Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schließlich wird die Schaffung einheitlicher Besoldungs- und Pensionsordnungen erstrebt. Diese fünf Punkte bilden die Grundlage des Programms, nach dem in Zukunft die gesamte Gemeindearbeit gestaltet werden muß. Der aufgestellte Plan bildet den letzten, zusammenfassenden Teil des Tätigkeitsberichtes, an dessen Schluß es dann heißt: „In ähnlicher Weise, wie alle wirtschaftlichen und sozialen, sowie ein großer Teil der kulturellen Aufgaben bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland einheitlich zusammengefaßt ist, muß auch eine rationelle Vereinheitlichung der Gemeindearbeit das Ziel aller sein, die durch die Aufrechterhaltung der Gemeinden als unserer eigentlichen Lebensträger das Judentum aus der Vergangenheit in die Zukunft überführen wollen.“ Von dem gleichen ernsten und zielstrebigen Wollen, das aus dem Arbeitsbericht spricht, war auch die Ratstagung getragen, die am 19. April 1936 in Berlin stattfand. Sie trug in jeder Beziehung ein außergewöhnliches Gepräge. Denn wenn auch der äußere Anlaß für derartige Tagungen meist in der formalen Notwendigkeit der Bewilligung des Jahres-Etats zu suchen ist, so zeigte es sich hier doch, wie sehr man überall im Lande das Bedürfnis empfand, sich über die Grundlagen aller jüdischen Arbeit und über die neuen Wege bei der Aufrechterhaltung der Gemeinden auszusprechen. Die sachliche und erfolgreiche Arbeit des Landesverbandes, die von vielen Teilnehmern als ein Segen für die jüdische Gesamtheit bezeichnet wurde, hatte den Wunsch nach solcher Aussprache bei vielen noch verstärkt, so daß der Präsident des Rates, Kammergerichtsrat i. R. Leo Wolff, dieses Mal eine besonders stattliche Zahl von Teilnehmern begrüßen konnte. Es waren außer 32 ordentlichen Ratsmitgliedern (einschließlich der ordnungsmäßig einberufenen Stellvertreter) und 6 stellvertretenden Ratsmitgliedern auch die Vertreter der angeschlossenen außerpreußischen Verbände erschienen, und ferner waren zum ersten Male auch die leitenden Persönlichkeiten der Provinzialverbände zur Tagung des Rates hinzugezogen worden, um die Erfahrungen der inmitten der praktischen Provinzialarbeit stehenden Menschen bei den Verhandlungen des Rates zu verwerten. In der Eröffnungsansprache gedachte der Präsident auch des verstorbenen Landrabbiners von Oldenburg, Dr. de Haas, der an der vorjährigen Tagung als Vertreter der oldenburgischen Gemeinden teilgenommen hatte und inzwischen unerwartet ans dem Leben geschieden ist. Kammergerichtsrat i. R. Wolff gab sodann einen Gesamtüberblick über die wesentlichen Ereignisse des vergangenen Jahres und über die Aufgaben der nächsten Zukunft, für deren Lösung die heutige Ratstagung die erforderlichen Maßnahmen zu beschließen habe. Er wies insbesondere auf den gedruckten Tätigkeitsbericht hin, der diese Aufgaben klar umreiße lind die Bedeutung zeige, die allen Maßnahmen des weit über die Grenzen Preußens hinausgewachsenen Landesverbandes für mehr als Dreiviertel aller Juden in Deutschland zukomme. Als erster wesentlicher Punkt wurde der Anschluß der außenpreußischen Landesverbände an den Preußenverband behandelt. Nach Thüringen und den Gemeinden des Saargebietes, die schon vor der vorjährigen Ratstagung ihren Beitritt erklärt hatten, haben sich im Laufe des Berichtsjahres Oldenburg. Braunschweig, Lippe. Mecklenburg. Lübeck sowie Oldenburg-Birkenfeld dem Preußenverband angeschlossen. Die mit den einzelnen Verbänden getroffenen Vereinbarungen wurden seitens der Ratsversammlung einmütig gebilligt. Sodann folgten die Einzelberichte der Dezernenten über die verschiedenen Arbeiten des Verbandes. Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee sprach insbesondere über das sich immer schwieriger gestaltende Problem des Lastenausgleichs. Durch die Beitragsleistung der Gemeinden an den Landesverband sei diese Frage noch nicht gelöst, solange der Zustand bestehe, daß von den verschiedenen Gemeinden ein und desselben Bezirkes Steuern in ganz verschiedener Höhe erhoben würden; es gebe Nachbargemeinden, von denen die eine 75 */o und die andere 25 */• erhebe. Wie auf allen Gebieten, so müsse auch auf dem der Steuererhebung eine Planung einsetzen. Ein weiteres zu lösendes Problem sei die gottesdienstliche und kulturelle Betreuung der ganz klein gewordenen Gemeinden, in denen vielfach kein Minjan mehr besteht. Durch die wirtschaftliche Aufrechterhaltung der Gemeinden sei das Werk des Landesverbandes noch nicht getan, sondern immer mehr erstrecke sich seine Fürsorge auch auf die kulturelle Betreuung der Erwachsenen und der Jugend, denen eine Art geistiger Hachschara verschafft werden solle. So sehr die Auswanderung pflichtgemäß von allen gefördert werden muß, so sehr ist es doch sowohl für die Auswandernden als auch für die Verbleibenden notwendig, die Gemeinden mit dem religiösen, ethischen und sozialen Geist des Judentums zu erfüllen, so daß in einem so verstandenen Sinne der Begriff einer Liquidation nicht anerkannt werden kann. Herr Rabbiner Dr. G a 11 i n e r referierte über die von ihm verwalteten Dezernate. Er kennzeichnete den außerordentlichen Ausbau,. den die Einrichtung der Bezirksrabbinate erfahren hat; ihre Zahl ist in kurzer Zeit von 3 auf 30 (16 hauptamtliche und 14 nebenamtliche) gestiegen; durch sie werden insgesamt 326 Gemeinden mit zusammen etwa 40 000 Seelen erfaßt. Auch die Zahl der Lehrerbezirke wird immer weiter vermehrt; zur Zeit sind bereits 163 Bezirkslehrerstellen geschaffen worden, durch die insgesamt 524 Gemeinden versorgt werden. Das Bestreben des Verbandes geht dahin, nach einem bereits vorliegenden Gesamtplan das ganfe Land mit einem Netz von Rabbiner- und Lehrerbezirken zu überziehen, so daß jede Gemeinde und jeder einzelne Jude seinen zuständigen Rabbiner erhält und kein Jugendlicher ohne Religionsunterricht bleibt. Ferner berichtete Dr. Galliner über die Lehrerbildung und die Lehrerforfbildung. Er schilderte insbesondere die Wirksamkeit der vom Landesverband in Berlin eingerichteten Lehrerbildungsanstalt, für deren Absolventen gerade jetzt erstmalig vor einer staatlichen Prüfungskommission die Abschlußexaminn stattfinden. Die schon im vorigen Jahre aufgenommene Lehrerfortbildung konnte auch in der Berichtszeit fortgeführt und erweitert werden; der Referent wies insbesondere auf die ständigen Kurse in Berlin und Frankfurt a. M. hin, sowie ferner auf die pädagogischen Arbeitstagungen, die in verschiedenen Orten des Reiches stattgefunden haben. Auch die Religionslehrerkurse für solche Lehrer, die jetzt an jüdischen Schulen tätig sind, ohne früher eine jüdische Ausbildung erfahren zu haben, sind fortgesetzt worden. Im vergangenen Geschäftsjahre hat eine Anzahl von Teilnehmern das Religionslehrerexamen abgelegt. An die Berichte der Dezernenten schloß sich zunächst die Generaldebatte. Aus den Reden, die von Vertretern aus allen Landesteilen gehalten wurden, sprach die hohe Befriedigung darüber, daß der Landesverband auch unter den obwaltenden Verhältnissen seine vielfältige Arbeit im Dienste der Gemeinden auf allen wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten erfolgreich durchführen und sogar steigern konnte, so daß seine Leistungen überall als ein wirklicher Segen empfunden werden. Wie einer der Redner hervorhob, liegt das starke Positivum der geleisteten Arbeit nicht allein in ihrer Sachlichkeit und Gründlichkeit, sondern vor allem auch in der seelischen“ Wirkung, die sich aus dem Bewußtsein ergibt, daß auch unter allgemein rückläufigen Verhältnissen eine fruchtbare und zum Optimismus ermutigende Arbeit möglich ist.— Im übrigen wandte sich die Aussprache einigen Spezialfragen zu. Einen breiten Raum nahm die Erörterung über die Zahl der auszubildenden Lehrer ein; gewissen Befürchtungen gegenüber setzte sich die Auffassung durch, daß eine übermäßige Begrenzung der zuzulassenden Hörer nicht erforderlich sei, weil jüdische Lehrer aus Deutschland auch in Palästina und anderen Ländern Verwendung finden können. Es wurde auch auf den großen Bedarf an Speziallehrern auf den verschiedensten Gebieten hingewiesen, für deren Heranbildung der Landesverband ebenso wie für eine gründliche jüdische und hebräische Schulung des Lehrernachwuchses Sorge tragen müsse. Für die Bergung von Synagogeneinrichtungen, Kultgegenständen, Thorarollen und Archivalien sich auflösender Ge- 3