Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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stand erreicht, der namentlich in den jüngsten Altersklassen erschreckend ist: es gibt erheblich weniger Kinder bis zu 10 Jahren als Alte über 60 Jahre hierzulande! „Die Zahl ist das Wesen der Dinge“, so lehrten schon die griechischen Philosophen des Altertums. So wird auch der zahlenmäßige Aufbau der deutschen Judenheit ihr Schicksal weitgehend beeinflussen, beinahe noch stärker als alle Kümmernisse und Widrigkeiten des äußeren Lebens, als alle staatspolitischen und wirtschaftlichen Hemmnisse. Und die Hand dieses zahlenbestimmten Schicksals pocht vernehmlich an den Pforten der Alten, der Altgewordenen und der Altwerdenden. Besitz und Vermögen schwinden dahin, Leistungsfähigkeit und Möglichkeiten selbständigen Erwerbs gehen zurück; Heime und Haushaltungen lösen sich auf; reißt doch die notwendig gewordene Auswanderung die Familien auseinander und nimmt vielen Kindern das Glück, dankbar den Eltern den Ehrenplatz im eigenen Heim zu bereiten. Es wachsen die Pflichten der jüdischen Allgemeinheit. Schon heute sind die Altersheime der Gemeinden und gemeinnützigen Vereinigungen so stark gefüllt, daß oft lange Wartezeiten, für die Angemeldeten erforderlich werden. Der Versuch, auf privatwirtschaftlichem Wege für Unterbringung zu sorgen, sei es in Einzelpflegestellen, sei es in Pensionen oder privaten Heimen, wird in seinen Erfolgsaussichten von den finanziellen Kräften der Pensionäre abhängig sein; ja selbst die großen Gemeindeinstitutionen werden in absehbarer Zeit vor die Frage ihrer Existenzfähigkeit gestellt sein, wenn der fast unvermeidliche Schwund der Steuerkraft anhält und die Verarmung der jüdischen Gesellschaft weiterschreitet. Und doch ist es unabweisbar, für die nächsten Jahre neue Unterkunftsmöglichkeiten für unsere Alten zu schaffen; Unterkunftsstätten, die nicht von vorn herein mit der Gefahr des Erliegens rechnen dürfen. Die Opfer- ' bereitschaft unter den Juden in Deutschland ist groß, die Mittel mancher Gemeinden sind noch immer beträchtlich; an der Möglichkeit, neue Heime zu errichten, zweifeln wir nicht, ob sie sich nun hier befinden werden oder — nach einem kürzlich in der C. V.-Zeitung aufgenommenen Vorschläge — in Palästina. Aber damit allein ist es nicht getan; die Anstalten müssen für lange Zeit lebensfähig bleiben, sie müssen ihren Insassen ein Heim bieten und nicht Wohltaten, die gar zu leicht das wunde Herz beschämen. Der alte Grundsatz, sich durch eine einmalige Zahlung in ein solches Heim einzukaufen oder durch Stiftung einen Platz für Würdige zu schaffen, war gesund und eine Stärkung berechtigten Selbstgefühls. Er wird jetzt in einer neuen Form wieder lebendig gemacht: große Lebensversicherungsgesellschaften propagieren in diesem Zusammenhang den Gedanken der sog. „Leibrentenversicherung“, richten Beratungsstellen für Altersversorgung ein und empfehlen damit die Sicherung des zukünftigen „Pensionspreises“ für den ein Heim oder eine Pension aufsuchenden älteren Menschen. Versicherungsgesellschaften sind gute Rechner; sie werden daher bei der Verwertung der erforderlichen Kapitalien bestimmt nicht zu kurz kommen. Für ihre Leistungsfähigkeit ist das auch notwendig. Wenn sie mit ihrem Tun nur dem allgemeinen Nutzen dienen, so mögen sie das ruhig mit eigenem Nutzen bewerkstelligen. Uns