Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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derreichen (mindestens: fünfköpfigen) Familien zur Auswanderung zu verhelfen, und die in den letzten Tagen 1935 die ersten 19 Familien aus Deutschland nach Argentinien einschiffen konnte. Das Schicksal der Juden in den verschiedenen Ländern ist nach wie vor wechselvoll. Aus Oesterreich ist zu berichten, daß ein katholischer Kreis einen Vorstoß gegen die Bedrohung katholischer Rechte in Palästina unternommen hat, die mit der jüdischen Palästina-Einwanderung in Zusammenhang gebracht wird. Bemerkenswert ist ferner die Streichung der Staatssubventionen für die jüdische Kultusgemeinde. In Polen steht der vielfach zu beobachtende Antisemitismus in krassem Gegensatz zu Ereignissen, wie es etwa die Schaffung einer eigenen Heeres-Synagoge für die jüdischen Soldaten der Garnison Warschau oder auch die Teilnahme hoher Regierungspersönlichkeiten an einer Fahnenweihe der polnisch-jüdischen Frontkämpfer ist. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Institutionen sind traurig: die Gemeindebeamten in Warschau sind zeitweilig in Streik getreten, weil die Gemeinde die Gehälter nicht zahlen konnte, und eine bisher an 20 000 Kindern durchgeführte regelmäßige Schulspeisung mußte aus Mangel an Mitteln eingestellt werden. In Rumänien sind die Juden durch das Revolver-Attentat auf den rumänischen Oberrabbiner und Senator Niemierower in -höchste Aufregung versetzt worden. Daß das geistliche Oberhaupt der rumänischen Juden wie durch ein Wunder unverletzt blieb, ändert nichts an der himmelschreienden Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und den Garantien der Verfassung, mit denen auch die jetzigen Bestrebungen zur „Romanisierung des Handels“, d. h. also zur Zurückdrängung der jüdischen Elemente, wenig übereinstimmen wollen. — In Griechenland hat sich das angenehme Verhältnis zwischen der neuen Königlichen Regierung und der griechischen Judenheit weiterhin gefestigt. Aehnlich liegen die Dinge in der Türket, wo Kemal Atatürk kürzlich das Wort geprägt hat, er verlange von den Juden seines Landes, daß sie in erster Linie Türken und dann erst Juden seien — eine Formulierung, die allerdings wohl nur politisch gewertet werden sollte und vom Standpunkte der jüdischen Religion sowie auch im Hinblick auf die Gestaltung des inner jüdischen Lebens einer näheren Interpretation zu bedürfen scheint. Wie zu Anfang, so muß auch zum Schluß dieses Umblicks eines Toten gedacht werden, wieder eines englischen Mannes, aber eines Juden. Lord ^teading, dessen 75. Geburtstag die gesamte britische Welt und auch die Juden aller Länder noch vor wenigen Monaten feierten, ist am vorletzten Tage des Jahres 1935 gestorben. Sein bewunderungswürdiger Aufstieg aus allerkleinsten Verhältnissen zu den höchsten Stellen des britischen Weltreiches (Vize-König von Indien, Lord-Oberrichter usw.), sowie auch seine großen' Leistungen für das Judentum sind damals hier gewürdigt worden. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen Vertreter des Königshauses, Minister, höchste Mitglieder des englischen Adels sowie eine große Anzahl auswärtiger Diplomaten teil; wenn auch heute, nach dem Ereignis des 19. Januar, alles überschattet ist von der Trauer um den König, so darf doch gesagt werden: um Lord Reading trauerte die ganze britische Nation, und die gesamte Judenheit klagt um einen ihrer hervorragendsten und edelsten Brüder. Ansdilußbewepunp der Landesverbände Anschluß des Mecklenburgischen Gemeindeverbandes an den Preußenverband. In Rostock fand am 12. Januar die Landesversammlung der Israelitischen Landesgemeinde Mecklenburg statt, die als wichtigsten Punkt über den Anschluß an den Preußenverhand zu beschließen hatte. Nach einem ausführlichen Referat des zu der Tagung erschienenen Vizepräsidenten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee, und ergänzenden Ausführungen des Sachbearbeiters des Verbandes, Max Birnbaum, zu einigen Spezialfragen, wurde der vorgelegte Antrag über den Anschluß der mecklenburgischen Landesgemeinde und ihrer Orlsgemeinden an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden einstimmig genehmigt. Die Versammlung wühlte zum Vertreter Mecklenburgs im Großen Rat des Preußenverbandes den Vorsitzenden des mecklenburgischen Oberrats, Direktor Max Samuel (Rostock). Im Anschluß daran wurde eine Reihe