Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 4 (1.4.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sionen versehenen Juden und deren Familien für Einländer und preußische Staatsbürger“. Nur einhundertvierundzwanzig Jahre sind seitdem vergangen, für den Ablauf der Geschichte eine kurze Spanne Zeit! Wir lernen aus unserer unmittelbaren Erfahrung, wie wandelbar die menschlichen Dinge sind, wie wenig ein einmal legalisierter Zustand dauernd zu sein braucht, wie rasch das Rad der Geschichte sich drehen kann. Diese Erkenntnis dürfen wir unseren Kindern nicht vorenthalten. Wir haben ihnen zu berichten von der neuen jüdischen Wanderung und Diaspora, von dem Ringen um die Erhaltung einer Heimat, von Rew-ährung und Versagen, von Erfüllung und Sturz, von Treue und von Untreue, von Not und Erlösung in unseren Tagen. Wie die Geschichte unserer Väter in Mizrajim der Kern der alten Haggada war, so soll unser eigenes Leben, die Geschichte der Juden in Deutschland, die Fortführung werden, ein neues Kapitel der ewigen Haggada, die mit Abraham beginnt und erst am Ende der Tage abgeschlossen sein wird. Moses Hess hat in „Rom und Jerusalem“ die jüdische Religion als „nationalen Geschichtskult“ gefeiert. Wir wollen von unserem eigenen jüdischen Schicksal unseren Kindern so erzählen, daß sie es dereinst ihren Kindern berichten. Dann wird auch dieser Abschnitt der jüdischen Geschichte nicht vom Strome der Vergessenheit hinweggetragen werden, sondern von den noch Ungeborenen für immer bewahrt und heilig gehalten werden wie die Erinnerung an andere große, ergreifende Strecken unseres Weges durch die Geschichte. III. Das Judentum hat den großartigen Hegriff der „mündlichen Lehre“ geprägt. Sie durfte nicht aufgeschrieben, sondern mußte von Mund zu Mund von einem Geschlecht dem anderen überliefert werden. So wurde sie in jedem Zeitalter von Neuem durchdacht, frisch durchlebt und durchtränkt vom eigenen Empfinden. Dadurch wurde Leben und Schicksal des Ganzen stets erneuert, es wurde nicht Schrifttum, sondern blieb lebendige Erinnerung. Machen wir wieder Ernst mit dieser Idee der mündlichen Lehre, dann wird unser Geschick mit seinen Freuden und mit seinen Schmerzen nicht vergessen werden, dann wächst kein Gras über unseren Schmerzen und unseren Freuden, dann war nichts vergeblich, was wir erlebt oder erlitten haben, dann ist dem Guten wie dem Bösen, das wir erfuhren, ein dauerndes Gedächtnis bei den Kindern unserer Kinder gestiftet. Wir sind das Volk der Ewigkeit. Ein Blick auf die Weltgeschichte zeigt uns die erschütternde Tatsache, daß mächtige Völker verschwunden sind, spurlos, wie die Hethiter, nach Jahrtausenden aus dem Schutt ausgegraben, wie Assyrer oder Babylonier, oder mit nie aufhörender Wirkung trotz ihres leiblichen Todes, wie Griechen oder Römer. Unsere Zeitgenossen waren sie alle, aber nur wir blieben und dauerten. Eine Weltgeschichte von Jahrtausenden gibt dem Juden die Zuversicht auf bleibenden Bestand. Diese Hoffnung auf Zukunft aber stärkt uns die Kraft, auch eine schwere Gegenwart zu ertragen. IV. Die jüngste Vergangenheit hat uns ausgegliedert aus der lebendigen Zugehörigkeit zum deutschen Volke. Wir sind auf uns selber zurückgewiesen und angewiesen. Aber große Gedanken, die wir aus den Zeugnissen des deutschen Geistes geschöpft haben, bewahren wir deshalb doch als einen kostbaren Besitz. Zu den mächtigen