Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-01-01 · 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
Date
1936-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021687--294-3981034
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

tiges und Unvorstellbares, so blieb ihm die Idee der geschichtlichen Evolution, „das dem Absolutismus der Idee entgegensetzte Relativitätsprinzip bis ans Ende fremd“ (Dubnow). Ihm blieb es ein unvollziehbarer Gedanke, daß die Erreichung der höchsten Menschenziele einem so unzuverlässigen Führer wie der Geschichte anvertraut sein könnte. Aber gerade deswegen ist sein absolutes, bewußtes Festhalten am Judentum und seiner Wahrheit, an jüdischem Glauben, der ihm Erkenntnis und Gewißheit war, um so bedeutungsvoller. Wenn nach einem Worte E. Cassierers die stärksten gedanklichen Impulse der Aufklärung und ihre eigentlichen geistigen Kräfte nicht in ihrer Abkehr vom Glauben begründet sind, sondern in dem neuen Ideal der Gläubigkeit, das sie aufstellt, und in der neuen Form, die sie in sich verkörpert, so schuf Mendelssohn in der Vereinigung von „vernunftbegründeter und traditionsgebundener“ Religion einen zwar schon zu seiner Zeit unter seinen Glaubensgenossen und noch bis auf den heutigen Tag umstrittenen Inhalt für den Begriff des Judentums, aber das Besondere und Großartige seiner Schöpfung lag darin, daß dieses Judentum, das L. Baeck bei der Zweihundertjahrfeier der Berliner Synagogen-Gemeinde als das „Judentum seiner Persönlichkeit“ charakterisierte, aus einer seelischen Tatsache zu einer geschichtlichen geworden ist, daß das Schöpferische seiner Individualität, wenn auch oft mißverstanden und von Epigonen übertrieben und verzerrt, wegweisend geworden ist für eine spätere Entwicklung. Mendelssohns bewußte Bejahung des Judentums war, so sehr er auch seine Wahrheiten aus der Vernunft zu erweisen sich bestrebte, keinesfalls allein eine Frucht seiner „aufklärerischen“ Geisteshaltung. Ihm war sein Judentum eine Angelegenheit des Herzens, eine Sache des Gemüts, — aus dem Gefühl suchte er philosophische, durchaus rationale Gründe für sein Verhalten dem jüdischen Zeremonialgesetz gegenüber. Mag auch seine bedeutendste Schrift „Jerusalem“ der methodischen Beweisführung nach in den Bahnen des zeitgemäßen Rationalismus wandern, man ahnt, nein, man erkennt hinter der äußeren Form das Irrationale der Liebe „zum angestammten Glauben“, das Bewußtsein der selbstverständlichen Geborgenheit in seinem Schutze. Aus der Verbindung dieser gefühlsbetonten jüdischen Haltung mit außerordentlicher hebräischer Gelehrsamkeit entstand die deutsche Pentateuchübersetzung, die „zu den besten und gelungensten gezählt werden kann“. Durch diese Uebersetzung von sprachlicher Schönheit und stilistischer Formvollendung hat Mendelssohn den Juden seiner Zeit nicht nur ein neues Verständnis für Geist und Inhalt der Bibel in einer Epoche gegeben, in der das Bibelstudium arg vernachlässigt war und der Gottesdienst in zahlreichen Gemeinden oftmals einer zu wahrer Andacht erhebenden Würde entbehrte, sondern er hat auch durch sie das religiöse Leben der Juden in Deutschland in unmittelbare Beziehung zur allgemeinen Bildung der Umwelt gebracht Indem er seine Glaubensgenossen dazu anleitete, das geistige Leben dieser Umwelt in sich aufzunehmen, half er die Voraussetzungen schaffen zu einer geschichtlichen Entwicklung, in die das Judentum schicksalhaft gestellt war. In einer Zeit, da die Voraussetzungen jüdischer Existenz bei uns von neuem problematisch geworden sind, werden wir uns gleichzeitig von neuem der Grundlagen unseres jüdischen Seins, des Wesens unseres Judentums stärker als je bewußt sein müssen. Mag unter diesem Gesichtspunkt das eine oder andere in Mendelssohns Lehre und seiner Auffassung vom Judentum vielleicht berechtigten Zweifeln begegnen, mag e'ine neue Zeit den Blick in neue geistige Gebiete richten — eines bleibt hei uns allen: die Dankbarkeit für ihn, „für den Wahrheit das erste war, weil sie für ihn Mut zu sich selber und nicht Verzicht auf das Ich besagte, für den Frieden nicht ein Gleichmachen, sondern ein Zusammenwirken aller der Besonderen, ein Zusammenarbeiten für das Große Ganze bedeutete.