssen. — Neunkirchen, eine Gemeinde, die noch vor kurzem 2—300 jüdische Seelen gezählt hat, und wo heute nur noch 10 bis 15 Juden wohnen, wird gleichfalls sein großes, ansehnliches Gotteshaus verkaufen müssen. In Saarbrücken endet die Rundfahrt, der einzigen noch lebensfähigen Gemeinde des Saargebiets, die auch noch einen Rabbiner, Dr. Lothar Rothschild, hat. Hin kleiner Ausschnitt aus den Hunderten der Kleinuml Mittelgemeinden des Landesverbandes: Juden als Bauern, als Kaufleute, '• als Viehhändler; Wohlhabende und Aermste; Gemeinden in der Auflösung und Gemeinden, die auch heute noch ein reges jüdisches Leben zeigen. Aufgaben überall: finanzielle Hilfe und Beratung, Ausgleich, planende Ordnung der Verhältnisse! Beglückend und Hoffnung weisend die Gewißheit, daß überall das Gemeinschaftsgefühl gewachsen, die Notwendigkeit des Zusammenschlusses erkannt worden ist. Von der Schule in die ßerufslehre Von Hans Deutschkron. ,,Was soll unser Kind werden? Welchen Beruf soll es ergreifen? Wird es eine Ausbildungsstelle finden?“ Das sind Fragen, die sehr vielen jüdischen Eltern jetzt große Sorgen bereiten. „Natürlich Handwerker“, lautet im allgemeinen die Antwort, die gleich wieder die weitere Frage aufwerfen läßt, welches von den vielen Handwerken ein „guter“ Beruf ist. Ueber die wirtschaftlichen Aussichten für Juden in einer bestimmten Berufsgruppe heute etwas zu'sagen, ist aber ganz besonders schwierig, und die Frage wird noch komplizierter dadurch, daß heute in sehr vielen Fällen gleichzeitig mit der Berufswahl auch die Wahl des Standortes der späteren Berufsbetätigung verknüpft ist. Denn wenn sich jemand z. B. zum Landwirt ausbildet, muß er sich hauptsächlich auf Auswanderung einstellen, bestimmte Arten von Handwerkern werden nur in bestimmten Ländern gebraucht, und bei der Wahl eines kaufmännischen Berufs ist die Auswanderungsmöglichkeit noch weiter begrenzt. Weil diese Fragen der Wirtschaftsaussichten im Beruf nur sehr schwer und nur ganz allgemein zu beantworten sind, tritt die andere Komponente der Berufsberatung, die Frage der Eignung eines Menschen für einen bestimmten Beruf, viel stärker in den Vordergrund. Wenn, um wieder ein Beispiel zu nennen, ein -Junge eine schwächliche Konstitution hat, hat es keinen Sinn, ihn Schmied werden zu lassen, und ein Mensch, der stark zu Erkältungskrankheiten neigt, wird ebenso wenig Landwirt werden können, wie ein Kurzsichtiger Uhrmacher. Die Frage der Eignung ist deshalb und wegen der starken Konkurrenz um die wenigen Arbeitsplätze, die den jüdischen Menschen zur Verfügung stehen, bei der Berufswahl besonders zu berücksichtigen. Das gilt in verstärktem Maße auch für die Auswanderungswilligen; denn überall in der Welt wird ja eyi Ausländer nur dann eingestellt, wenn man ihn unbedingt braucht, wenn er also besseres Berufskönnen hat als die im allgemeinen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehenden Inländer. — Wenn über die Berufswahl entschieden ist, kommt gleich die größere Sorge: die Unterbringung in einer Ausbildungsstelle. Was für Ausbildungsmöglichkeiten gibt es denn für uns? Die schulmäßige Ausbildung in Hoch- und Fachschulen kommt für unsere Jungen nur in ganz geringem Maße in Frage. Anders für die Mädchen, für die eine Ausbildung in Handelsschulen, Haushaltungsschulen, in Kollektivausbildungsstätten für Kindergärtnerinnen und Krankenpflegerinnen, für Kosmetik usw. doch noch in stärkerem Maße möglich ist. Grundsätzlich ist der Besuch gemeindeeigener (kommunaler) Schulen gestattet und in den übrigen Fachschulen entsprechend dem numerus clausus möglich. Zum weitaus größten Teil erfolgt die Berufsausbildung in Lehrstellen. Die Lehrstellenvermittlung erfolgt durch die öffentlichen Berufsberatungsstellen