Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-04-01 · 4 (1.4.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
4 (1.4.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-04-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021693--350-3981086
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wfihrend der letzten Generation fast in allen Kulturländern; sie haben weder in Frankreich gefehlt, noch in England (Beerbaum-Tree), noch in Amerika (Conried, Bellasco, Gest). Wir wollen aber hier im Speziellen die Männer betrachten, die in Deutschland als Theaterleiter gewirkt haben. Wobei nicht vergessen sein soll, daß in der letzten Generation ja auch eigene jüdische Theater mit ihren Leitern sich herangebildet haben, hebräische, jiddische und deutsche. (Aber der geniale Begründer und Lehrer der „Habima“ Wachtangow war kein Jude!) Man muß sich klar machen, daß „Theaterleiter sein“ zweierlei bedeuten kann; einmal den Regisseur, den Mann, der die einzelnen Vorstellungen zustande bringt, indem er — alles Andere kommt erst in zweiter Reihe — die Schauspieler mit suggestiver Kraft in die dichterische Gestalt einführt. Er ist ein Schauspieler höherer Ordnung, in dem Sinne, daß er alle Gestalten eines Dramas erleben muß — nicht bis zu dem Grade vollkommener Verkörperung, aber doch mit einer Andeutung, die stark genug ist, um so besonders suggestive Menschen wie Schauspieler zu entzünden. Dann aber gibt es den Theaterdirektor, den Mann, der nicht für die einzelne Vorstellung, sondern für die Gesamtheit aller Vorstellungen verantwortlich ist, der das Ensemble, das Repertoire, das technischePersonal und das Geschäftliche des Theaters zugleich führen und - in sinnvoller Weise aufeinander abstimmen muß. Regisseur und Theaterdirektor können in einer Person vereinigt sein; aber es ist durchaus ein Aberglaube, daß sie stets in einer Person vereinigt sein müssen. Es hat große Theaterdirektoren gegeben, die durchaus keine Regisseure waren, und es gab und gibt hervorragende Regisseure, die gar keine oder zum mindesten keine guten Theaterdirektoren sind. Und wir werden in der folgenden Betrachtung jeden der drei Typen kennen lernen. Schon sehr früh, am Ende des XVIII. Jahrhunderts, erscheint im deutschen Theaterleben ein jüdischer Schauspieler, der von dein großen Schröder, dem ersten Meister deutscher Theaterkunst in jener Zeit, dem Leiter des Hamburger Nationaltheaters, als Gehilfe herangebildet wird, und der schließlich sein Nachfolger in der Hamburger Theaterleitung wurde. Das ist Jacob Herzfeld, der von 1769 bis 1826 lebte. Ein schöpferisches Genie war er kaum, wohl aber nach dem Zeugnis seiner Zeitgenossen ein Mann, der mit künstlerischem Ernst und mit großer Gewissenhaftigkeit die Tradition seiner Bühne zu wahren strebte. In der kommenden Generation ist kaum ein jüdischer Theaterleiter in Deutschland zu nennen. Dann tauchen Männer wie Pollini und Angelo Neumann auf, die sich mehr durch großzügigen Geschäftsbetrieb auszeichneten; aber neben ihnen lebt an viel verborgenerer Stelle ein Mann von ganz anderer kunstgeschichtlicher Bedeutung — das ist Chronnegk, der Regisseur der Meininger. Die Erneuerung des deutschen Schauspiels, das damals sehr im Argen lag, unter der Willkürherrschaft der Virtuosen verwilderte und außerhalb des Wiener Burgtheaters kaum noch eine Schauspielbühne von wirklich künstlerischem Rang besaß — die Rettung des deutschen Schauspiels und eine mächtige Anregung für das Theater in der ganzen Welt ging von Meiningen aus. Es war der 1 Herzog ■ Georg, der von einer wirklichen künstlerischen Leidenschaft erfaßt, gemeinsam mit seiner zweiten Göttin, derfrüheren ' Schauspielerin Frau von Heldburg, in der kleinen Residenz die vorbildliche Bühne schuf, das einheitliche. Ensemble mit echten Kostümen und künstlerisch durchge.