Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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und den eigenen Tod vor Augen, sagte: „Ich will, obwohl unbefugt, zum König gehen; und bin ich dann verloren — dann bin ich verloren!“ Der Gang zum König war nur ein Versuch, und Esther rechnete mit der Möglichkeit seines Mißlingens. Und wir sollten uns daran gewöhnen, statt als Lesende das „Happy end“ schon vorwegzunehmen, als Lebende die Wirklichkeit jener Esther und aller Großen der Vorzeit innerlich mitzuleben. Wer diese „Umkehrung“ und „Umstellung“ an sich selbst zu vollziehen vermag, der kann sehr glücklich werden. Denn wie ihm das Buch zum Leben wird, im gleichen Maße wird ihm das Leben zum aufgeschlagenen Buch. Zum Buche seines Lebens, in dem alles auf gezeichnet steht: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ja, auch die Zukunft. Denn Israels Geschichte ist keine lose Aneinanderreihung zusammenhangloser Begebenheiten, sondern es steht unter einem unverbrüchlichen Gesetz. Welches Gesetz dies ist? Es steht verzeichnet im uralten Buche; es ist das Bundes-Gesetz zwischen Gott und Israel. Und es mag in seiner vollen Ausführlichkeit hier Platz finden, damit jeder selbst nachprüfen kann, ob nicht alles, alle Strafandrohungen und alle Verheißungen, wortwörtlich eingetroffen sind, immer wieder in allen Jahrhunderten jüdischer Geschichte und so auch an jedem von uns: „Wenn du Kinder zeugst und Kindeskinder und eingesessen sein wirst im Lande; wenn ihr alsdann entartet... und tuet, was bös ist in den Augen des Ewigen, deines Gottes, ihn zu kränken, — So nehme ich heute Himmel und Erde gegen euch zu Zeugen, daß ihr bald umkommen werdet weg von dem Lande... Der Ewige wird euch zerstreuen unter die Völker und ihr werdet übrig bleiben als ein (leicht) zählbares Häuflein unter den Nationen, dahin der Ewige euch führen wird. Und werdet dort (fremden) Göttern dienen, Werken von Menschenhand, Holz und Stein, die nicht sehen und nicht hören und nicht riechen * *). Erst von da werdet ihr den Ewigen, euern Gott, suchen; und finden wirst du ihn, so du ihn von ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele suchst. In deiner Bedrängnis, wenn dich all dies trifft in späten Zeiten, wirst du zurückkehren zum Ewigen, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen. Denn barmherzig ist der Ewige, dein Gott; er wird dich nicht verlassen und nicht verderben, wird nicht vergessen den Bund deiner Väter, den er ihnen zugeschworen.*)“ Nun weiß ein jeder, aus welchen Gründen eine schwere Zeit uns traf, uns Heutige. Und jeder weiß auch, wohin sie uns führt. Denn wohin immer Israels Kinder heute wandern, ein Teil ins alte Land und ein anderer Teil in neue Länder und Kontinente, Rückkehr zu Gott ist in jedem Falle, was sich vollzieht, und wir sind der Zukunft gewiß. Wie wir von der in Büchern aufgezeichneten Vergangenheit lernten, daß sie einst lebendigste Gegenwart war, so lernen wir die Gegenwart unseres Lebens betrachten wie ein aufgeschlagenes Buch. Und lernen, heute schon über unsere Zeit so zu denken, wie unsere Nachfahren sie empfinden werden und wie wir die Zeit unserer Vorfahren empfinden: als überstandene Gefahr. Durch alles Leid hindurch sprechen wir dann zum Buche unserer Gegenwart in tiefster, demütigster, gläubigster Dankbarkeit den alten Spruch: Schehechejonu — Preis dem, der uns auch in dieser Zeit erhält und wahr macht, was er einst dem Jesaja zurief als göttliche Verheißung und Trost in jeder Katastrophe, die Israel trifft, immer wieder: „Denn, gleich wie bei der Eiche und der Terebinthe, wenn sie gefällt werden, ein Wurzelstock bleibt, so bleibt ein heiliges Geschlecht als Israels Wurzelstock.