“ Grundsätze und Praxis der Jüdischen Winterhilfe Von Dr. Georg Lubinski, Geschäftsführer der „Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden“. Die Notwendigkeit der Schaffung einer eigenen jüdischen Winterhilfe in diesem Jahre hat bei allen Beteiligten zunächst schmerzliche Gefühle ausgelöst. Es ist damit wiederum die Ausgliederung der Juden aus einem Gebiet des Lebens in Deutschland erfolgt, in dem bisher eine Unterscheidung innerhalb der Bevölkerung nicht vorgenommen worden war. Andererseits ist, nachdem die Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Winterhilfe deutlich geworden war, die Arbeit fast überall mit großem Schwung und starkem Einsatz in Angriff genommen worden. Jeder spürte, daß die im Kampf gegen Wintersnot und Kälte auf sich allein gestellte jüdische Gemeinschaft niemanden im Stiche lassen dürfe, wie es der Aufruf der großen Organisationen zur Jüdischen Winterhilfe richtig zum Ausdruck gebracht hat. Die Jüdische Winterhilfe ist daher ein neuer und starker Anlaß zur Bewährung der jüdischen Solidarität in Deutschland geworden. Das erweist sich schon jetzt dadurch, daß eine große Anzahl von Menschen als Helfer und als Spender neu in den Kreis der jüdischen Hilfsarbett getreten sind und die Organisation der jüdischen Wohlfahrtsarbeit in Deutschland eine wesentliche Verstärkung und Erweiterung erfahren hat. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß sehr viele Menschen, die bisher abseits von der jüdischen Hilfsarbeit standen,* Träger dieser neuen Arbeit geworden sind. So ist die Allgemeinverbindlichkeit für die Jüdische Winterhilfe ein starker Antrieb für die Arbeit geworden. Ueberall regt sich der mitunter brachliegende Wille zur Hilfsbereitschaft, regt sich der Wunseh, anpacken zu können, mitzuhelfen bei der Arbeit des Adressenschreibens, des Sammelns, des Verteilens. Es gehört zum Wesen der Hilfsarbeit, daß sie nicht so stark individualisiert, so stark auf die Bedürfnisse des. einzelnen Menschen eingehen kann, wie es jede wohlfahrtspflegerische Arbeit tun muß. Darin liegt aber gerade in unserer Arbeit nicht immer ein Nachteil. Denn es bewährt sich in der Erfassung eines großen Kreises von Hilfsbedürftigen das Gefühl jüdischer Solidarität, das wohl niemals stärker und eindrucksvoller gewesen ist als gerade jetzt. , Die Jüdische Winterhilfe erleichtert es, auch an die verschämten Armen heranzukommen, weil durch den Umfang der Sammlungen der Hilfsbereitschaft nicht von vornherein die Grenzen gesetzt sind, die wir sonst bei unserer Wohlfahrtsarbeit allzu schmerzlich empfinden. Das wichtigste Ergebnis der Arbeit muß aber immer wieder die unmittelbare Begegnung zwischen Helfern und Hilfsbedürftigen sein. Wir haben daher empfohlen, daß im Zeichen der Jüdischen Winterhilfe besonders in den kleinen und Mittelgemeinden Chanukka-Feiern veranstaltet werden, die die Helfer und Hilfsbedürftigen ohne Unterschied vereinen. Es ist erfreulich, wie besonders manche Sachgemäße u. idileunigeDurcfiführung Ihrer AOSWANDEBdNti nach Palästinaand anderen Ländern Geacralreprl.cataas ----- - _ _ - ■ ... . . . . ****** Dipl.» Kanfaaan Dr. Paal HOU3BIBW1SH CHAMBER vcri Aattfer.'Ral a. D. DR. ASCHNIR Elfen«. Bfiro la TKL-AVIV Obcrref-oRat a. D. R. KKMPNIR alt Dr. Jar. W. Marx. Tal-Aviv larlla I», ■ill.Ultr.l Jt Raa*RH (IVe-1Jl.1»Vr1lfc) 18 SAaloa Alekfcea Ser. EA« Ben Jekalx Read ilcii»lliälHllfci Tf»lcr«Pf|cülc fimciärläät NAIM _ tjBWlSH CHAMBER OP COMMERCE Haifa, P. O. B. 2B6 / Telefon 107 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.