- bildeten Szenenbildern, das dann durch Gastspiele in der ganzen Welt hohen Ruhm gewann. War aber der Herzog * .taT *-vJ ' Davidsdiild zum Aufbewahren Darstellung aus dem das leitende Genie dieser Bühne, so war die organisatorische Kraft, auf der alle technische Arbeitslast lag, der Regisseur Chronnegk. Er war ein kleiner jüdischer Komiker aus Berlin, dessen Kunstsinn, Arbeitskraft und Pflichttreue vom Herzog bald entdeckt und zur Leitung berufen wurde. Die außerordentlich schwierigen Gastspielreisen der Meininger sind fast ganz sein Werk; sie hörten bald auf, als Chronnegk infolge der Ueberarbeitung in Düsseldorf 1886 einen Schlaganfall bekam. Fünf Jahre später starb er; er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Meiningen beigesetzt und sein Grabstein zeigt die Inschrift: „Georg, Herzog von Meiningen und Helene, Freifrau von Heldburg, ihrem Freunde.“ Die von den Meiningern begonnene Entwickelung konnte nur dadurch fortgeführt und etwa übertroffen werden, daß man ihre Errungenschaften an einer Großstadtbühne ansiedelte, die das Einzige hinzufügen konnte, was den Meiningern nicht möglich war, nämlich die einzelnen Schauspieler ersten Ranges, die sich auf die Dauer in dem winzigen Meiningen trotz der großen Gastspielfahrten ‘nicht halten ließen. Diesen entscheidenden Fortschritt brachte die Gründung des „Deutschen Theaters“ in Berlin. Eine Vereinigung der vorzüglichsten deutschen Schauspielkräfte kaufte das Friedrich- Wilhelmstädtische Operettentheater und begründete eine Schauspielbühne in derSchumann Straße, die bald Berlin zur ersten Theaterstadt des deutschen Gebietes machen sollte und die Wiener Hofburg ablöste. Von den sechs Sozietären, die sich ursprünglich zusammentaten: August Förster, Friedrich Haase, Ernst Possart, Ludwig Barnay, Siegwart Friedmann und Adolph L’Arronge waren die drei Letztgenannten jüdischer Herkunft. Eine Sozietät war als Leitung eines Theaterunternehmens niemals glücklich. Die großen Schauspieler zogen bald davon; nur Friedmann blieb länger und August Förster, der hervorragende Regisseur. Als eigentlicher Leiter des Unternehmens blieb Adolph L’Arronge übrig. Er war der einzige Nicht-Schauspieler, aber Sohn eines Theatermanns, Musiker umj sehr erfolgreicher Stückeschreiber. Und L’Arronge schuf nun jene Vereinigung, die allein den Fortschritt bringen konnte: er bekannte sich in Ausstattung und Ensemble-Führung als ein Schüler der Meininger, und er fand und entwickelte schauspielerische Kräfte erster -Ordnung, vor allem Joseph Kainz und Agnes Sorma. Adolph L’Arronge (der übrigens schon bei der Geburt getauft wurde) entwickelte sich spä- .ter nach Försters Abgang auch zu einem vorzüglichen Regisseur. Aber seine vorzüglichste Kraft war doch die des Theaterdirektors, des Mannes, der das Ganze umfassend überlegte und alle Teile zusammenhielt. Den großen Ruhm hat L’Arronges Theater freilich fast ausschließlich durch KlassikervorstellungeiP gewonnen, durch die Aufführung von Werken von Goethe und Schiller, Shakespeare und Moliäre, Kleist und Grillparzer. . Im modernen Repertoire lag die Schwäche seiner Direktionsführung; denn hier entschied L’Arronge mit einem Geschmack, der seinen eigenen, bequem sentimentalen Theaterstücken entsprach. Für die neuaufkommende stärke und scharfe Dramatik der Epoche hatte er kein Organ. Für die Durchsetzung dieser Theater-Literatur bildete sich m Berlin ein Verein, der den Namen „Freie Bühne“ führte'und der unter, der Leitung des Kritikers Otto Brahms 'stand. Hier wurde Ibsen, Tolstoi und bald auch der neue deutsche Autor Gerhart Hauptmann gespielt.. Und die Wirkung War so groß, daß L’Arronge allmählich fühlte, ,,däß seine Zeit vorbei war; er trat zurück und übergab Brahm die Nachfolge mit diesen selten des ungesäuerten Brotes 18. Jahrhundert. Fot. Sonnenleid

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.