“ *) Wir dürfen das getrost modernisieren: was einst die fremden Götter Waren, denen Israel in der Zerstreuung dienen lernte, das sind heute — oder waren doch bis vor kurzem — die falschen Ideale. *) 5. B. Mose 4, 25—31. Ein Gang durdi unsere Jugendbünde Von Rudolf Mehlitz. ■ Zwei jüdische Jungen treffen zusammen. Erste Frage nach der Begrüßung: „In welchem Bund bist du?“ Denn daß man überhaupt in einem Bund ist, wird von der jüdischen Jugend in den Groß- und Mittelstädten beinahe als selbstverständlich vorausgesetzt. i Elternhaus und Schule haben sich mit der Tatsache der Bünde heute abgefunden, wenn auch noch keineswegs immer jenes Einvernehmen besteht, das zwischen diesen drei Erziehungsfaktoren erwünscht wäre. Das liegt zu einem gewissen Teil daran, daß viele Eltern gar nicht recht wissen und sich nicht so genau vorstellen können, was eigentlich im Bund vor sich geht, was ihren Jungen oder ihr Mädel zum Bund führt und mit dem Bund verbindet. Gelegentliche „Elternabende“, die verschiedene Bünde veranstalten, sind — wie ich glaube — auch nicht immer geeignet, den Eltern eine rechte Vorstellung von hündischer Arbeit zu vermitteln. Es sei daher hier einmal der Versuch gemacht, jenseits aller ideologischen Fragen, ganz allgemein von der Arbeit der jüdischen Jugendbünde zu sprechen, so wie man sie bei einem Gang durch die verschiedenen Bünde zu sehen bekommt. Das, was allen Bünden — seien sie nun mehr deutschjüdisch oder mehr nationaljüdisch eingestellt — gemeinsam ist, ist dieses: die Jugend wieder zum Judentum hinzuführen. Namentlich dort, wo junge Menschen nicht die Möglichkeit haben, eine jüdische Schule zu besuchen, ist diese Arbeit von ausschlaggebender Bedeutung für die ganze Entwicklung dieser Jungen und Mädchen. Besonders dann, wenn nicht allein die jüdische Schule fehlt, sondern darüber hinaus auch — was leider seihst heute noch vorkommt — die jüdische Ausgestaltung des Elternhauses sehr zu wünschen übrig läßt und nur eine höchst unvollkommene ist. Wie sieht diese jüdische Erziehungsarbeit unserer Bünde aus? Man lernt. Man kommt zu „Ssichoth“ zusammen oder zu „Heimabenden“ — der Unterschied ist in aller Regel nur ein terminologischer. Bei diesen Zusammenkünften lernt und diskutiert und debattiert man. Irgendein Raum des Jugendheims, den meist die Gemeinde zur Verfügung stellt. Jungen und Mädel sitzen beieinander. Einer stimmt ein Lied an. Bald singen alle mit. Unermüdlich und mit viel Eifer singt man in unseren Bünden. Dann wird über ein bestimmtes Thema gesprochen. Meist hat man einen genauen Arbeitsplan aufgestellt. Verschiedene der Jungen und Mädchen haben ein Referat übernommen. Nach den Ausführungen werden Fragen gestellt, wird das Gehörte durchgesprochen. Der eine oder andere ergänzt es, erläutert es. Zum Abschluß singt man wieder ein paar Lieder. Was für Themen bespricht man bei solch einem Heimabend, bei solch einer Ssichah? Hier einige, von denen ich im Laufe einer Woche bei ein paar Bünden Kenntnis erlangt habe: Die messianische Idee — Das Leben Sabbatai Zewis — Moses Mendelssohn — Die Araberfrage in Palästina — Die Judenfrage in Frankreich — Heinrich Heine 2