Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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wenn wir davon sprechen, was das bedeutet: Ki nofalti komti —! Wer das Glück gehabt hat, in unseren Tagen jüdischen Menschen mit sorgenvollen Gesichtern und mit traurigen Augen im unbestimmten Dämmerlicht einer kleinen Synagoge zu begegnen und dann zu erleben, wie diese selben Menschen gleichsam die Zeit- und die Stunde vergessen, die harte Gegenwart überwinden, wie eine Welt vor ihnen versinkt und eine neue entsteht, wenn man vor ihnen Schicksal und Gestalten aus der Bibel wieder lebendig werden läßt, der wird diese Erlebnisse nie mehr vergessen, der wird den Menschen dankbar dafür sein, daß er gebend empfangen darf. Wir gehen mit unseren Freunden durch die Straßen der Städte, durch die Gassen der Städtchen am Rhein und an der Weser; Synagogen, alte kunstvolle Kultgeräte, Friedhöfe lassen alte Bilder aus der Vergangenheit auftauchen, lassen jüdisches Schicksal in Deutschland im Wandel der Zeiten wieder lebendig werden. Wieviel Glück, wieviel Hoffnung, wieviel Kraft, aber auch wieviel Leid und wieviel Enttäuschung liegen auf den Wegen vom Einst zur Gegenwart! Und dennoch: wieviel Optimismus, wieviel Glaube an die Welt und an das Leben spricht nicht nur aus dem, was wir als Zeugen der Vergangenheit sehen, sondern mehr noch aus dem was wir aus dem Munde unserer Freunde als den lebendigen Trägern jüdischer Existenz hören! Sie alle wissen, daß sie nur ein Glied in der unendlichen Kette der Geschlechter sind, aber daß sie auch in dieser Zeit die uralte und ewige jüdische Aufgabe zu erfüllen haben, ihr Judentum in seiner Reinheit und Unversehrtheit einer neuen Generation und damit einer neuen Zukunft zu übermitteln. Darlehnskassen und Gemeinden Nicht genug kann heute auf die Bedeutung der jüdischen-Darlehnskassen-Arbeit hingewiesen werden; sie ist, recht eigentlich in ihrem vollen Zusammenhang gesehen,, ein Stück Gemeindearbeit geworden, und das in einem neuen und höchst aktuellen Sinn. Die Gemeindearbeit gliedert sich noch heute in die drei Hauptgebiete: Thorah, Awodah und Gemiluß Chassadim, Lehre, Gottesdienst und Liebestätigkeit; darin hat sich, seitdem in den urgrauen Tagen der babylonischen Gefangenschaft die Gemeinden entstanden, bis heute nichts geändert. Indessen, blieben die Arbeitsgebiete gleich, die Arbeitsweise ist im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder Wandlungen und Entwickelungen unterworfen gewesen. Das letztvergangene Jahrhundert hat, wie jedermann weiß, im Zeichen der heiß umkämpften Gottesdienstreform gestanden. Eine nicht minder tiefgreifende Reform und völlige Umgestaltung haben in den letzten Jahrzehnten und bis in die letzten Jahre hinein die andern beiden Arbeiten, Unterricht und Wohlfahrt, durchgemacht, und eine spätere Geschichtsschreibung wird diese gesamte Umwandlung der Gemeindearbeit darstellen müssen. Was nun insbesondere das dritte Gebiet, die Wohlfahrt, oder wie wir heute besser sagen, die Sozialarbeit anbelangt, sö sind zwei seiner Entwicklungsstufen bereits allgemein bekannt; auf die dritte Phase dieser Entwicklung, obwohl sie auch keineswegs neu ist, muß immer wieder mit größtem Nachdruck hingewiesen werden, und das soll hier mit einigen Bemerkungen über die Darlehnskassen geschehen. Die schon allgemeiner bekannte Entwicklung der früheren Jahrzehnte fit die gleiche, die auch außerhalb der jüdischen Gemeinden stattgefunden hat: die allmähliche Zurückschraubung der rein charitativen Wohlfahrtsarbeit zugunsten einer immer weiter ausgebauten produktiven und konstruktiven Sozialarbeit. Im Zuge dieser Entwicklung sind, recht spät erst, auch die jüdischen Darlehnskassen entstanden, aber ihr Ausbau in der Art, daß wir von einer richtigen Darlehnskassen - Bewegung sprechen dürfen, ist erst erfolgt, als wir uns mit unserer gesamten Hilfsarbeit bereits im dritten Stadium der Entwicklung befanden. Solange es sich nämlich bei der sozialen Arbeit um wirtschaftliche Hilfe für einige wenige Menschen handelt, so lange hat der helfende Teil — in unserm Falle also die jüdische Gemeinde als die