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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-02-01 · 2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
Date
1936-02-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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worin er im deutschen, im europSischen Sprachbereich keinen, im jüdischen aber keinen geringeren Vorgänger hat als Jehuda Halevi. Der Jude Heine ist es, der den so berüchtigten und so gern kopierten journalistischen, feuilletonistischen Prosastil schafft, den man in Deutschland nur an seinen epigonalen Verwässerungen messen mag: uns stünde es besser an, ihn mit früheren und späteren, gleichgeborenen jüdischen Stilen zu vergleichen, von haggadischen Paraphrasen bis zum novellistischen Raisonnement bei Mendele und Scholem Alejchem, wo auch die typisch-jüdischen, tragikomischen Charaktere des „Schnabelewopski“ und der „Bäder von Lucca“ ihre echten Pendants finden. Von den großen Juden des vorigen Jahrhunderts ist Heine der einzige fast, dessen Einstellung zum Judentum nicht simpel und nahezu prophetisch wirkt. Er hat, um einen seiner besten Feinde zu zitieren, nämlich Mauthner, „den Juden trotz seines schielenden Uebertrittes, zum Christentum niemals verleugnet.“ Der genialste Sohn der Emanzipation, hat er deren Fragwürdigkeit immer klar gesehen. Sein philosophisches Denken war eine ständige, von diesem Affekt besessene Auseinandersetzung mit dem Christentum, zuerst von einem willentlich um der Emanzipation willen eingenommenen Heidentum, zuletzt nur mehr vom Judentum her, und sein politisches Denken bis in seine „Poesie der Wut“, die heiße Haßliebe des heimatlosen Mannes wirkt heute wie die vorweggenommene Reaktion auf die spätere Entwicklung der Dinge. Jüdisch ist das, und wenigstens der Jude muß es begreifen können, so, wie auch der Jude am ehesten den im unsäglichsten Elend seiner Matratzengruft zu Paris entsetzlich sterbenden Heine begreifen wird, der die Kraft, die Güte und — Ironie besaß, seiner alten Mutter heitere Briefe zu schreiben und nie etwas von seinen Qualen zu verraten. Heines Gesamtpersönlichkeit ist nur jüdisch zu erfassen. Der scheinbare Zwiespalt von feierlich tiefstem Gefühl und teuflisch animalischstem Witz fand sich vor ihm auch im Wesensgrunde der größten persischen, arabischen, spanisch-jüdischen Dichter, und am nachfühlbarsten ist seine Mischung von Pathos und menschlichem Ethos mit Possenspiel und Narrentum wohl aus dem heim- und haltlosen Lebensstande des Juden in dieser Zeit zu erklären. Das alles aber im Einzelnen theoretisch zu erörtern, scheint uns nicht mehr oder noch nicht an der Zeit. Der unendliche, eigentümlich bittersüße Schmelz seines Wesens und jeder Zeile seines Werkes ergreift uns von neuem, und immer klarer, immer lebendiger wird der Sterbende vor unseren Augen: einsam, trostlos, seine Verlorenheit immer wieder mit blutendem Spott überschüttend, ruhelos, unsäglich leidend, doch immer noch arbeitend, feilend, denkend, und zu jedem Besucher freundlich, aufgeschlossen, witzig. Am 17. Februar, als es Morgen werden will, ist der Kampf zu Ende. Dann kommt die „Mouche“, und man führt sie zu dem Toten: „Nichts Menschliches mehr in diesen kalten Zügen, nichts mehr, was an Den erinnert hätte, der da geliebt, gehaßt und gelitten: eine antike Maske, über welche die Ruhe des Todes die Eisschicht einer stolzen Gleichgültigkeit gelegt hatte, ein bleiches Marmorgesicht, dessen schöne Linien an die erhabensten Meisterwerke der griechischen Kunst erinnerten, so habe ich ihn zum letzten Male gesehen. Der Tod zeigte sich gerecht gegen den, der ihn liebte.“ Und Alfred Meißner erzählt: „Er war als Leiche so schön, wie ihn niemand, der ihn gekannt, am Leben gefunden; sogar sein Arzt behauptet, nie wahrgenommen zu haben, daß der Tod selbst über jugendliche Gesichter so viel Verklärung ausgegossen habe. Die Totenmaske, die man abnahm, hielt treu und dauernd diese Züge fest.