Ideen, an denen wir uns aufrichten, zählen wir Friedrich Schiller's großartiges Wort: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“ Es gibt ein Forum, vor dem das Judentum in Deutschland sich verantworten muß, wenn keiner der Zeitgenossen von heute mehr lebt, die Weltgeschichte. Der Gedanke an dieses Tribunal stärkt uns im Gehorsam gegen die von Gott uns zugewiesene Aufgabe. Er treibt uns. unseren Kindern nicht nur von den Vätern zu erzählen, sondern auch von uns selber, damit sie dereinst unsere Anwälte vor dem Richterstuhle der Geschichte sein können. So feiern wir Peßacli als die Erben der alten Haggada und als die Schöpfer einer neuen, die sich an sie anschließt. Unseren Kindern erzählen wir in mündlicher Lehre von uns. damit unser Schicksal unseren Enkeln zum Segen werde und damit wir nicht vergessen werden. Dereinst werden ein neuer Grätz und ein neuer Treitschke die Geschichte unserer Tage schreiben. Wenn wir selber schon lange nicht mehr sind, soll er dann doch vor der Nachwelt Zeugnis für uns ablegen. daß wir unserer Väter nicht unwert gewesen sind. Und unsere Kindeskinder sollen dann an uns denken, wenn sie mit den Worten der Haggada Gott preisen. ..der uns erlöst hat und der unsere Väter erlöst hat." Jüdisdie Theaterleiter Von Julius B a b. Daß die Juden, Männer wie Frauen, durch eine offenbar sehr tiefreichende Veranlagung mit der neuzeitlichen Kunst des Theaters verbunden sind, das haben wir an dieser Stelle schon gesehen, als von jüdischen Schauspielern und Schauspielerinnen die Rede war. Aber es ist vielleicht garnicht überraschend zu erkennen, daß dort, wo der eigentlich künstlerische Beruf sich mit Aufgaben organisatorischer Art kreuzt, jüdische Begabungen womöglich noch stärker und entschiedener hervortreten als in der reinen produktiven Kunst. Das ist es, was man erkennt, wenn man die Juden als Theaterleiter betrachtet. Einige Feststellungen müssen dem geschichtlichen Ueberblick vorausgehen. Zunächst: die Zahl der jüdischen Theaterleiter war, auch in Deutschland, keineswegs so groß, wie es häufig behauptet wurde. Es konnte das schon deshalb nicht sein, weil Staatstheater und Stadttheater, und das waren mindestens zwei Drittel aller deutschen Bühnen, es stets ablehnten, Juden in die Theaterleitung zu berufen. Es kamen für die Juden also nur die verhältnismäßig wenigen Privattheater in den sehr großen Städten in Betracht, und in deren Leitung haben die Juden, namentlich in Berlin und Wien, in der Tat zeitweise dominiert. Das unter ihnen vorhandene Talent mußte sicli eben auf dieses eine kleine Gebiet zusammendrängen. — Dabei soll durchaus nicht verschwiegen werden, daß es nicht immer die wirklichen Begabungen waren, die als Juden zur Theaterleitung kamen, daß es Fälle gegeben hat, wo mehr der Anreiz bloßen Unternehmertums als der künstlerische Beruf Juden in dies Gebiet geführt hat. Da haben Elemente von unzureichender Kultur wirklich Schlechtes gewirkt und der judenfeindlichen Propaganda bedauerliches Material geliefert. Aber zugleich muß man betonen, daß weder diese Gruppe der häßlichen Theaterspekulanten ausschließlich Juden gewesen sind, noch daß gar alle Juden, die zur Theaterleitung kamen, dieser Gruppe angehörten. Vielmehr ist für die Entwickelung des Theaterlebens auch außerordentlich Positives und Wesentliches durch Juden geschehen. Jüdische Kräfte gibt es innerhalb der Thealerführung 2