laufender Angelegenheiten der mecklenburgischen Landesgemeinde erledigt. Am Nachmittag hielt Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee in der Synagoge in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus ganz Mecklenburg sowie aus Lübeck, Stettin und Stralsund einen Vortrag über „Gegenwart und Zukunft unserer jüdi- 9k sehen Gemeinden“. Der Vorsitzende der Israelitischen Landesvcrsammlung, Direktor-S i egm a n n, dankte dem Redner im Namen aller für seine fesselnden, eindrucksvollen Ausführungen, von deren starker und nachhaltiger Wirkung auf die nunmehr mit der preußischen Judenheit so eng verbundenen mecklenburgischen Gemeinden er überzeugt sei. Audi Lübeck schließt sich dem Preußenverband an. Nachdem soeben erst zwischen der Israelitischen Landesgemeinde Mecklenburg und dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden ein Anschlußvertrag abgeschlossen worden ist, hat nunmehr von den Hansestädten auch die Israelitische Gemeinde Lübeck den Anschluß an den Preußenverband beschlossen. Damit haben sich bisher also Thüringen, Oldenburg, Braunschweig, das Saar-Gebiet, Lippe, Mecklenburg und Lübeck dem Preußischen Landesverbände jüdischer Gemeinden angeschlossen. Unserfe Wanderbüdierei Eine Folge von Buchbesprechungen wichtiger neuer und älterer Bücher aus den Wanderkisten des Preußischen Landesverbandes. 1. Jüdische Geschichte für Jedermann. Elbogen, Ismar: Geschichte der Juden seit dem Untergang des Jüdischen Staates. Leipzig: Teubner 1920. 125 S. — Müller, S.: Jüdische Geschichte von der Zerstörung des ersien Tempels bis zur Gegenwart III. Stuttgart: Metzler 1921. IV, 483 S. Elbogen gibt auf 122 Seiten eine Gesamtgeschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates bis auf unsere Zeit. In knappster Form ist ein ungeheures Tatsachenmaterial nicht nur zusammengestellt, sondern auch gestaltet. Das Büchlein will für jedermann „die Schicksale der Juden in Zusammenhang mit der allgemeinen Geschichte verständlich machen, die treibenden Kräfte der geschichtlichen Entwicklung deutlich herausarbeiten, ein möglichst klares, anschauliches und wissenschaftlich-sachliches Gesamtbild zeichnen“. S. Müller hingegen schildert die jüdische Geschichte von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Gegenwart in „Charakterbildern“, löst also die Geschichte in biographische Einzelbilder auf. Für ihn wird jüdische Geschichte zur Geschichte der großen Männer in Israel, die aus dem Judentum erwuchsen und ihm zugleich seine Form gaben. Das schlicht geschriebene Buch hat erzieherische Absichten und ist besonders für die reifere Jugend geeignet. K. P. Graetz, Helnricb: Volkstümliche Geschichte der Juden. 3 Bände. Berlin, Wien: Harz 1923. — Brann, M.: Geschichte der Juden und ihrer Literatur. 2 Bände. Breslau: Jacobsohn & Co. 1893/95. Jeder Jude weiß oder sollte wissen, daß die erste umfassende und grundlegende Gesamtgeschichte der Juden von Heinrich Graetz in Breslau geschrieben wurde. Diese dreibändige kürzere Fassung enthält als „Volkstümliche Geschichte“ alles Wesentliche des elfbändigen Werkes unter Weglassung des Nebensächlichen und vermittelt, wiewohl die heutige Forschung manches anders siebt als damals Graetz, ein besonders durch die Darbietung des reichen sachlichen Materials ergiebiges Bild der jüdischen Geschichte. Die zweibändige Geschichte der Juden von Brann, im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts als Frucht langjähriger Lehrtätigkeit am Breslauer Rabbinerseminar erschienen, hat bescheidenere Ansprüche, sie will „ein Lesebuch und ein Schulbuch“ zugleich sein ... „durch die Einsicht in den Entwicklungsgang des Judentums zu klarem Verständnis für das religiöse Leben der Gegenwart und zu überzeugungstreuem Festhalten am väterlichen Glauben erziehen“. Auf Grund des gut gruppierten Tatsachenmaterials ist dies Werk „für Schule und Haus“ noch heute als erste Einführung geeignet K. P. Dibnov, S. M.: Die neueste Geschichte des Jüdischen Volkes. 3 Bände. Berlin: Jüdischer Verlag 1920/29. Diese drei Bände sind identisch mit den drei letzten Bänden der großen und bedeutenden „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ von Dubnow, die Zeit von 1789 bis 1914, also die Epoche der Emanzipation in aller Welt darstellend. Für Dubnow bedeutet jüdische Geschichte: Autonomistische Geschichte eines li West« icrll« PEM81IIM 1LSE lurfUuMCMUMm *• l<Ji HiMithM,1«a 9