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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-03-01 · 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 4

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-03-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Esther auf der Bühne Von Georg Heinz N,e u e n d o r f. In diesen Tagen werden wir wieder Purim feiern, das Fest zur Erinnerung an die Zeiten, da das Los über das Judenschicksal in Persien geworfen werden sollte. Wieder werden wir in den Gotteshäusern die Vorlesung aus der Megillath Esther vernehmen, und in Freude und Dankbarkeit Mordechai's gedenken, des frommen Mannes, von dem die Bibel erzählt: „Und er hatte die Hadassah erzogen, das ist Esther, die Tochter seines Oheims; denn sie hatte weder Vater noch Mutter; und das Mädchen war schön von Gestalt.und lieblich von Ansehen.“ (Buch Esther 2,7j. Der dramatisch belebte Verlauf in der Handlung des Buches Esther hat dazu geführt, daß seine Begebenheiten oftmals in der Kunst — der bildenden sowohl als auch der dichterischen — zum Vorwurf genommen worden sind. Hadassah, die „grüne Myrthe“, sehen wir auf einem Deckengemälde der Sixtina; Tintoretto, Hubens,. Paolo Veronese, Hembrandt und viele andere Künstler haben sie gemalt. Dramatisch dargestellt aber wurde das Esthermotiv erst seit dem 16.. Jahrhundert. Von jüdischer Seite ist, soweit ich es übersehen kann, eine wirklich künstlerisch dichterische Behandlung des Stoffes nicht erfolgt, abgesehen von dem modernen Versuch Max Brods: „Eine Königin Esther" (1918). Diese Tatsache ergibt sich vielleicht einmal aus der ursprünglichen Abneigung der Juden gegen die Dramatisierung biblischer Ereignisse und ihre Darstellung auf der Bühne, andrerseits aus dem Charakter des Purimfestes selbst, das zu einer engen Verbindung mit Scherz, Spiel, Heiterkeit — und infolge davon — mit Maskeraden und parodistischen Aufführungen führte. Es ist nicht uninteressant zu erfahren, daß die frühesten Aufführungen des Estherstoffes, wenn auch in sehr primitiver Form, zuerst und vorzugsweise in jüdisch-deutscher Sprache erschienen sind, wenn wir auch im 16. Jahrhundert schon solche in spanischer Sprache finden.*) Erst im Zeitalter der Reformation beginnt die kunstmäßige dramatische Bearbeitung des Stoffes, wenn auch noch in sehr unvollkommener Form. Engel und Teufel werden in die Handlung eingeführt, und diese dient teilweise zur symbolischen Darstellung des Kampfes zwischen den beiden miteinander streitenden christlichen Konfessionen: Protestantismus und Katholizismus. Hans Sachs hat zu wiederholten Malen den Stoff dramatisch geformt, und von Shakespeare wissen wir, daß er selbst bei der Aufführung eines Estherstückes durch seine Schauspielertruppe tätig mitgewirkt hat. In diesem englischen „Komödiantenstück“ wird übrigens Esther als ironisch charakterisiert, indem sie bei dem Festmahl Haman mit den Worten zutrinkt: „Ich weiß, du liebst die Juden, darum will ich auf ihr Wohl trinken,“ eine Freundlichkeit, die der so Angeredete, wie aus seinem Gemurmel her- \orgeht, nicht gerade sehr sympathisch aufnimmt. Wirklich künstlerische Formung aber erfährt der Stoff zum ersten Mal durch den französischen Dramatiker Racine im 17. Jahrhundert. Mag auch Racine, der bei der Bearbeitung des biblischen Themas mit der bisherigen Uebung der französischen Dramatik brach, nur Themen und Figuren aus dem klassischen Altertum auf die Bühne zu bringen, bei der Abfassung seines Werkes satirisch einzelne Persönlichkeiten am französischen Hofe im Auge gehabt haben, sein Werk zeugt doch von starker dichterischer Kraft. Wenn der Dichter neben Mordechai, Esther, Haman und dem Könige noch andere Persönlichkeiten auf die Bühne bringt, so geschieht dies nur aus kunsttechnischen Gründen, handelnd greifen diese Personen kaum ein. Esther selbst aber ist die „eifernde Jüdin, die Tag und Nacht über das Schicksal ihrer Glaubensgenossen nachdenkt; um die Sorge für diese noch gerechtfertigter erscheinen zu lassen, stellt Racine das Schicksal der Juden *) lieber das kulturhistorisch sehr interessante Thema: Purim und Parodien vgl. M. Steinschneider in Monatsschr. f. Gesch. u. Wissensch. d. Jud. 1902/1903.