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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-02-01 · 2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
Date
1936-02-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Erdarbeiten zurückgeführt werden —, dann ist der Typ vollkommen, der die heutige jüdische Generation würdig vertritt Die ganze heute lebende Judenheit; denn die Alten fühlen sich mitvertreten durch diese Jugend. Aber das darf nicht nur Symbol bleiben; das Werkzeug in der Rechten ist jüdische Wirklichkeit, und das Buch in der Linken muß jüdische Wirklichkeit wieder werden — der alte Geist muß in neuen Formen erstehen. Und wenn es der ganze Talmud für die Gesamtheit unserer Menschen nicht mehr wird sein können, den wir lernen, das Lernen selbst wird nicht aufhören dürfen. In diesem Worte „Lernen“ hegt aber nicht nur enthalten die Tätigkeit des Lesens und das Sichaneignen des Gelesenen, sondern zum Begriff des Lernens gehört auch die Systematik! Sie fehlt uns bisher — oder scheint doch zu fehlen — und dieser Mangel ist es, der viele abhält. Rat- und hilflos stehen sie vor den Regalen mit den alten Folianten, die sie nicht zu lesen vermögen; rat- und hilflos auch \or den ganzen Bibliotheken neuen Schrifttums, die jetzt, unter dem Drang der Tage, herausgegeben werden. „Wo sollen wir anfangen?“ fragen sie, und da sie ohne Antwort bleiben, fangen sie garnicht an. Und doch ist die Möglichkeit zur Systematik längst vorhanden, und neue Möglichkeiten sind schaffbar. Man verfalle, nur nicht wieder in den alten Fehler, man denke einmal nicht an die Aeußerlichkeiten, wenn hier jetzt von der Gebetordnung gesprochen wird. Die Gebetordnung mit allem, was sie einschließt, ist der größte Bildungsfaktor für uns Juden, der sich denken läßt, ist von der umfassendsten und zugleich von der tiefsten Wirkung. Der Jude, der in der Gebetordnung lebt, ist herausgehoben aus der <t,WcIt der bloßen Materie, lebt nicht nur nach dem bürgerlichen Kalender seines Berufes, sondern zugleich in der Geisteswelt des jüdischen Kalenders. Ohne jede Ueberheblichkeit, nein in tiefster Demut vor der Gnade dieses Glückes sei darauf hingewiesen: man vergleiche zwei Angehörige ein und desselben ganz eintachen Berufes, Handwerker, Kaufleute, Viehhändler, Hausierer. Der eine lebt in der Welt der jüdischen Gebetordnung, des jüdischen Jahres, der andere nicht. „Heute ist Sonnabend“ — das kann ein jeder sagen, und damit gut. Aber auf die Feststellung: „Heute ist Sabbath“ folgt immer die Untersuchung: „was für ein Sabbath?, welchen Thora- Abschnitt liest man?, welche Propfo^ten-Stelle?, was enthalten diese beiden Bibelstellen, was berichten sie aus der jüdischen Geschichte, was lehren' sie aus der jüdischen Ethik?, in welcher Beziehung stehen sie untereinander?, wieweit sind wir im jüdischen Monat und welche Einschaltungen oder Auslassungen macht man heute im Gebet?“ Man hat über derlei Dinge früher gelacht, weil sie so „überflüssig“ waren, weil sie „mit dem Leben nichts zu tun“ haben; heute, da uns die Wirklichkeit des Lel>ens wieder näher steht, erinnern wir uns, daß die Eingliederung in die jüdische Gebetsordnung auch den einfachsten Mann noch geistig erhält, ihn in lebendige Beziehung zu Geschichte, Philosophie, Ethik und Theologie des Judentums setzt — auch der einfachste unter uns ein klein wenig Historiker, ein klein wenig Theologe, ein klein wenig Philosoph, ein klein wenig Sprachwissenschaftler, jeder ein klein wenig Gelehrter und bescheidener Teilhaber an dem Wissensschatz unserer wirklichen Gelehrten, jeder ein Wissender, ein in Beziehung auf das Ewige Lebender, ein „Jißroel“. Aber