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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-03-01 · 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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GEMEINDEBLATT FÜR. DIE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VE RWA LTU N G S BIATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN ADe Zoadutften sind m rtduen n da« Vervattaop- und CfflndebUtt de« Prrnltodiip Lawltirgbuidfi |Mtd» Gemeinden, Bhi.-Gi«Hottrnbai>f2, K«&Mr.l5S^D.Sto(k Der BudwwI« für die Flneriim—er betritt lt Pfeaalf. Verentwörtlicher Leiter de« Inseratenteil*: Jaeeph Jestrov, Berile W15, KaisereOee ■ 14. Jahrgang Berlin, den 1. März 1936 Nr. 3 Abstand gewinnen! Es ist eine bekannte Erfahrung, die jeder in seinem Leben schon gemacht hat, daß man an überstandene Leiden und Gefahren gern zurückdenkt. Wer die Erklärung für diese merkwürdige psychologische Tatsache wissen will, der findet darüber das Nähere in Spinozas Affektenlehre unübertreffbar deutlich auseinandergesetzt. Aber auch ohne die wissenschaftliche Begründung zu kennen, weiß es jeder: mag der körperliche Schmerz oder die seelische Bedrängnis noch so groß gewesen sein, ist das Uebel, die Gefahr oder das Leid wirklich überstanden, dann denkt man an alles Durchlittene fast wie an etwas Gutes. Denn bewußt oder unbewußt denken wir dabei zugleich an die Kräfte, die, aus dem Innern oder auch von außen kommend, uns bei der Ueberwindung des Uebels zur Seite standen. „Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker“, sagt auch Nietzsche, und dies Empfinden geht bei manchen Menschen so weit, daß sie mit Schilderungen und Ausmalen der bestandenen Gefahr geradezu prahlen und ihren Nebenmenschen auf die Nerven fallen. Solch Verhalten ist nun schon wieder ein bißchen über das Normale hinaus, und doch kann man’s humorvoll begreifen und verzeihn. Denn es ist nun einmal so: überwundenes Uebel ist gleichsam wie die Bestätigung unserer Daseinsberechtigung. Gilt dies psychologische Gesetz für den Einzelmenschen, so scheint es nichtweniger für die Gruppen, Gemeinschaften und Völker zu gelten. Auch für uns Juden. Die meisten unserer Feste knüpfen an die nationale Geschichte Israels im Heiligen Lande an und sind zur Erinnerung an überwundene Gefahren eingesetzt — Peßach, Hüttenfest, Chanukkah, Purim — und an allen Festen sagen wir den Segensspruch „Schehechejonu“: „Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns am Leben erhalten, uns bewahrt und uns hat erreichen lassen diese Zeit.“ Das einzige Fest aber, das zur Erinnerung an diejenigen Katastrophen eingesetzt ist, die Israel nie ganz überwunden hat: der Neunte Ab, er hat, als einziges Fest und begreiflicherweise, diesen Segensspruch nicht. Wenn wir in den ersten Tagen des jetzt beginnenden Monats das Purimfest begehen und uns anschicken, die Esther-Rolle zu lesen, dann kann unter solchen Betrachtungen der einleitende Segensspruch „Schehechejonu“ für uns alle höchst fruchtbar werden, fasf so fruchtbar wie das Esther-Buch selbst. Dieses Buch ist uns, wie alle Bücher der Bibel, durch die Schwere der Gegenwart wieder näher gebrächt worden.. Manchem von uns waren die Menschen der Heiligen Schrift früher nur recht blasse, schemenhafte Figuren. Heute leben sie, sind Fleisch und Blut für uns geworden — vielleicht erst dadurch, daß wir sie als Fleisch von unserm Fleisch und Blut von unserm Blut erkannten. Vielleicht; denn es scheint auch dies ein Naturgesetz der Psyche des Menschen zu sein, daß er sich Gestalten der Vergangenheit wirklich zu verlebendigen vermag nur dann, wenn er sie zu sich selbst in persönliche Beziehung setzen kann. Viele von uns wurden solcherart erst durch ihr eigenes Leben dahin gebracht, daß sie empfanden: die Menschen der Bibel sind u n s e r e Menschen; und uun erst gewannen alle diese Gestalten Leben. Ob wir ihnen aber immer ganz gerecht werden, — wenn wir von ihnen lesen? Wir Lesenden haben es ja bequem: wir wissen das Ende schon immer voraus. Wenn Joseph von seinen Brüdern auf einsamem Feld in eine Brunnengrube gestoßen wird, wir wissen: sehr bald findet ihn die morgenländische Karawane, bringt ihn nach Aegypten, wo er dann nach allerlei Leidensstationen, Sklaverei und Gefängnis, zu königlichen Ehren und zu höchster Lebensleistung emporsteigt. Wir wissen es, Joseph wußte es nicht. Man stelle sich einmal die wilde Verzweiflung und gräßliche Angst des vom Vater verhätschelten Lieblings jungen vor, als“ er in jener Brunnengrube allein gelassen war und niemand die Rufe des Hungernden und Frierenden hörte. Er sah den Tod vor Augen, wir kennen beim Lesen dieses siebenundreißigsten Kapitels bereits den Inhalt des emundvierzigsten. Und nicht anders zu Purim: wir sagen in Kenntnis des glücklichen Ausganges „Schehechejonu“; Esther aber, den Untergang ihres Volkes

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