alle können sie doch —; wie jede Kranken-, Unfall-, Haftpflicht-, Lebensversicherung — vor leiblichen und seelischen Sorgen und unerwarteten Zufällen bewahren. Welche Summen notwendig sind, wie der Rentensatz errechnet wird, das sind geschäftliche Angelegenheiten, die hier nicht interessieren. Dagegen ist schon die Sicherung vor Vermögensverfall beachtlich, die dem Einzelnen, dem vielleicht Lebensfremden und Geschäftsunkundigen, geboten werden kann. Besonders bedeutsam aber wird eine solche Leibrentenversicherung für Familien, deren junge Glieder auswandern und die älteren schweren Herzens ß*tr. Altersversorgung. Wir weisen darauf hin, daß Sie sich in allen Fragen der eigenen oder der Versorgung Ihrer Familienangehörigen zwecks kostenloser und für Sie unverbindlicher Beratung an uns wenden können. Wir machen Ihnen, wenn Sie uns genaue Altersangaben und Ihre Wünsche mitteilen, sorgfältig ausgearbeitete Vorschläge 1 für Leibrentenversicherungen. Nehmen Sie unsere Beratung durch erste Fachleute unverbindlich in Anspruch. Familienschutz E. V. Beratungsstelle für Altersversorgung B«rlinW8,Taubenstr.35 / A2 Flora 4417,4418 zurücklassen müssen. . Hier ergeben sich Ausblicke, die Kindespflichten zu sichern, finanzielle, Möglichkeiten zu erfassen und die Sorgenlast für die Zukunft ein wenig zu erleichtern. Welch ein seelischer Auftrieb liegt in dem Bewußtsein, daß für die Daheimgebliebenen gesorgt ist! — Wenn dann die junge Generation draußen Wurzel geschlagen hat und die Zurückgelassenen später nachkommen lassen will, dann werden sich vermutlich auch Regelungen der Rentenversicherung finden lassen. Ludwig Holländer In Dr. Ludwig Holländer, dem langjährigen Direktor des Centralvereins, hat die Judenheit Deutschlands einen Mann von überparteilicher Größe und Bedeutung verloren. Das ist es, was von seiner Lebensleistung unvergessen bleiben sollte: nur ein Mann, der über seine Parteibewegung hinausragte, konnte, zugleich an ihrer Spitze stehend, sie zu solcher Bedeutung emporführen. Seines Geistes Hauch spürte man auch in den Abgeordnetentagungen unseres Verbandes. Oft genug ergriff er, hier als Vertreter der religiös-liberalen Fraktion, der er angehörte, auf den Verbandstagungen das Wort. Sein Lebenswerk und seine Persönlichkeit sind an anderer Stelle gewürdigt worden. Hier obliegt uns lediglich die traurige Pflicht, auszusprechen, daß unter deiien, die um Ludwig Holländer Leid tragen, auch unser Verband sich befindet. Wir beklagen den Heimgang eines Mannes, der, wie er keinem "Werk gesamtjüdischer Aufbauarbeit sich versagte, auch die Arbeit unseres Verbandes überall förderte und unterstützte. Seine besondere Kenntnis der Kleingemeinden, seine viele Zehntausende von Menschen umfassende Personen- und Familienkenntnis kam auch unserer Verbandsarbeit zugute. Ein Mann von höchster menschlicher ' Reinheit und von geschichtlicher Größe ist von uns gegangen — secher zaddik liwrochoh — das Andenken dieses Gerechten ist zum Segen1 * Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat anläßlich des Hinscheidens von Dr. Ludwig Holländer der Witwe des Verstorbenen und dem Centralverein brieflich sein Beileid zum Ausdruck gebracht. Bei 'der Beisetzungsfeierlichkeit auf dem Friedhof in Berlin-Weißensee war der Landesverband durch die Herren Kammergerichtsrat i. R. W o 1 f f, Rabbiner Dr. G a 11 i n e r und Bruno W o y d a vertreten. 5