Trägerin der Sozialarbeit — das Gefühl, als Gebender aufzutreten. Wird aber die Zahl der Hilfs- und Sanierungsbedürftigen so groß, daß die Gemeinde selbst darüber in Existenzschwierigkeiten gerät, dann verschwindet auch der Unterschied zwischen Geber und Nehmer; die Aufrechterhaltung der Gemeinde selbst wird mehr oder minder davon abhängig, ob ihre Sozialarbeit, ihre Hilfe, die sie ihren einzelnen Mitgliedern angedeihen läßt, erfolgreich ist oder nicht. Dieser Zusammenhang hat schon immer bestanden, klar zutage trat er in neuerer Zeit wieder in den Jahren der schweren wirtschaftlichen Krisen, also sowohl zur Zeit der Inflation als auch in den Jahren der Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise, aber zu einem der brennendsten Vordergrundprobleme des jüdischen Lebens sind die sich aus diesem Zusammenhang ergebenden Tatsachen und Aufgaben erst im Laufe der letzten Jahre geworden. Es liegt auf der Hand, daß in dem gleichen Maße, in dem der wirtschaftliche Status jedes einzelnen Gemeindemitgliedes Rückwirkungen auf den Fortbestand der Gemeinde hatte, die Vorstände und Vertretungen der Gemeinden dem Aufbau und Ausbau der Sozialarbcit größere und immer mehr zunehmende Aufmerksamkeit zuwandten und daß zugleich die Gemeindeverbände, denen die Sorge um den Fortbestand der schwerkämpfenden Gemeinden oblag, an die Neuorganisation unseres gesamten jüdischen Hilfswerks herangingen. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat damals, neben anderen jüdischen Hilfsstellen, die er ins Leben rief, auch die Zentralstelle der jüdischen Darlehnskassen gegründet, bei einer großen Anzahl von Gemeinden sorgte er für die Schaffung örtlicher Darlehnskassen sowie auch zahlreicher Bezirksdarlehnskassen. Heute gibt es in den verantwortlichen Stellen der Gemeinden und Gemeindeverbände niemanden mehr, der nicht die Bedeutung erkennt, die die Darlehnskassen sowohl für unsere Einzelmenschen als auch für die Gemeinden und letztlich für die jüdische Gesamtheit besitzen. Um aber den ständig im Fluß befindlichen wirtschaftlichen Verhältnissen in jeder Phase ihrer Entwicklung folgen zu können, ist es nötig, daß die Kenner des jüdischen Wirtschaftslebens und die Leiter der jüdischen Darlehnskassen ununterbrochen ihre Erfahrungen nustauschen. Dieser Erfahrungsaustausch findet statt, und er ist erheblich gefördert worden auf jener bekannten Arbeitstagung, die die Zentralstelle für jüdische Darlehnskassen im November abgehalten hat. Mehr als 50 Vertreter der Darlehnskassen, insbesondere der Bezirksdarlehnskassen waren damals beisammen, und der Gründer der Zentralstelle, der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, hatte seinen Vizepräsidenten Dr. Alfred Klee zur Tagung entsandt. Von den vielen, außerordentlich instruktiven und nützlichen Referaten, die gehalten wurden, ist dasjenige des Geschäftsführers der Jüdischen Darlehnskasse in Breslau durch den Abdruck in diesem Blatte*) einer breiteren Oeffentlichkeit und vor allem allen jüdischen Gemeindeführern zugänglich gemacht geworden. Diese Ausführungen enthielten vieles an Erfahrungen, Fingerzeigen, Beispielen, was iri den Darlehnskassen jeder unserer Gemeinden in ähnlicher Form vorkommt und angewendet werden kann. Es ist nötig, (laß alle, die mit dieser Arbeit auch nur von fernher zu tun haben, sich darüber ständig unterrichten. Denn die Voraussetzungen dieser Arbeit sind, das hat die damalige Tagung deutlich gezeigt, völlig andere geworden als seinerzeit bei der Gründung. Was früher als reine Mittelstands-Arbeit gedacht war, ist heute ein Instrument zur Stützung und Erhaltung aller Existenzen, zur Verhinderung vorzeitiger Liquidationen, zur Erhaltung zahlreicher Arbeitsplätze. Durch diese Entwicklung erfolgt auch die Tätigkeit der Darlehnskassen notwendigerweise vielfach in Formen, die früher nicht vorgesehen waren; die Hilfe bei sogenannten notleidenden Hypotheken und die Zinsstützung (Mieten!) mögen hier als Beispiele er- *) Vgl. „Wie arbeiten unsere Darlehnskassen?“ von Dr. Weißenberger, Breslan; Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Jahrgang 14 Nr. 1 vom 1. Januar 1936. 6