Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gut Winkel bei Spreenhagen. Drei Monate ist die Berliner Malerin dort draußen gewesen und hat die Arbeit der jungen Menschen liebevoll beobachtet. Da sehen wir Jungens und Mädels auf dem Felde bei der Getreideernte. Im Hintergrund grüßt das Gut Winkel. Das rote Dach des hohen Hauses leuchtete herüber. Die satte, frohe, reine Stimmung des Bildes teilt sich dem Beschauer aufs glücklichste mit. Auf einem anderen Bilde sehen wir den besonderen Liebling der Malerin, „Ruth“, beim Flachskämmen und freuen uns mit ihr an dem graziösen, rassigen jungen Ding, das mit einer solchen Hingabe in seine Arbeit vertieft ist. Eine ihrer Kameradinnen wird bei der Arbeit an der Milchzentrifuge belauscht. Die kleine Zeichnung spricht davon, mit welch vollster Konzentration hier gearbeitet wird. Glückliche junge Menschen, die wissen, daß ihre Arbeit einen Sinn hat und eine Zukunft vor ihnen liegt. Sogar eine eigene Konservenfabrik, in der der Ueberfluß der Ernte sachgemäß verarbeitet wird, birgt der Betrieb. Paula Neufeld läßt uns auch hier einen Blick hinein tun. Der nüchterne Raum wird aufgehellt durch das Blinken der goldfarbenen Büchsen, durch die frischen grünen Farbtöne des Gemüses und der Spiegelung auf dem roten Steinfußboden. Die Charaktere der einzelnen jungen Arbeiterinnen sind fein getroffen. Eine besonders qualitätvolle Zeichnung zeigt einen jungen Mann, der kraftvoll und zuverlässig an der Maschine die Konservendosen schließt. Mit welcher Freude hat die Künstlerin da draußen gelebt und geschaffen! Ihre Bilder sprechen davon. Und Hachschorah auf Gut Winkel Zeidtn. von Paula Neufeld Fot. Abraham wenn sie die Zeit der lernte so lebendig und künstlerisch gestaltet, so freuen wir uns über die reiche Ernte, die sie selbst von diesem Aufenthalt mit nach Hause brachte. Wie arbeiten unsere Darlehnskassen? Referat gehalten bei der Tagung der jüdischen Darlehnskassen ln Deutschland am 24. November 1935 ln Berlin von Dr. Weißenberg, Breslau. Zum obersten Grundsatz unserer Tätigkeit haben wir es uns gemacht, ein ausgesprochenes Vertrauensverhältnis zwischen uns und unseren Klienten herzustellen. Keiner unserer Schutzbefohlenen darf das Gefühl haben, in die Maschen eines bürokratischen Systems geraten zü sein, in welchem sein Fall nun nach einem bestimmten Schema und nach bestimmten Paragraphen behandelt wird; umgekehrt verlangen auch wir von ihnen vollkommene Offenheit bei der Darlegung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir stehen nicht auf dem Standpunkte, daß sich unsere Tätigkeit in der Gewährung oder Ablehnung eines Darlehnsantrages erschöpfen darf. Wir legen vielmehr Wert darauf, in eingehender Aussprache die gesamte Situation des Ratsuchendefi zu erforschen und zu erfassen und ihm die Wege za zeigen und gegeber~ ■ - Hachscharah auf Gut Winkel (An der Milchzentrifuge) Zeichnung von Paula Neufeld Fot* Abraham nenfalls die Mittel zu gewähren, die seine Existenz erhalten oder fördern können. Indem wir ihm einerseits die Verantwortung aufzeigen, mit der wir als Treuhänder der jüdischen Allgemeinheit über die uns anvertrauten Mittel verfügen müssen, und indem wir auf der anderen Seite seinen besonderen Nöten und Wünschen jedes Verständnis entgegenzubringen suchen, bereiten wir eine Entscheidung vor, von der wir wünschen, daß der Klient sie nicht als Urteilsspruch empfindet, sondern als die nach Lage der Sache einzig mögliche Entscheidung, auch wenn sie seinen Wünschen nicht oder nur zum Teil entspricht. Der Schutzbefohlene darf nie das Gefühl haben, in Zukunft nicht mehr wieflerkommen zu dürfen, wenn seinem Anträge nicht entsprochen worden ist. Selbstverständlich begnügen wir uns nicht mit den Angaben, die uns unsere Petenten bei der Stellung der Anträge machen und mit den Unterlagen, die sie uns hierbei zur Verfügung stellen. Jeder Fall wird von einem der ehrenamtlich tätigen Sachbearbeiter, die den verschiedensten Berufsgruppen angehören, eingehend vorbereitet. Hierzu gehört insbesondere die Prüfung des Status, der Bilanz, der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens, der Prognose, und vor allem die Feststellung der erforderlichen Mittel und die Ermittlung der vorhandenen Hilfsquellen, Außenstände, begüterter Angehöriger und Freunde, Sachwerte und Kreditmöglichkeiten. Häufig hat schon die Erörterung aller dieser Faktoren ein ganz anderes Bild von der Situation des Petenten ergeben, als er sie sich und uns vorgestellt hatte. Zu wiederholten Malen hat schon diese Besprechung allein Möglichkeiten ergeben, die unsere finanzielle Hilfe überflüssig machen. Andrerseits hat sich auch wiederholt herausgestellt, daß dem Klienten auch nicht mit dem von ihm beantragten Darlehn zu helfen war, und daß hier andere Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden mußten, auf die ich noch zu sprechen komme. Zur Beschleunigung und Vertiefung der Arbeit des Sachbearbeiters setzt gleichzeitig die Tätigkeit der sogenannten Branchenobleute ein. Wir haben für jeden einzelnen Zweig der kaufmännischen, gewerblichen und freien Berufstätigkeit Vertrauensleute zur Verfügung, die Ermittlungen, notfalls an Ort und Stelle anstelten, die Angaben der Petenten nachprüfen und uns schriftlich über den Petenten und sein Unternehmen, seine Kreditwürdigkeit und -fähigkeit und die von ihm angebotenen Sicherheiten und benannten Bürgen berichten. Nach Abschluß unserer ^Türkisch 8? 5