so wenig wie in Bezug auf den Talmud, so wenig wollen wir uns auch hier einer Täuschung hingeben —: wer es nicht von Jugend auf vor sich gesehen hat, der wird sich dies in der Synagoge selbst nicht aneignen können. Dem Gottesdienst, besonders aber den Schriftvorlesungen, gar noch mit ihren Schönheiten, Feinheiten, Tiefen und Zusammenhängen, vermag nur zu folgen, wer schon damit Bescheid weiß. Darum: bildet Studienkreise; lest in den Häusern am Freitagabend den Thora- und Propheten- Abschnitt; nehmt heute schon das Buch Esther vor, um zu Purim der Vorlesung mit Verständnis und Genuß folgen zu können; und gleich nach Purim nehmt ihr euch dann die Peßach-Haggadah als Lern- und Lesestoff vor! Nicht, um einer Form zu genügen, sondern um andere Menschen zu werden. Ihr alle sehnt euch nach Freiheit; Glück und Freiheit liegen inwendig im Menschen, sie sind zu haben für jedermann. Das soll nicht heißen, daß unsere Arbeit für unsere Existenz vernachlässigt werden dürfe — das wird sie nicht, weder von den Einzelnen noch von den Organisationen. Aber wer arbeiten will, muß Hoffnung, muß Glauben haben,' daß seine Arbeit gelingt. Und wir Juden haben mehr ■—: Hoffnung und Glaube können täuschen; wir haben die Gewißheit. Sie kommt uns aus der Kenntnis der Geschichte und Aufgabe Israels, einer Aufgabe, die nicht wir erdacht oder gewählt haben, sondern wir wurden dazu bestimmt in einem Bunde, der gleicherweise Joch ist und Glück, in jedem Falle aber Garant der Dauer unserer Tage. Das sagen wir mit tiefster Demut. Und wer mehr davon hören will, der „gehe hin und lerne“. Es gibt Wege, es können Anleitungen geschaffen werden. Als im vorigen Jahr um diese Zeit der Maimonides-Gedenktag stattfand, da sind auf Veranlassung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden überall Gedenkfeiern veranstaltet worden: in den Gemeinden, Schulen, Organisationen, Bünden; und allen Rabbinern, Lehrern, Gemeinde-, Organisations- und Jugendfiihrem konnten, soweit sie das Material nicht selber besaßen oder beschafften, alle Unterlagen für die Ausarbeitung der Vorträge und Ausgestaltung der Feiern übersandt werden. Gewiß, die Fülle der Maimonides-Reden und -Aufsätze war etwas reichlich; aber hat es nicht gelohnt? Zwei Monate lang wurde systematisch Maimonides gelernt und gelehrt, und vor jedem steht heute das Bild seines Lebens, der Bau seiner Lehre. Bedarf es aber immer des äußeren Anlasses eines Kalendergedenktages? Könnte nicht einheitlich für die Juden im. ganzen Reich immer ein „Thema des Monats“ festgesetzt werden; vielleicht auch zwei oder drei Themen; die Bekanntgabe schon immer mindestens zwei Monate im Voraus, und alle Gemeinden, Schulen, Vereine, Bünde würden einheitlich und systematisch arbeiten, alles würde sich vorbereiten, und besonders in den kleinen Gemeinden würde man sich, anstatt zum Bridge, zu Studienkreisen zusammenschließen, Jung und Alt würden geistig arbeiten, geistig werden! Das wäre rechter Gebrauch der festlosen Zeit; sie braucht nicht lärmend und nutzlos vertan zu werden; sie kann uns fruchtbar werden, und das ist die höchste Freude. Daran mag jeder denken, der im Alltagsgrau nach Freude verlangt; wir alle verlangen nach Freude und wissen nun den Weg, sie uns zu schaffen. Und mögen die Formen neu sein, mag das jüdische Bildungsideal sich gewandelt haben, unverändert blieb das jüdische Ideal der Bildung. Wer danach sein Leben einrichtet, hat, was er sehnlichst sich wünscht: dauernde, fruchtbare Freude und die Gewißheit der Zukunft, und die lange, die festlose Zeit, richtig genutzt, wird ihm zum lang andauernden Fest 2

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