— in Persien noch schlimmer und bedrückter dar, als es in Wirklichkeit war.“ Das Besondere und Neue an Racines Stück sind die eingestreuten Chöre der jüdischen Dienerinnen Esthers und deren Gebete. Aus diesen lyrischen Stellen spricht wahre Frömmigkeit und inniges Gotlver- I rauen: „Doch Gott, der siegreich ist, der eifervolle, Er bleibt der Herr, vor dem die Völker zittern. Der Einzig Eine, der im Himmel herrscht, Nach dessen Wink sich Blitz und Donner richten, Nicht Eure Götter!" Goethes Estherdarstellung in seinen zwei Szenen im: „Jahrmarktsfest von Plundersweilern“ wird man bestimmt nicht als eine würdige Behandlung unseres Themas ansehen dürfen, sondern nur als das, als was es der Dichter selbst in „Dichtung und Wahrheit" charakterisiert hat. Das Jahrmarktsfest in Plundersweilern ist ein in übermütiger Laune enstandenes, reichlich satirisch gemeintes, die geistigen Zeitströmungen verspottendes ..belebtes Sinngedicht ohne Schärfe und Spitzen." Und wenn Goethe einerseits in Worten Hamans an den König die religionsfeindliche „Aufklärung“ und deren Verachtung der Bibel geißelt, so ist es andrerseits auch Ausdruck einer gewissen, wenn auch mehr rationalen als humanen Toleranzauffassung, wenn er den König sagen läßt, als ihm Haman von „dem fremden Volke der Juden inmitten seines Reiches“ berichtet: Mein Freund, ich lobe Dich, Du sprichst die Pflicht, Doch wie’s Ihr andere seht, so sieht's der König nicht. Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen, Wenn sie nur ruhig sind — und mir die Steuern bringen." Die künstlerisch und dramatisch wertvollste Bearbeitung fand der Estherstoff durch Grillparzer — aber grade sein Werk ist Bruchstück geblieben. Bei ihm werden die handelnden Personen und Charaktere ins Neuzeitliche abgewandelt. Anders als in früheren Darstellungen ist Mordechai hier der Wahrheitssucher, der nur seiner Religion lebt, und der von sich sagt: „Es lebt mein Geist in Zeiten, die nicht sind, Und die die heiligen Bücher rück mir führen." Esther ist das Weib, das in voller Freiheit, nicht mehr gezwungen, dem liebenden Manne Ahasverus folgt. Aber nicht die Liebe, sondern Religion und Glauben sollten nach Andeutung des Dichters Ausgangspunkt und Konflikt des Dramas werden. Zusammenfassend wird man sagen dürfen, daß die dramatische Gestaltung des Estherstoffes bisher keine ideale Formung gefunden hat. Sie wird nur gefunden werden, wenn dichterische Gestaltungskraft sich verbindet mit Ehrfurcht vor dem Stoff. Alterssorgen Von Professor Dr. Erich Seligraann, Berlin. Die amtlichen Zahlen über den Altersaufbau der jüdi-. sehen Bevölkerung Deutschlands im Volkszählungsjahr 1933 liegen jetzt vor. Sie bestätigen im großen und ganzen die von erfahrenen Statistikern (G. Wolff, E. Kahn) früher vorgenommenen Schätzungen. Rund 500 000 Juden waren Mitte 1933 vorhanden, nicht weniger als 200 000 von ihnen hatten das 45. Lebensjahr bereits überschritten. Nimmt man hinzu, daß seit dem mehr als zwei Jahre zurückliegenden Stichtage eine erhebliche Auswanderung stattgefunden hat, die in erster Linie jugendkräftige Elemente, auch Kinder, umfaßte, so besteht kein Zweifel, daß heute in Deutschland etwa jeder zweite Jude älter als 45 Jahre ist! Demgegenüber hat die Zahl der Jugendlichen, der Träger jüdischer Zukunft im Deutschen Reich, einen Tief- 4

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