und durch die von der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung zugelassenen Institutionen, also auch durch die Berufsberatungsstellen der jüdischen Arbeitsnachweise. Ueber die Einstellung von Lehrlingen gelten noch die altbekannten Bestimmungen. Neue Gesetze und Verordnungen sind darüber nicht ergangen. Die Bestimmungen des Arbeitsplatztauschgesetzes (unter 25jährige) und der Ausländerverordnung von 21.1.33 (Genehmigungspflicht für ausländische Arbeitnehmer) finden für^U e h r 1 i n g e ausdrücklich keine Anwendung. Nur in den Arbeitssperrgebieten (Berlin, Bremen, Hamburg) können Auswärtige nicht als Lehrlinge untergebracht werden. Zu beachten sind stets die Innungsvorschriften über die Eintragung der Lehrlinge in die Lehrlingsstammrolle. Zu erwähnen ist noch, daß die Zulassungsmöglichkeit zur Gesellenprüfung auch für Juden nach wie vor besteht. Bei der 1933 notwendig gewordenen Umstellung auf Auswanderungsberufe, insbesondere auf Handwerk und Landwirtschaft, stellte sich heraus, daß die Zahl der handwerklichen Lehrstellen in viel zu geringer Zahl vorhanden sind. Diese Schwierigkeit besteht an sich heute noch, vielleicht sogar in verstärktem Maße; denn Lehrstellen, die 1933 besetzt wurden, werden erst im Laufe dieses oder des nächsten Jahres wieder frei. Wenn auch ein erheblicher Teil der Ostern 1936 schulentlassenen Jugendlichen inzwischen untergebracht worden ist, so erhebt sich doch die Frage, was aus dem Rest der noch Unterzubringenden wird, die bisher noch keine Lehrstelle finden konnten. Sowohl die Gemeinden als auch die Reichsvertretung und die übrigen jüdischen Organisationen haben rechtzeitig Vorsorge getroffen, indem sie Ersatzeinrichtungen geschaffen haben, die diese Jugendlichen erfassen. Hier ist vor allem die Einrichtung des 9. Schuljahres zu nennen, das insbesondere die noch nicht berufsreifen Jungen und Mädchen schulisch weiterbilden soll. Dabei wird auf eine Ueberleitung der jungen Menschen von der Schule zur Berufstätigkeit durch entsprechende Gestaltung des Lehrplanes besonderer Wert gelegt. Parallel dazu sind in verschiedenen Gemeinden sogenannte Vorlehren eingerichtet worden, die in stärkerem Maße auf eine handwerkliche Ausbildung hitileiten sollen. Aehnlich der Unterbringung Jugendlicher in Ausbildungsstätten, ist von der Reichsvertretung der Juden in Deutschland und den ihr nachgeordneten Stellen auch die Jugend-Alijah, also die Ausbildung Jugendlicher in Palästina, heute stark in den Vordergrund gerückt worden. Da immer noch ein Rest von Jugendlichen ohne Unterbringungs- und Ausbildungsstellen verbleibt, und da zum andern die Ausbildungsgelegenheiten in einzelnen Schlüsselberufen, wie Tischlerei und Schlosserei, nicht ausreichend vorhanden sind, haben sich einzelne Gemeinden entschlossen, eigene Lehrwerkstätten, trotz der erheblichen Unkosten, als Ersatzlehren einzurichten. — Es ist eine allgemeine Erfahrung, daß auch von den öffentlichen Berufsberatungsstellen alljährlich nur ein Teil der die Schule verlassenden Jugend bis Ostern untergebracht werden kann, und es ist bekannt, daß auch nach Ostern noch die Vermittlung von Lehr- oder Ausbildungsstätten immer sehr umfangreich ist. Sind auch die Verhältnisse für uns Juden außerordentlich erschwert, so liegt es doch in diesem Punkte für uns nicht anders. Das heißt: die Unterbringung der in diesem Jahre aus der Schule Entlassenen ist noch nicht beendet, und von den jüdischen Arbeitsnachweisen werden noch jetzt täglich neue Lehrstellen vermittelt, so daß ohne Schönfärberei oder ungerechtfertigten Optimismus die Hoffnung ausgesprochen werden darf, daß auch in diesem Jahr der größte Teil der Schulentlassenen ihre Ausbildungsstellen und ihre Berufe finden werden. b