“ Chronik des jüdischen Lebens Der moderne Brauch, beim Heimgang großer oder bedeutender Männer drei Minuten der Verkehrsstille und absoluter Ruhe eintreten zu lassen, ist fast mehr als nur Symbol; das zeigt sich jetzt beim Ableben des englischen Königs Georg V. Durch die unter seiner Regierung erlassene Balfour-Deklaration, sowie infolge des englischen Palästina- Mandats ist die Persönlichkeit Georgs V. auf das engste mit der jüdischen Geschichte unserer Zeit verknüpft. Es lag in dem Naturell des verstorbenen Monarchen, daß diese Verbundenheit mehr fühlbar als sichtbar war; aber bei großen Ereignissen trat sie in elementarer Art hervor. So beim Regierungsjubiläum im Mai 1935; so bei dem letzten großen Treffen der jüdischen Frontkämpfer zu Chanukka 5696, das der König durch ein persönliches Telegramm begrüßte; so jetzt bei seinem Tode. Das gilt naturgemäß in erster Linie für die Juden in England und in Palästina, wo aus begreiflicher Analogie Georg V. der „Cyrus unserer Zeit“ genannt wird. Darüber hinaus steht aber das gesamte jüdische Leben aller Länder, so mannigfaltig und spannend die Ereignisse auch sind, unter dem Eindruck dieses Trauerfalles; alles andere tritt eine Weile in den Hintergrund; die Zeit scheint wirklich den Atem anzuhalten und einige Minuten stillzustehn. Mit Genugtuung darf bemerkt werden, daß das herzliche Verhältnis besonders der englischen und der palästinensischen sowie der am Palästina-Aufbau interessierten Juden aller Länder zur Person des verstorbenen Königs völlig unberührt geblieben ist von den zeitweise aufgetretenen Spannungen mit der Regierung. Die Trauer um den König ist aufrichtig und tief; sie ist vollkommen unabhängig von den schweren politischen Konflikten, die gerade jetzt ausgefochten werden. Der eine Kampf geht um den Legislative Council (Gesetzgebenden Rat), den die englische Regierung in Palästina einsetzen will, er soll eine Art parlamentarische Körperschaft sein, in der u. a. auch Juden und Araber Sitze einnehmen sollen; doch wird die Teilnahme an ihm wie überhaupt die Schaffung dieser Einrichtung von den Juden aller Länder und aller innerjüdischen Richtungen leidenschaftlich abgelehnt, weil man eine Gefährdung der ferneren jüdischen Palästina-Einwanderung und einen Bruch der durch die Balfour Deklaration den Judeneingeräumten Rechte darin erblickt. Die verschiedenen Parteien der Araber dagegen scheinen nach den letzten Meldungen dem Plan zugestimmt zu haben, freilich bezeichnenderweise nur unter gewissen Vorbehalten, die deutlich auf eine Drosselung der jüdischen Einwanderung abzielen. Zur Zeit läßt sich noch nicht Voraussagen, welchen Fortgang diese Sache nehmen wird. Der andere Konflikt, der an der Oberfläche der Tagesereignisse weniger laut hervortritt, aber nicht minder zäh in der Stille ausgetragen wird, geht ebenfalls um die Palästina-Einwanderung: die Zahl der für das Jahr 1936 von der Regierung bewilligten Zertifikate ist äußerst gering, und die Bedingungen für die Kapitalisten-Einwanderer sollen durch Verdoppelung des bisher festgesetzten Minimal-Kapitals von 1000 Pfund verschärft werden. Auch in dipg&F schwerwiegenden Frage ist der Ausgang im Augenblick noch nicht vorauszusehen. Es liegt auf der Hand, daß alle diese Dinge für die Juden vieler Länder, insbesondere auch für die Judenheit in Deutschland außerordentlich bedeutungsvoll sind, zumal wenn man sie im Zusammenhang mit den Auswanderuncsmögllehkelten nach anderen Ländern betrachtet. Der Auswanderungsdrang ist gerade jetzt wieder sehr stark; gerade jetzt ist z. B. unter den Auspizien der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ eine „Jüdische Auswandererschule“ gegründet worden, die junge Menschen praktisch und geistig für die Wanderung nach Uebersee ausbilden will Aber der bisherige Leiter des vom Völkerbund eingerichteten Oberkommissariats für Auswandererfürsorge, James G. Macdonald, ist zurückgetreten, und gerade in diesen Tagen, während der Drucklegung dieses Blattes, sind in Genf Beschlüsse gefaßt worden, deren Durchführung eine Neugestaltung des gesamten Auswanderungswesens anbahnen sollen. — Bekannt ist auch der andere Versuch, der zur Zeit zur Lösung des Auswanderungsproblems unternommen wird, die Reise Sir Herbert Samuels’ gemeinsam mit Viscount Bearsted und Simon Marks nach Amerika mit dem Ziele, neue und große Möglichkeiten für die Einwanderung von Juden aus Deutschland in überseeischen Ländern zu schaffen. — Einen Anfangserfolg auf diesem Gebiete hat die „ICA“ zu verzeichnen, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, kin- Sachgem äße u.schl eunige Durch Führung Ihrer AUSWANDERUNG nach P a ( ä s t i i n a und anderen Ländern Amtier -Rat a. D. DR. ASCHNIR Elfcnea Btro In TIL-AVIV Ob«Ttf..Pat a. T> R. KtRPNIR mit Dr. Jar. W. Marx. Tal-Avtv lirlii 115, liiiikt-tr.l J1 fcar*2«S« (Tvlll 11'VIIRt) 18 Sdialom Aleitfcem Str. 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