Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 2 (1.2.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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GEMEINDEBLÄU FÜR DIE JÜDISCHEN GEMEINDEN PREUSSENS VERWALTUN GS BLATT JDES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN AUe Zudirtftcn dnd tu rtditen «n da* Verwaltung^ and GeaelndebUtt de* PituflUdteo Landesverbandes (Odiidier Gemeinden« Bh.*Cbiriottenbar|2, KuMr.lB» ILStock Der Becagtprdi für die Einzelnummer betrügt lü Pfennig. Verantwortlicher Leiter des Inseratenteils: Joseph Jutrov, Berlin W 15, KiltertDee St 14. Jahrgang Berlin, den 1. Februar 1936 Nr. 2 Die festlose Zeit Die lange und festlose Zeit von Chanuka bis Peßach, unterbrochen lediglich durch das fröhliche Purimfest — ähnlich wie im Kalender der christlichen Kirche die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern durch die Fastnacht — war für frühere jüdische Geschlechter eine Zeit der Arbeit und des Studiums. Während ein Teil der Umwelt vor dem barschen Antlitz des Winters Trost oder Ablenkung auf Karneval und Maskeraden, in kindlichen oder ausgelassenen Vergnügungen suchte, sammelte man sich in den jüdischen Gemeinden um die im eigentlichsten Sinne des Wortes jüdische Arbeit. Vor allem pflegte und disziplinierte man seinen Geist I Die Bibel und ihre Kommentare, Talmud und Midrasch wurden in regelmäßigen Zusammenkünften durchforscht, und auch der einfachste Mann noch hatte reiche Ausbeute aus der Teilnahme an diesen Lernzirkeln. Lernen, — das war es, was überhaupt den jüdischen Menschen jener Zeiten prägte; es schlug nicht nur von außen nach innen, in dem Sinne daß unsere Menschen sich das ganze große und umfassende Schrifttum des Judentums aneigneten, sondern es schlug auch von innen nach außen, denn das Lernen und Wissen ist ja kein Vorgang oder Zustand, der losgelöst und unverbunden zu den übrigen Tätigkeiten und Eigenschaften eines Menschen hinzuträte, sondern es verändert die ganze Menschenpersönlichkeit. Es ist nötig, das einmal wieder auszusprechen. Denn das Wort „Lernen“ ist bei vielen in Mißkredit geraten, und so sehr uns diese Zeit auch auf die Tatsache unseres Judeseins und Judesein-Müssens zurückgeführt hat, so sehr haftet doch unser Blick bei der Erinnerung an geschichtliche Werte allzu sehr am Aeußerlichen. Auch der „modernste“ und „aufgeklärteste“ Jude weiß heute — oder hat es sich doch irgendwo angelesen — daß, viel längere Zeit hindurch als das örtlich feste Heiligtum zu Jerusalem, das illokale und überall vollziehbare Talmudstudium recht eigentlich den Kern des Judentums ausgemacht hat. Jawohl: das weiß heute ein Jeder, denn es gehört heute für uns Juden zur allgemeinen Bildung, das zu wissen, so wie früher andere Dinge zur allgemeinen Bildung gehörten. Aber versuch’ es, in einem solchen Kreise einmal vom „Talmud-Lernen“ zu sprechen: flugs wird vor dem geistigen Auge deiner Zuhörer das äußere Bild der sogenannten „Talmudjünger“ erstehen; Männer mit langen Locken und Bärten sitzen über Bücher gebeugt um einen Tisch-von dem aber, was dieses Lernen dem jüdischen Volke geleistet und was es aus den einzelnen Juden gemacht hat, von dieser Menschen bildenden und Geschichte gestaltenden Macht dieses Lernens besitzen nur wenige eine Vorstellung. Mit diesem Hinweis soll nicht etwa ein Klagelied angestimmt sein, und noch viel weniger bedeutet er einen Aufruf, Vergangenes wieder lebendig zu machen. Nichts kommt wieder; das ist Naturgesetz, ist Gottesgesetz. Und wie groß auch immer die Bedeutung des Talmuds bleiben mag — man wird ihn immer wieder studieren und auslegen — so wird es doch immer mehr nur ein kleiner Kreis sein, der sein Geistesgut verwaltet; Eigentum wirklich der jüdischen Gesamtheit wird der Talmud nicht mehr sein. Weder der altjüdische Hausvater, der, mit Seidenkäppchen und langem Bart, in alten Kommentaren forscht, noch die Talmud-Bachurim sind heute die charakteristischen jüdischen Typen. Der Künstler, der heute typische Juden darstellen will, der wählt die jungen Buben und Mädel, die auf Hachscharah sind und sich auf neue Berufe in neuen Ländern vorbereiten (und ist es für alte Berufe im alten Land, so sind doch Berufe und Land neu für unsere Generation), und Spaten oder anderes Werkzeug werden seine Figuren in der rechten Hand halten. Gibt er ihnen dann noch ein Buch in die linke Hand — als Symbol des Geistes, der die Juden vorwärts getragen hat durch die Jahrtausende und dem nachzustreben die Juden niemals aufhören werden, auch dann nicht, wenn sie zu Handarbeit und