Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 4 (1.4.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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und Auswanderung, sollen beute aufierbalb dieser Chronik in einem besonderen Ueberblick dargestellt werden. — Wenden wir uns zum Schluß noch den Ereignissen aus dem jüdischen Eigenleben i zu, so ist die Uebersicht diesmal kurz. In Paris ist Professor Arnold Netter, der gerade vor kurzem als Nachfolger von Professor Sylvain Levi zum Präsidenten der Alliance Isradlite Universelle gewählt worden war, 81 jährig plötzlich gestorben. Dänemark klagt um einen seiner führenden Zionisten, Joseph Nachemsohn (Kopenhagen), und die Juden in Deutschland haben in dem bekannten Schulmann Hermann Falkenberg (Berlin) eine schöpferische Kraft des religiösen Liberalismus verloren. In Oesterreich hat der „Verein für fortschrittlich-religiöses Judentum“ seine Selbstauflösung beschlossen. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat auf Grund behördlicher Anordnung die Zahl seiner Mitglieder auf 7 herabgesetzt, und die Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist mit der Vertretung der Unabhängigen Jüdischen Orthodoxie zu einer beide Teile befriedigenden Verständigung und Zusammenarbeit gelangt. Der 50. Todestag des groSen jüdischen Gelehrten Leopold Zunz ist in Berlin und einigen anderen Gemeinden würdig begangen worden. Im ganzen Reich haben die jüdischen Kulturlände ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. Der Jüdische Kulturbund Berlin brachte eine Festaufführung der Oper „Samson und Dalila“ heraus, die bereits im Zeichen des Abschlusses der Winterhilfe stand. Das Ergebnis der Jüdischen Winterhilfe im ganzen Reich ist bekanntlich sehr befriedigend; diese Tatsache darf anläßlich des nahenden Pessachfestes mit besonderer Freude festgestellt werden. Denn in aller Not sind wir es doch schließlich selbst, die dem Boten des Messias den gefüllten Becher Weins bereitzustellen haben. Nicht nur im Symbol, sondern durch wirkliche laten und Opfer, wie es durch die Jüdische Winterhilfe geschah. So ist dieser Abschluß uns Hoffnung und Ansporn: wo die eigene Tat vollbracht wird, da bleibt der Segen Gottes nicht aus. So schreiten wir — selbst, und ohne Mittler — vom Pessach Aegyptens durch Meer und Wüste zum Pessach der Zukunft. Das ist unaufgehobene göttliche Verheißung. Unsere Wanderbücherei Eine Folge von Buchbesprechungen wichtiger neuer und älterer Bücher aus den Wanderkisten des Preußischen Landesverbandes. Ein Dichter der Berge« Huldschiner, Richard: Die Nachtmahr. Roman« München: Langen 1910. 260 S. — Narren der Liebe. Novellen. Ebd. 1912. 244 S. — Fegefeuer. Roman. Hamburg: Deut Dichter-Ged.*Stftg. 1927. 200 S. Aus dem Boden seiner Tiroler Heimat sind die Gestalten und Begebenheiten erwachsen, die der jüdische Dichter und Arzt mit feinstem psychologischen Verständnis schildert. Tief dringt er in die Seelenabgründe dieser primitiven Bergler ein, die in dumpfer Triebhaftigkeit dahinleben, wie die Anna in „Nachtmahr“, die unschuldig-schuldig zur Ehebrecherin, Brandstifterin, Kindesmörderin wird. — Mit dem Eigenwillen des Bergbauern schafft der Sohn des Mörders sich selbst ein irdisches „Fegefeuer“, um den Vater zu entsühnen. Bis er durch tatkräftige Hilfe bei Feuers- und Wassersnot die verlorene Achtung seiner Dorfgenossen wiedergewinnt und Liebe ihn von seinen Gewissensqualen erlöst. — Im Ton alter Legenden erzählt Huldschiner von den „Narren der Liebe“, derän zarte Gespinste erträumten Glückes der Wirklichkeit' nicht standhalten. Die schönste dieser innigen, meisterhaft stilisierten Novellen ist „Jakob und Rahel“, ein entzückendes Bozener Idyll aus der Goethezeit E. H. Neue Lyrik. Rosenthal, Fritz (Ben Chorin): Das Mal der Sendung. Der Lieder des ewigen Brunnens neue Folge. München: B. Heller. 1935. 73 S. — Marx, Hilde: Drelklang. Worte vor Gott, von Liebe, vom Tag. Berlin: Philo Verl- 1935. 71 S. Der junge Münchener Dichter Fritz Rosenthal ist ein ausgesprochen religiöser Lyriker, und da seine tiefsten Erlebnisse dem Judentum entstammen, besingt und deutet er viele bekannte, biblische Geschehnisse und Gestalten; Ruth, Esther und Judith erstehen in neuartigen Bildern, die Stimmung der Sabbath- und Seder-Abende ist in eindrucksvollen Gedichten eingefangen, ja selbst die Schöpfer und Künder der christlichen Religion werden in seinen Sonetten und Rhapsodien — von jüdischer Seite aus gesehen — zu poetischen Symbolen verklärt. Neben vielem SprachscbÖnen und Gelungenem zeigt sich die ************************************ * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * NEUE BÜCHER ZU PESSACH tob 'to man tid DIE PESSACH-HAGGADA Ilerauagegeben nnd erklärt von E. D. Goldschmidt Mit Übersetzungen der Gebete von Mutin Bnber Bücherei Band 54 In Pappe M 1.25 Moritz Zobel DAS JAHR DES JUDEN in Brauch and litnrgie Bücherei Band $5/56 Leinen M 2.50 Martin Bnber nnd Frans Roaensweig DIE SCHRIFT UND IHRE VERDEUTSCHUNG Oktav 352 Seiten Leinen M 6.— Karl Wolfskehl DIE STIMME SPRICHT Erweitertet Werk / Gedichte Großoktav LXXX Setten Leinen M 6.— SCHOCKEN VERLAG BERLIN SW 19 * * * * * * * * * * * * •5 * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * # * * * * * * ★ * * * * * * * * # * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * ************************************ Jugend des Verfassers aber noch in manchem Zuviel an Worten und Bildern und in manchem weniger Geglückten. Das Ganze kann jedoch als begrüßenswerte Bereicherung deutsch-jüdischer Versdichtung aufgenommen werden. 9 Die Auswahl von Gedichten der ebenfalls der jungen Generation angehörenden sympathischen Dichterin Hilde Marx unter dem Titel „Dreiklang“ (Worte vor Gott, von Liebe, vom Tag) zeigt eine bewundernswerte Meisterung der Sprachmittel; viel Ansprechendes und rhythmisch Empfundenes, gleichsam Singbares findet sieb in dem Buch, wie der „Chor der jüdischen Frauen in Deutschland“, der ihr den Literaturpreis der jüdischen Künstlerhilfe einbrachte; aber ihre Versgewandheit verführt sie mitunter, auch eben weniger Belangvolles hübsch und klingend — ju formen. Ihre Begabung läßt auf künftig Bedeutungsvolleres hoffen. D. 9